Peter Plaikner
©Bild: Matt ObserveDie Ablöse von Papier als Träger von Tageszeitungen erscheint unaufhaltsam. Doch das Tempo und die Radikalität dieser Transformation entscheiden über den Zukunftserfolg der Medienmarke. Im aktuellen Wettrennen gibt es keine Argumente für weniger Geschwindigkeit, aber für mehr Behutsamkeit.
Vor 20 Jahre hat der Axel Springer Verlag die Redaktionen von Berliner Morgenpost, Welt und WamS unter dem Motto „Online First“ vereint. Was heute banal wirkt, war damals brutal – ein Kulturbruch im größten Zeitungshaus Europas. Sein 2002 angetretener Chef Matthias Döpfner brachte die lange fehlende personelle Führungskontinuität (zumindest auf sich bezogen), begleitete das aber mit frühzeitiger massiver Disruption. Motto: „Die Idee der Zeitung ist ja nicht, Papier mit Buchstaben zu bedrucken.“ Das finanzielle Zugpferd Bild sparte er anfangs aber wohlweislich von dieser Strategie aus.
Mittlerweile heißt der Konzern nicht mehr Verlag, ist statt einer AG eine SE (Europäische Aktiengesellschaft), hat alle Zeitungen außer Bild und Welt verkauft, mehrmals die Mitgesellschafter gewechselt und wurde geteilt. Sein Medienhaus liegt nach Erwerb des US-Portals Politico erstmals seit 1985 wieder in Familienbesitz – vor allem von Witwe Friede Springer und Döpfner, der dank ihres Anteilsgeschenks als Milliardär gilt.
Kein anderer einstiger Verlag hat seine Abhängigkeit vom Papiervertrieb derart rasant und radikal reduziert. Der Erfahrungsvorsprung zeigt sich im Vergleich mit den Printausgaben österreichischer Zeitungen, die erst viel später unter Devisen wie „Digital First“ oder „Story First“ der Bildschirmerscheinung den Vorrang in integrierten Newsrooms gaben.
Klick-Zahlen ringen mit Relevanz
Der altmodische Leser der gedruckten Blätter erlebt diese Umstellung aber schmerzhaft. In ihnen werden immer öfter die Erkenntnisse des Smartphone- bis Desktop-News-Konsums spürbar: Meistgeklicktes von dort kommt zu größeren Ehren auf Papier. Obwohl sich die Zielgruppen digitaler und analoger Verbreitung geradezu komplementär unterscheiden – grob vereinfacht in Jüngere und Ältere. Letztere tragen aber hierzulande mit ihren Print-Abo-Zahlungen immer noch weitaus mehr zum Geschäftsmodell bei.
Die Ursache dieser Vereinnahmung der herkömmlichen Zeitungsmache liegt nicht im umfänglichen und zeitlichen Vorrang des Digitalen, sondern in der dort sofort messbaren Publikumsgröße jeder Meldung. Diese Reichweite bringt nicht automatisch Relevanz für Leser herkömmlicher Zeitungen. Sie könnten mehr denn je mit Orientierungsleistung punkten: Was war und ist wichtig? Ein Wegweiser durch das überfordernde Stakkato an Info-Häppchen. Wer dafür Klick-Zahlen als Gradmesser heranzieht, ist auf dem Holzweg. Das gilt auch für Ordnungsprinzip und Begrenztheit gedruckter Zeitungen. Es wird ebenfalls unter Einfluss der unendlichen Online-Meldungsabfolge aufgeweicht.
Digital Natives als Papierchefs
Der Generationswechsel bringt Digital Natives in redaktionelle Entscheidungspositionen. Sie haben mit alten Mediennutzungsgewohnheiten wenig am Hut, obwohl diese ihre Arbeit noch mehr finanzieren als das Neuland. Die Trennung von Spreu und Weizen im Rückzugsgefecht, wie lange und gut sich gedruckte Tagesmedien halten können, wird aber dadurch entschieden, ob sie ihren angestammten Stärken noch entsprechen.
Springer hat mit dem Kapitel abgeschlossen: Die Säulen seiner Zukunftsstrategie sind KI-basierter Journalismus, Media-Marketing-Plattformen und neue Wachstumsfelder. Wem das als Vorbild nicht genügt, darf das Papierkind nicht mit dem Digitalbad ausschütten.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 08/2026 erschienen.





