Hitzewellen nehmen weltweit zu und treffen Landwirtschaft, Natur und Menschen. Neue Berichte von WMO, FAO und „Lancet Countdown Europe“ zeigen steigende Risiken und die Grenzen von Anpassungsmaßnahmen.
Extremhitze wird im Zuge des Klimawandels zu einem zentralen Risikofaktor für Landwirtschaft, Ökosysteme und die menschliche Gesundheit. Darauf weisen aktuelle Berichte der Weltwetterorganisation (WMO), der UNO-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) sowie des „Lancet Countdown Europe Report 2026“ hin.
Laut WMO und FAO haben „Häufigkeit, Intensität und Dauer extremer Hitzewellen im Laufe des letzten halben Jahrhunderts stark zugenommen“. Die Folgen betreffen zentrale Bereiche der globalen Versorgung: Ökosysteme, Agrarproduktion und damit die Existenzgrundlagen von mehr als einer Milliarde Menschen gelten als gefährdet.
Ernteverluste und Hitzestress bei Tieren
Die Auswirkungen zeigen sich entlang der gesamten Lebensmittelkette. Nutztiere reagieren empfindlich auf steigende Temperaturen: Hitzestress setzt bei vielen Arten bereits ab 25 Grad ein, bei Hühnern und Schweinen sogar früher, da sie ihre Körpertemperatur nicht durch Schwitzen regulieren können. In Gewässern führt Hitze zu sinkendem Sauerstoffgehalt, was bei Fischen im Extremfall Herzversagen auslösen kann.
Auch Pflanzen reagieren sensibel. Bei Temperaturen über 30 Grad kommt es bei den meisten wichtigen Kulturpflanzen zu Ertragseinbußen, bei Kartoffeln und Gerste teilweise schon früher. Parallel dazu steigt das Risiko von Bränden, die Wälder und landwirtschaftliche Flächen zerstören. Die Brandsaisonen dauern länger und verlaufen intensiver als im langjährigen Durchschnitt.
Für Landwirte verschärfen sich zudem die Arbeitsbedingungen. In besonders betroffenen Regionen könnte die Zahl der Tage, an denen Feldarbeit aufgrund von Hitze nicht möglich ist, bis zum Ende des Jahrhunderts auf bis zu 250 pro Jahr steigen. Genannt werden unter anderem Südasien, Afrika südlich der Sahara sowie Zentral- und Südamerika.
Anpassung stößt an Grenzen
Als Reaktion auf die zunehmende Hitze werden Anpassungsmaßnahmen diskutiert, etwa veränderte Pflanzzeiten oder zusätzliche Beschattung für Felder und Arbeitskräfte. Die Organisationen betonen jedoch deren begrenzte Wirkung: „Ohne ehrgeizige Klimaschutzmaßnahmen, die die Ursachen des Klimawandels bekämpfen, werden Häufigkeit und Ausmaß extremer Hitze die Bewältigungskapazitäten von Gemeinden und Ökosystemen immer öfter übersteigen.“
Gesundheitsrisiken nehmen zu
Auch in Europa zeigen sich die gesundheitlichen Folgen deutlich. Laut „Lancet Countdown Europe Report 2026“ ist die Zahl hitzebedingter Todesfälle im Zeitraum 2015 bis 2024 im Vergleich zu 1991 bis 2000 in 99,6 Prozent der untersuchten Regionen gestiegen. Im Schnitt entspricht das einem Anstieg von 52 Todesfällen pro Million Einwohner, in Teilen Südeuropas liegt dieser Wert deutlich höher.
Joacim Rocklöv vom Universitätsklinikum Heidelberg erklärt: „Wir sehen sehr deutlich, dass der durch die Nutzung von fossilen Brennstoffen angetriebene Klimawandel eine wachsende Bedrohung für die Gesundheit einer immer größer werdenden Zahl von Menschen in Europa darstellt.“
Parallel dazu hat die Zahl der Tage mit Gesundheitswarnungen vor extremer Hitze stark zugenommen – im europäischen Durchschnitt um 318 Prozent, in Westeuropa sogar um 450 Prozent.
Neue Risiken durch Allergien und Infektionen
Neben Hitze identifizieren die Studien weitere gesundheitliche Belastungen. Der Beginn der Pollensaison hat sich um ein bis zwei Wochen nach vorne verschoben, wodurch Allergiker früher und länger betroffen sind. Gleichzeitig breiten sich tropische Krankheitserreger stärker aus: Das Risiko für eine Übertragung des Dengue-Virus ist in Europa im Zeitraum 2015 bis 2024 gegenüber 1980 bis 2010 um 297 Prozent gestiegen.
Auch andere durch Stechmücken übertragene Krankheiten wie Malaria oder das West-Nil-Fieber finden zunehmend geeignete Bedingungen.
Energiepolitik als Schlüsselfaktor
Der Bericht verweist zudem auf strukturelle Herausforderungen in der Energiepolitik. Zwar ist der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromversorgung in Europa gestiegen, gleichzeitig bleiben fossile Energieträger stark subventioniert. Für 2023 werden Subventionen in Höhe von 444 Milliarden Euro genannt.
Auch innerhalb der erneuerbaren Energien gibt es kritische Entwicklungen. Die Nutzung von Biomasse, etwa durch das Verbrennen von Holzpellets, führt zur Freisetzung von Feinstaub und Schadstoffen. Die damit verbundenen Todesfälle sind zwischen 2000 und 2022 um vier Prozent gestiegen.
Forderung nach verlässlicher Finanzierung
Die Studienautoren sehen politischen Handlungsbedarf. Hedi Kriit vom Universitätsklinikum Heidelberg betont: „Immer mehr Länder planen Anpassungsmaßnahmen im Gesundheitsbereich, doch ohne langfristige und verlässliche Finanzierung werden diese Pläne in der Schublade verschwinden, während sich die Auswirkungen weiter verschärfen.“
Rocklöv ergänzt: „Die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, werden darüber entscheiden, ob sich die Gesundheitsfolgen rasch verschärfen oder ob wir uns auf ein sichereres, gerechteres und resilienteres Europa zubewegen.“






