Kubaner protestieren vor der US-Botschaft in Havanna.
©Anadolu Agency, IMAGODie fehlenden Treibstofflieferungen lassen die Menschen im Dunkeln sitzen und die Lebensmittelpreise in die Höhe schießen. Das Gesundheitssystem ist am Limit.
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Durch die andauernde Ölblockade der USA prägt der Mangel zunehmend den Alltag vieler Menschen auf Kuba. Bis zu 20 Stunden am Tag fällt in Teilen der Insel der Strom aus, Lebensmittel sind für viele kaum noch leistbar, das Gesundheitssystem arbeitet am Limit. Der Tourismus als wichtige Einnahmequelle ist eingebrochen. „Die Menschen sind erschöpft“, sagt die Kubanerin Heidi Amelia Lavastida Pérez im Gespräch mit der APA und beschreibt eine Krise, die „lautlos“ voranschreitet.
20-stündige Stromausfälle
Für Heidi Lavastida beginnt der Alltag oft mitten in der Nacht. Wenn der Strom zurückkehrt, steht sie auf, um zu kochen oder Wäsche zu waschen. In ihrer Heimatstadt Santiago de Cuba im Osten der Karibikinsel würden die Stromausfälle manchmal 20 Stunden dauern, während die Hauptstadt Havanna und der Tourismus-Hotspot Varadero in der Stromversorgung priorisiert werden, ähnlich wie medizinische Infrastruktur. Das sei erschöpfend, erzählt die gelernte Medizinerin, die nun Direktorin des von ihren Eltern mitbegründeten Centro Cristiano Lavastida ist. Die christliche Einrichtung bietet unter anderem Seelsorge für Familien und Opfer von Gewalt, Schulungen zu Theologie und Gender sowie Begleitung in Krisensituationen.
Doch auch abseits der Stromausfälle ist der Alltag beschwerlich. Wegen des fehlenden Treibstoffs legen viele Menschen den Weg zur Arbeit zu Fuß zurück – oft mehrere Kilometer weit. Arbeitgeber würden deshalb ihre Arbeitszeiten anpassen, da die Arbeitnehmer später kommen oder früher gehen würden. „Die Menschen kommen schon erschöpft in der Arbeit an“, erzählt Lavastida. Fehlender Schlaf, Unsicherheit und die ständige Improvisation im Alltag führe zu Reizbarkeit unter der Bevölkerung. Anders als ein Hurrikan komme diese Krise schleichend, „sie ist lautlos“.
30 Eier kosten mehr als der Mindestlohn
Nicht nur der Schlafmangel zehrt an den Menschen. Auch ausreichend und ausgewogen zu essen sei längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Die staatlichen Rationen, die einst eine Grundversorgung garantierten, werden heute nur unregelmäßig und in kleinen Mengen ausgegeben. Viele müssten daher auf den Schwarzmarkt ausweichen, doch die Preise dort seien astronomisch: Ein Karton mit 30 Eiern koste zwischen 3.000 und 3.500 Pesos – nach inoffiziellem Wechselkurs umgerechnet etwa sechs bis sieben Euro. Der monatliche Mindestlohn liege bei 2.100 Pesos (etwa fünf Euro).
„Das ist eine Situation, die kann niemand verstehen.“ Ob jemand genug zu essen habe, hänge heute vor allem davon ab, wie viel Geld zur Verfügung steht. Jene Kubaner, die Geldüberweisungen von Verwandten aus dem Ausland erhalten – sogenannte „remesas“ – würden sich qualitativ hochwertigere Lebensmittel noch eher leisten können.
Für viele Menschen sei die Qualität und Ausgewogenheit der Lebensmittel mittlerweile zweitrangig. „Es ist mir unangenehm, das zu sagen“, meint Lavastida, „aber die Menschen essen, um sich zu erhalten, nicht um sich zu ernähren.“ Es gehe schlicht darum, irgendetwas im Magen zu haben, um keinen Hunger zu leiden. Sie weiß von Haushalten in ihrer Gemeinde, in denen die Erwachsenen nur noch zwei Mal pro Tag essen, sodass Kinder, Schwangere, Alte und Kranke der Familie priorisiert werden könnten.
Gesundheitssystem am Rande des Kollaps'
Auch im Gesundheitssystem zeigt sich die Krise: Obwohl der Sektor "priorisiert" sei, fehle es an fast allem: Reinigungsmitteln, medizinischem Personal, Medikamenten. Die Medizinerin schätzt, dass etwa 80 Prozent der Arzneimittel nicht verfügbar wären: „80 Prozent – das ist sehr viel.“
Besonders dramatisch sei die Situation in der Chirurgie. „Von sieben oder acht Operationssälen funktioniert vielleicht einer“, so die gelernte Medizinerin. Nicht einmal alle Notfalloperationen könnten durchgeführt werden. Für viele bedeute das lange Wartezeiten – und eine Verschlechterung ihres Zustands.
Sorge vor Epidemie
Außerdem sei das Risiko von Epidemien in der aktuellen Lage besonders hoch, warnt Lavastida. In vielen Vierteln und Regionen türmen sich die Müllberge, weil der Treibstoff für die Müllabfuhr fehlt. Im Frühling und Sommer zieht das Mäuse, Ratten oder Moskitos an. Krankheiten könnten sich so rasch ausbreiten – und im schlimmsten Fall zur Epidemie werden.
Auch das Bildungssystem habe auf die Herausforderungen reagieren müssen. Einige Grund- und Mittelschulen blieben zwar geöffnet, würden aber ihre Unterrichtszeiten aufgrund der Stromabschaltungen verkürzen. Die Universitäten hätten für den Monat März komplett geschlossen, manche seien auf Distance Learning umgestiegen – doch oft fehle es an Geräten, Internet, Strom. Lernen wird zur Herausforderung. „Es ist ein Teufelskreis“, sagt Lavastida.
Die Bildung Kubas sei nicht auf Technologie ausgelegt, sagt sie. Zwar habe es seit Covid einige Fortschritte gegeben, aber die digitale Kluft sei weiterhin eine Herausforderung. Kuba war lange Zeit vom Internet abgeschnitten. Mobiles Internet wurde erst 2018 eingeführt. „In meinem Viertel gibt es kein WiFi für das Haus“, erklärt Lavastida. Sie benutzt ihre mobilen Handydaten, um mit der APA zu kommunizieren. „Die Daten sind begrenzt und Zusatzpakete sehr teuer“, sagt sie.
Ziviler Widerstand nur im Schutz der Dunkelheit
Trotz der prekären Situation gebe es wenig Widerstand aus der Bevölkerung. Natürlich würden die Menschen einen Sündenbock suchen, sagt Lavastida, manche in der eigenen Regierung, manche im Embargo der USA. Aber die Situation sei komplexer als das – auch international fehle oft der politische Druck. Cazerolazos – Proteste, bei denen die Menschen Töpfe, Pfannen und Deckel gegeneinanderschlagen, um ihren Unmut zu äußern – fänden meist im Schutz der Dunkelheit statt, um nicht erkannt und festgenommen zu werden.
Vor allem viele junge Kubaner und Kubanerinnen blicken pessimistisch in die Zukunft. Die Perspektivlosigkeit treibe viele dazu, die Insel verlassen zu wollen. Früher habe es noch bessere Chancen auf Bildung und Entwicklung gegeben, sagt Lavastida – heute sei das anders. „Obwohl sie dadurch von ihren Familien getrennt werden, Dinge zurücklassen müssen und Rückschritte in ihrer Ausbildung oder ihrer Karriere in Kauf nehmen müssen, entscheiden sich viele trotzdem dafür“, so Lavastida. Es sei schmerzhaft zu sehen, dass heute vor allem junge Menschen das Land verlassen.
Reiseanbieter streichen Kuba aus Programm
Auch im Tourismus sind die Folgen der Krise deutlich spürbar. Der Sektor – lange Kubas wichtigste Einnahmequelle – ist stark eingebrochen. „Santiago de Cuba hat früher viele kulturinteressierte Reisende empfangen. Individualreisende sieht man mittlerweile keine mehr“, erzählt Lavastida. Viele Fluglinien haben ihre Verbindungen nach Kuba ausgesetzt; aus dem deutschsprachigen Raum gibt es laut TUI schon seit 2024 keine Direktflüge mehr. Andere Airlines wie Iberia oder Air Europa fliegen Havanna zwar weiterhin an, müssen aber Tankstopps in der Dominikanischen Republik einlegen, da es auf Kuba an Treibstoff fehlt.
Zusätzlich ziehen Reiseveranstalter Konsequenzen. TUI entschied bereits letzten Sommer, Kuba mit Sommer 2026 aus dem Programm zu nehmen. Aufgrund der aktuellen Lage wurden zusätzlich alle Reisen bis Ende April abgesagt: „Die Energie- und Treibstoffkrise in Kuba führt zu schweren Störungen im Transportwesen, in der Hotellerie und in der allgemeinen Versorgungslage“, so eine Sprecherin des Unternehmens, „sodass Gästen nicht mehr die im Urlaub zu erwartende Qualität geboten werden konnte.“
„Natürlich möchten wir ein besseres Leben“, sagt Lavastida. „Natürlich möchten wir nicht mitten in der Nacht aufstehen, um zu kochen. Natürlich möchten wir nicht, dass Kinder vor Hunger weinen oder Alte leiden, weil es keine Medikamente für sie gibt.“ Hoffnung schöpft sie in Zeiten wie diesen in ihrem Glauben und im Zusammenhalt ihrer Gemeinschaft. „Wir sind bereit, unser kubanisches Volk so gut wie möglich zu unterstützen. Möge Gott uns beistehen.“
Trump: „Kuba ist am Ende“
Am Montag traf trotz bestehender Ölblockade ein russischer Öltanker im nordwestlichen Hafen Matanzas ein. Medienberichten zufolge soll er 100.000 Tonnen Rohöl nach Kuba geliefert haben. Aus dem Weißen Haus hieß es, die Lieferung sei aus humanitären Gründen genehmigt worden, an der Sanktionspolitik ändere sich aber nichts. „Kuba ist am Ende“, meinte US-Präsident Trump am Montag. Eine Ladung mache keinen wirklichen Unterschied, „aber sie brauchen das Öl, sie müssen überleben.“
Kuba hatte im Jänner seinen wichtigsten Öllieferanten Venezuela verloren, nachdem Trump den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und dessen Frau Cilia Flores in einer Militäraktion entführt und in New York vor Gericht gebracht hatte. Trump erhöhte den Druck zusätzlich, indem er Kubas Öllieferanten mit Strafzöllen drohte. In der Folge stoppten Länder wie Mexiko ihre Lieferungen nach Kuba.
Das Interview führte Maria Mayböck






