Krise? Nicht in München. Angetrieben von altem Geld und neuen Ideen ist die bayerische Hauptstadt zur Techmetropole und zum Taktgeber der deutschen Wirtschaft geworden. Warum gelingt hier, woran sich der Rest Deutschlands gerade vergebens versucht?
Zuerst erschienen im manager magazin 2/2026.
Wenn Nvidia, der wichtigste Chiphersteller der Welt, in den deutschen Start-up-Markt einsteigen will, dann natürlich in München. Donnerstagnachmittag, Mitte Dezember, es ist „Demoday“ bei der „UnternehmerTUM“, dem Gründerzentrum von BMW-Erbin Susanne Klatten, von der Financial Times zum besten Europas gekürt.
60 Start-ups pitchen, und jede Menge interessiertes Geld ist gekommen: Vermögensverwalter der großen Familien wie Hopp, Burda oder Herz, Konzernleute von SAP bis Bosch.
Susanne Klatten
© APA-Images, Visum, Thorsten JochimSteckbrief
Susanne Klatten
Susanne Klatten ist Deutschlands reichste Frau und u. a. Großaktionärin von BMW. Sie gründete 2002 „UnternehmerTUM“ Europas größtes Gründerzentrum an der TU München, das jährlich über 100 Tech-Start-ups fördert.
Erfolgsverwöhnt
Rund 600 Leute schwirren durch die Gänge. Dazwischen steht Nvidias Start-up-Community-Managerin Snehal Deshmukh, eine freundliche Inderin Ende 20, und plaudert kurz mit „UnternehmerTUM“-Chef Helmut Schönenberger.
Nvidia, an die fünf Billionen Dollar schwer, arbeite mit 20.000 Start-ups weltweit zusammen, erzählt sie. Nur in Deutschland laufe noch nichts. Aber im Februar will sie wiederkommen und bringe dann „ihren Boss“ mit. „Das passt gut“, sagt Schönenberger lässig, drückt ihr seine Visitenkarte in die Hand und zieht weiter. Nvidia? Schön, aber kein Grund, gleich aufgeregt zu sein. Der Mann ist Erfolg gewohnt.
Alle arbeiten eng zusammen
München ist gelungen, was der Rest Deutschlands gerade vergebens versucht: sich in Bewegung zu setzen. Die angestammte Wirtschaftskraft aus Dax-Konzernen von Allianz bis Siemens und schwergewichtigen Familienunternehmen wie Knorr-Bremse verhilft jungen Techies zum Start. Alt macht neu. Die Stadt ist ein ständiger Inkubator. Politik, Wirtschaft, Gesellschaft – „alle“, so Ifo-Mann Krause, „arbeiten hier enger zusammen als in vielen anderen Regionen.“
Anders als in Berlin, wo dank einzelner Cracks eher zufällig ein Ökosystem entstanden ist, ist die Münchner Startup-Szene Ergebnis systematischer Steuerung. Worauf aber beruht der Erfolg des Münchner Modells, das viele jetzt so gern kopieren würden? Was, und vielleicht wichtiger, wen braucht es, um das Schwungrad in Gang zu setzen?
Helmut Schönenberger
© APA-Images, Visum, Thorsten JochimWenn man „UnternehmerTUM“-Chef Helmut Schönenberger trifft, fliegen einem die Namen nur so um die Ohren. „Die Susanne“ (Porsche), Investorin, Ex-Frau von Wolfgang Porsche und persönliche Mentorin von 15 Jungunternehmern, „eine ganz tolle Frau“, die er abends beim TUM-Award-Dinner im „Bayerischen Hof“ sehen wird, genauso wie jede Menge andere Mäzene. „Der Gerhard“ (Oswald), Aufsichtsrat von SAP, und „der Sven“ (Smit), langjähriger Chefstratege von McKinsey, kommen am nächsten Tag. Und eben hat er noch mit „dem Daniel“ (Metzler), Gründer des Raketen-Start-ups Isar Aerospace*, in einer stundenlangen Finanzierungsrunde gesessen und über „ziemlich viel Geld“ verhandelt.
*Isar Aerospace
Isar Aerospace ist ein deutsches Raumfahrt-Start-up, das Trägerraketen für Kleinsatelliten entwickelt. Gegründet 2018 aus dem Umfeld der TU München, zählt es mit mehreren Hundert Millionen US-Dollar Risikokapital und einer Bewertung von über einer Milliarde Euro zu den europäischen Space-Unicorns.
Der Luft- und Raumfahrtingenieur, Anzugjacke, Rucksack, leicht kratzige Stimme und immer enthusiastisch, hat als „hyperaktiver Studi“, wie er sagt, in seiner Masterarbeit das Modell einer „Start-up-Factory“ entwickelt. Sein Vorbild war die Uni Stanford mit ihren drei Säulen: Forschung, Konzerne, Kapital. 2002 dockte er zusammen mit Susanne Klatten die Gründerschmiede „UnternehmerTUM“ an die TU München an. Der damalige Unipräsident Wolfgang Herrmann hatte die beiden zusammengebracht. Schönenberger: „Ein geniales Matching“.
Start-ups wie am Fließband
Das Duo hat einen der größten Kernreaktoren Deutschlands geschaffen, der aus den Brennstäben alten Geldes pausenlos Neues generiert und Start-ups wie am Fließband produziert. Gut 10.000 Studierende der TU werden jedes Jahr durch Entrepreneurkurse geschleust, rund 100 Start-ups jährlich ausgespuckt. Drumherum haben die beiden jede Menge Konzerne, Kunden, Zulieferer und Investoren angesammelt, von der deutschen Geldelite bis zu Bill Gates oder Infosys-Gründer Nandan Nilekani. Alles ist mittlerweile so gewuchert, dass Schönenberger schon nicht mehr von Ökosystem spricht, sondern nur noch von „Dschungel“.
Schönenberger duzt alle, für ihn sind Reiche auch nur 'Menschen, die die Welt besser machen wollen'
Es gibt auch andere Gründerzentren in München, das CDTM, das LMU Entrepreneurship Center, das BayStartUP, das Werk1. Aber Klattens Leute „trommeln am lautesten“, wie viele Gründer sagen. Es gilt unbestritten als Verdienst der reichsten Frau Deutschlands, den Gründerboom der Stadt in Gang gesetzt zu haben, nicht zuletzt durch ihren hohen Kapitaleinsatz. Gerade läuft der vierte Fonds mit 250 Millionen Euro.
Melting Pot der alten und neuen Player ist das Munich Urban Colab, das Klatten vor vier Jahren zusammen mit der Stadt München im Kreativquartier um die Ecke des Olympiaparks für 30 Millionen Euro hingeklotzt hat. Ein Würfel aus Stahlträgern, Glas, Beton, top ausgestattet mit 3D-Drucker, Lasercutter, Hochdruckwassersäge. In den oberen Stockwerken haben die SAPs, Infineons und natürlich BMWs ihre Leute. Unten, in der Cafeteria, mischen sich die Welten: An den zehn Meter langen hellen Holztischen sitzen Studenten schon mal, ohne es zu wissen, neben einem Milliardär. Schönenberger: „Keine High Society hinter verschlossenen Türen, sondern alles wahnsinnig offen.“ Eines seiner Lieblingsworte ist „Kollaboration“.
Die nächsten Mäzene stehen bereit
Ständig mischt man sich bei Fireside-Chats, Vorträgen, Paneldiskussionen oder Abschlusspitches der Start-up-Kurse. Ein Florian Schörghuber aus dem Münchner Brau- und Baufamilienkonzern (Platz 115 der manager magazin-Reichstenliste) hört sich hier schon mal Vorlesungen an und hat am TUM-Campus Garching den Bau einer Werkhalle spendiert. Fabian und Felix Strüngmann haben sich gleich ein Büro im Colab gemietet.
Ihre milliardenschweren Väter Thomas und Andreas Strüngmann (Hexal, Biontech) sind neben Klatten die nächsten großen Mäzene und haben 2021 die TUM Venture Labs finanziert, um Start-ups in einzelnen Technologiefeldern zu pushen. Selbst Susanne Klatten, die sich maximal aus der Öffentlichkeit raushält, sieht man hier über die Flure laufen und Frontfrau spielen, wenn es sein muss; sie hostet Topevents wie das jährliche CEO-Dinner oder das Tech-Forum, mit dem sie neuerdings auch Familienunternehmen verstärkt in die Start-up-Ökonomie zieht.
Altes und neues Geld
Gesellschaftlich sind das neue und das alte Geld längst verschmolzen: Wenn die Frankfurter Bankiersfamilie Metzler etwa Anfang Dezember zum Dinner im „Bayerischen Hof“ lädt, eine hochgradig exklusive Veranstaltung, über die sich selbst in sozialen Medien rein gar nichts finden lässt, sitzt der 39-jährige Franz von Metzler am Tisch mit Gründern wie Daniel Krauss (Flix) oder Magdalena Oehl (TalentRocket), mit Trigema-Co-Chefin Bonita Grupp und VWChef Oliver Blume. Man parliert bei Wild und Wein über Unternehmertum in der Schule und die politische Lage.
Den Aufstieg zum besseren Berlin verdankt München auch Andreas „Andy“ Bruckschlögl, Bernd Storm van’s Gravesande und Felix Haas, den Gründern der Bits & Pretzels. Was 2014 als Weißwurstfrühstück sonntagmorgens im „Hofbräuhaus“ startete, mit ein paar Leuten, die locker über Gründerthemen quatschten, ist heute das größte Netzwerk der Innovationsszene mit Ablegern von Amsterdam bis Mailand. Zum Get-together einmal im Jahr pilgert inzwischen ganz Deutschland. Geschickt gelegter Termin: während des Oktoberfests, da kommen alle doppelt gern.
US-Techgrößen in Lederhose
Die drei trifft man im Werk1, dem Co-Working-Hotspot der Stadt, auf einem alten Pfanni-Fabrikgelände neben Klubs, Ateliers und einem Riesenrad. Geredet wird im „Desert Phoneroom“, einer Miniglasbox, gemietet für eine Stunde. Die Bits & Pretzels war für die Gründer damals „Hilfe zur Selbsthilfe“, um München als Gegengewicht zu Berlin auf den Radar zu bringen.
Sie hatten schon Start-ups (Ryte, Aboalarm, Amiando) und den ersten Exit hinter sich, als die breite Masse anfing, drauflos zu gründen, und hatten die Erfahrung gemacht, dass München anfangs weder von Investoren noch von Entwicklern ernst genommen wurde. „Es war nötig, den Scheinwerfer auf die Szene zu richten“, sagt Haas. So etwas können sie: Ex-Präsident Barack Obama lotsten sie als Speaker in die Stadt, US-Techgrößen kamen in Lederhosen. „Solche Fotos gehen um die Welt und setzen München auf die Agenda.“
Der Unterschied zu Berlin
Was München von der Start-up-Szene in Berlin unterscheidet? Hier sei nicht „every day party“, sagt Daniel Krauss, der in der Stadt vor zwölf Jahren Flixbus (zwei Milliarden Euro Umsatz, 5.500 Mitarbeiter) mitgegründet hat. Gerade treibt er den größten Ausbau der Firmengeschichte voran, um die Deutsche Bahn anzugreifen. In München werde nicht „rumgespielt“, resümiert Krauss.
Klar, man geht zur Bits & Pretzels, zu Burdas DLD, zum Oktoberfest, vielleicht auch zur PIN-Party, bei der sich einmal im Jahr in der Pinakothek der Moderne trifft, was Geld, Geschmack oder Namen hat. Ansonsten verabredet man sich gezielt. Wen man treffen will, den ruft man an; „strukturierte Treffen“, wie es ein Hunderte Millionen schwerer Investor nennt, der gerade von Berlin nach München gezogen ist. Ansonsten gilt: Die örtlichen Jungunternehmer sind solide und abends zu Hause bei der Familie. Man schätzt eine gewisse Bürgerlichkeit und gut funktionierende Infrastruktur inklusive anständiger Schulen. Szene-Hangouts wie das „Klub Kitchen“ in Berlin-Mitte, wo man ständig jemanden trifft, gibt es in München gar nicht erst. Zu „Käfer“ jedenfalls, der Zentrale der alten Deutschland AG, gehen die Techies eher nicht. Im schicken „Brenner“ sieht man und wird gesehen, aber wer es allzu erkennbar drauf anlegt, gehört schon nicht dazu.
Allenfalls die Venture-Capital-Leute wie Thomas Oehl laden mal außer der Reihe ein, „um die richtigen Leute zusammenbringen“. Oehl hat 2016 mit Vsquared als einer der Ersten auf Deep Tech gesetzt und in heutige Stars wie Isar Aerospace und IQM investiert. Mit 214 Millionen Euro führt er einen der größten Fonds Europas in diesem Bereich. Es gebe eine „schnelle Introkultur“, sagt er. Ein Satz per Mail reiche, um Leute zu verknüpfen. „Die Szene ist klein, alle kennen die Interessenlage.“ Und alle haben zu tun.
Flixbus-Gründer Krauss sieht seine 'Seriousness'-These bestätigt: Die Jungunternehmer würden 'Vollblutunternehmertum leben', und dazu gehöre auch, 'etwas zurückzugeben, sobald sie können'
Hoher (Arbeits-)Druck
Der Druck ist höher als in Arm-aber-sexy-Berlin, höhere Kosten, größere Konkurrenz um gute Leute. Business ist deshalb immer. Egal, ob man zusammen mountainbiken oder Ski fahren geht oder am Wochenende mit den Kindern auf dem Spielplatz sitzt. Flix-Mann Krauss hat das Gefühl, „in den jungen Münchner Start-ups wird einfach mehr gearbeitet. Hier ist more serious play.“ Auch wenn ihm das manchmal, wie er einräumt, alles zu ordentlich ist und er das „Schmuddelige, Metropolenhafte“ von Berlin vermisse.
Mittwochmittag, Mitte Dezember, Krauss quetscht sich, Rollkoffer in der Hand, er muss später zum Flughafen, in eine überfüllte S-Bahn nach der anderen, um vom Flix-Headquarter zu Celonis zu kommen. Die Softwarefirma, in München gegründet und mittlerweile das wertvollste deutsche Softwareunternehmen nach SAP, könnte die Datenanalysesoftware fürs Kundenmanagement von Flix liefern. 20 Leute sitzen um den Tisch, die Präsentation übernimmt Celonis-Chef Bastian Nominacher selbst. Eine etwas skurrile Situation: Der eine Münchner Milliardengründer pitcht vor dem anderen – das Ganze auf Englisch.
Erfolg wird zurückgezahlt
Die beiden kennen einander seit zehn Jahren. Was für den Auftrag sicher nicht ausschlaggebend sei, es gebe keinen München-Bonus, sagt Krauss, aber: „Ich weiß, dass ich mich blind auf die verlassen kann.“ Das sei der Vorteil der Bubble: Man kennt einander gut – und investiert auch deshalb immer wieder in der Stadt. Das System verstärkt sich so permanent selbst. Während Berliner Szeneväter wie die Samwer-Brüder (Rocket Internet) sich eher zurückgezogen haben (und alle drei inzwischen in München wohnen), spielen die Münchner Gründer zurück. Wer in der Stadt erfolgreich geworden ist, engagiert sich mit Know-how genauso wie mit Investitionen. Bits-&-Pretzels-Macher Felix Haas etwa ist einer der aktivsten Investoren und Business Angels. Die Stars der Szene kommen regelmäßig an die TU zur Vorlesung „Innovative Unternehmen“, gucken abends im Colab vorbei oder bieten sich als Mentor an.
Er selbst lebt auf dem Land bei Nürnberg, ist aber jede zweite Woche vier Tage in der Stadt. Er wohnt dann im „Holiday Inn“, spricht viel auf Panels vor Studierenden, um „Entrepreneurial Spirit zu erzeugen“, oder sitzt beim One-toone-Mentoring mit dem einen oder anderen Highflyer-Gründer (Namen will er lieber nicht nennen – „zu privat“), die in Phasen schnellen Wachstums sind. „Damit“, sagt Krauss, „kenne ich mich aus.“
Zahlen & Fakten
2 Milliarden Euro Risikokapital haben 2025 die von der Gründerschmiede UnternehmerTUM in München betreuten Start-ups eingesammelt. Das entspricht etwa einem Viertel aller Venture-Capital-Investitionen in deutsche Start-ups.
Die Top-5-Gründungshubs in Europa sind, basierend auf Venture Capital-Investitionen, Unicorn-Entstehung und Ecosystem-Wachstum, London, Paris, Stockholm, Berlin und München.
5,5 Milliarden Euro will Google in den kommenden vier Jahren in Deutschland investieren. Ein zentrales Innovationszentrum mit 30.000 Quadratmetern Bürofläche für bis zu 1.500 Mitarbeiter ist in München geplant.
München ist für alle da
Vor 20 Jahren sei München „total vercliquet“ gewesen, sagt Wagniskapitalgeber Thomas Oehl, „da kam keiner von außen rein.“ Die Upper Class blieb unter sich. Heute hingegen herrsche „eine große Offenheit“. Dass man in München aus dem Nichts eine Nummer werden kann – kaum einer hat das eindrucksvoller bewiesen als Selfmademan Stefan Vilsmeier, Gründer der Medizintechnikfirma Brainlab. Vilsmeier, Vertrieblersohn aus Poing, einem Örtchen östlich von München, die Mutter Hausfrau, hat es in Münchens beste Kreise geschafft.
Und lebt Start-up-„Kultur“ im besten Münchner Sinne vor: Vilsmeier sitzt im Hochschulrat der TU und in der Akademie der bildenden Künste, ist im Premium Circle der Staatsoper, Hauptsponsor des „Ja, Mai“-Avantgardefestivals und seit 2024 sogar Vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung der Münchner Opernfestspiele, Festung der alteingesessenen Society.
Aufstieg. Stefan Vilsmeier, Gründer von Brainlab, einem Münchner Medizintechnikunternehmen für digitale Chirurgie und bildgestützte Medizin, steht für den Aufstieg in Münchens Wirtschaftsspitze ohne klassischen Elite-Background.
© APA-Images, dpa, Peter KneffelBusiness und Kultur
Vilsmeier ist einer der ersten Überflieger-Nerds der Republik. Mit 15 brachte er sich das Programmieren bei, mit 19 entwickelte er softwaregestützte Navigationssysteme für Operationen an Gehirn und Wirbelsäule und gründete Brainlab. 1989 war das, als man als Gründer, wie er sagt, noch „schief angeguckt“ wurde. Beim Börsengang, der vergangenes Jahr wegen des schlechten Marktumfelds abgesagt wurde, stand eine Bewertung von zwei Milliarden Euro im Raum.
Vilsmeier ist ein ernsthafter Mensch, der im Gespräch kaum eine Miene verzieht. Unternehmertum sieht er als „kreativen, fast schon künstlerischen Prozess“, seine Firma als „Gesamtkunstwerk“: Das Brainlab-Headquarter am Tower des alten Flughafens in Riem ist mittlerweile auch Kulturstätte: Im dritten und vierten Stock hängt seine Kunstsammlung. Das Atrium ist Konzertsaal. Fünf Etagen hoch, alles in Weiß, sanftes Licht, gerade mal 300 Plätze, und vor allem: „perfekte Akustik“. Alle paar Wochen holt er die Stars der Staatsoper zu Aufführungen ins Haus. Das kulturelle Umfeld hält Vilsmeier für „entscheidend, um Toptalente anzuziehen“. Engagement als Eintrittskarte – das neue München ist für alle da. Jeder kann mitmachen. Man brauche keine zehn Jahre, „um hier Teil zu werden. Zehn Stunden reichen“, sagt UnternehmerTUM-Macher Schönenberger. Es gebe so viele „Touchpoints“, man könne sofort loslegen.
Wer in die Stadt kommt, wird sofort eingespeist in die Maschinerie. Ein Wieland Holfelder, Google-Statthalter, ist Partner bei der TU und schleppt aus der Konzernzentrale in Mountainview bisweilen Leute an wie neulich „den Astro“ (Teller), CEO der Zukunftsschmiede Google X*.
*Google X
X, die „Moonshot Factory" von Alphabet, ist ein Forschungs- und Entwicklungslabor im Silicon Valley, das an radikalen Zukunftstechnologien wie selbstfahrenden Autos, Internet-Ballons oder Health-Tech-Lösungen mit hohem Risiko und potenziell weltverändernder Wirkung arbeitet.
Wenn Christian Haub oder Max Viessmann ihre Investment-Crews in München ansiedeln, haben sie sofort zig Einladungen auf dem Tisch. Tengelmann-Chef Haub unterstützt das TU-Projekt Circular Republic, Viessmann finanziert mit einer siebenstelligen Summe bei den TUM Venture Labs ein neues Feld für klimarelevante Geschäftsmodelle. Er hält die Stadt für „eines der lebendigsten Ökosysteme Europas für Deep Tech“. Im Unterschied zu Berlin sieht er „die Dinge auf höhere Langlebigkeit angelegt“. Die Gründer hier hätten „ein ernsthaftes Interesse, Dinge substanziell zum Positiven zu bewegen“.
Die Politik zieht mit
„Man kann über Söder sagen, was man will, aber …“, lautet der typische Satzanfang vieler Gründer, sobald es um die Politik geht. Für seine Raumfahrtpläne in Oberpfaffenhofen etwa wurde Markus Söder (CSU) bei seinem Antritt als Ministerpräsident 2018 als größenwahnsinnig belächelt. Jetzt entsteht dort ein Defense-und-Space-Cluster.
Investoren wie Viessmann sehen die „Langfristagenda“ der bayerischen Landespolitik als „Schrittmacher für den Erfolg“, Unternehmer wie der Autovermieter Alexander Sixt das enge Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik: „Es wird keine Ideologie gepflegt, sondern Kooperation. Entscheidungen werden pragmatisch getroffen, nicht doktrinär.“ Die Bundespolitik, findet Sixt, könne davon lernen.
Milliradenschwere Hightech-Pläne
Der Münchner SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter macht keinen Hehl daraus, sich regelmäßig mit den Chefs der größten Konzerne zum „Wirtschaftsgipfel“ zu treffen, mal hören, „wo wir unterstützen können“. Mit der Politik seiner Genossen in Berlin kann er oft „wenig anfangen“. Ihm gehe es um das Wohl der Stadt. Stadt, Land, IHK, Gründerzentren – ständig hocken alle Player in Runden zusammen. Eine Art Steering Committee der Stadt ist die Munich Innovation Ecosystem GmbH mit der „Innovationsagenda 2030“: München soll zur führenden KI- und Start-upHochburg in Europa werden. 5,5 Milliarden Euro steckt allein das Land in solche Hightech-Pläne.
Große Worte, viel Geld, aber auch kleinteiliges Management: Im Colab der UnternehmerTUM sitzt „die Ursula“ (Triebswetter), städtische Prokuristin, die sich als „Türöffner in die Verwaltung“ versteht: Visum besorgen für eine Gründerin, Sensoren an einer Kreuzung befestigen für Messreihen – sie wisse immer, wen sie anrufen muss. „Probleme wegschrubben“, nennt Helmut Schönenberger das. Seit Kurzem macht er das auch in Berlin.
Er ist mittlerweile eine Art Start-up-Guru der Republik. Den früheren Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte er bei dessen Besuch im Colab überzeugt, nach dem Münchner Modell zehn weitere „Start-up-Factories“ in Deutschland aufzuziehen. Die sind im Oktober 2025 gestartet, von Hamburg bis Essen. Schönenberger sitzt jetzt im Koordinationskreis des Ministeriums in Berlin und arbeitet bundesweit an Bürokratieabbau und Start-up-kompatiblen Ausschreibungsverfahren.
Ob der München-Code auf andere Regionen übertragbar ist – für Ifo-Mann Simon Krause ist das die „Eine-Million-Dollar-Frage“. Helmut Schönenberger selbst sieht die Chancen bei 50 : 50. Aber unverdrossen, wie er ist, sagt er: „Wir brauchen Menschen, die wirklich dafür brennen und 20, 30 Jahre echt reinhauen. Du musst halt irgendwo anfangen.“
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 38/2026 erschienen.
