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"Relooted" wurde von dem Johannesburger Studio Nyamakop über die vergangenen acht Jahre entwickelt. In dem Spiel brechen Gamer in einer fiktiven Welt im 22. Jahrhundert in europäische und amerikanische Museen und private Sammlungen ein, um afrikanische Kulturobjekte zu stehlen, und zwar mit einer ungewöhnlichen Mission: Es geht nicht um Selbstbereicherung, sondern die Restitution der Werke.
Angeführt wird die fiktive Crew von Professorin Grace, einer pensionierten südafrikanischen Kunsthistorikerin. Ihre Mitspieler sind keine klassischen Gangster, sondern Spezialisten aus Wissenschaft, Technologie und Kampfsport. Statt mit Waffen entwickelt die Crew in dem gewaltfreien Spiel clevere Pläne, um mit technischen Tricks und Täuschung die Sicherheitssysteme von Museen zu überwinden.
Das Spiel ist unterhaltsam, aber die dahinterstehende Prämisse ernst: Wem gehören Objekte, die während der Kolonialzeit aus Afrika nach Europa und Nordamerika gelangten? Jedes der für das afro-futuristische Computerspiel ausgewählten 70 Kulturgüter ist real. "Relooted ist eine Einladung, mehr über afrikanische Kultur, Geschichte und die Menschen des Kontinents zu erfahren", sagt Ben Myres, der Geschäftsführer und Kreativdirektor von Nyamakop.
Während der Kolonialzeit wurden Zehntausende afrikanische Kulturgüter nach Europa und Nordamerika verschifft. Schätzungen der UN-Kulturorganisation Unesco zufolge verfügt Europa über 90 Prozent des afrikanischen Kulturerbes. Kritische Stimmen beanstanden, die Objekte würden hauptsächlich aus westlicher Perspektive inszeniert. Ihr Stellenwert in der afrikanischen Kunst- und Kulturgeschichte bleibe oft unbelichtet.
Mehrere afrikanische Regierungen fordern seit Jahren die Rückgabe von Kulturgütern. Deutschland und Frankreich arbeiten aktiv an der Restitution vieler dieser Werke. Zu den bekanntesten Beispielen zählen die Benin-Bronzen aus dem heutigen Nigeria, die in zahlreichen deutschen Museen zu finden sind.
Die Idee für "Relooted" sei entstanden, nachdem seine Mutter das Nereidenmonument, ein antikes Grabmal aus der heutigen Türkei, im British Museum in London ausgestellt sah. Ihre Empörung darüber habe ihn zum Nachdenken gebracht, erzählt Myres. Er beschloss, ein Spiel zu entwickeln, das Spaß mache, aber gleichzeitig ein Schlaglicht auf die schleppende Restitution afrikanischer Kulturgüter werfe. Wichtig sei ihm dabei gewesen, dass die Objekte mit Intelligenz zurückgestohlen werden, nicht mit Waffen. "Wir wollten der oft sehr gewaltsamen Art, auf die diese Artefakte einst geraubt wurden, etwas entgegensetzen", sagt der 33-Jährige.
Er sehe "Relooted" nicht als politisches Spiel, sondern als Beitrag zur Popkultur, sagt Myres, denn Popkultur könne komplexe Ideen vereinfacht einem breiten Publikum zugänglich machen. "Wahrscheinlich haben mehr Menschen durch Barbie etwas über Feminismus gelernt als durch (die US-Literaturwissenschaftlerin und Feministin) bell hooks", gibt er als Beispiel an.
In den sechs Monaten seit seiner Veröffentlichung hat "Relooted" bereits einige Debatten angestoßen. Das Manchester Museum in England sowie das Fowler Museum der Universität Kalifornien in Los Angeles (UCLA) hätten eine Ausstellung des Spiels zusammen mit Podiumsdiskussionen organisiert. Er freue sich sehr, dass Museen das Spiel nutzen, um Gespräche über ihre eigenen Sammlungen zu führen, so Myres.
Nach Einschätzung des südafrikanischen Kunsthistorikers Pitika Ntuli macht "Relooted" das Thema Restitution zu einer partizipativen Erfahrung. "Die Spieler begegnen realen afrikanischen Kulturgütern, erfahren, dass sie bestimmten Völkern und ihrer Geschichte entrissen wurden und müssen sich mit den Folgen dieses Verlusts auseinandersetzen", sagt Ntuli. "Sie konsumieren nicht länger nur eine Geschichte - sie beginnen, Geschichte zu hinterfragen."
Als gelungen hebt Ntuli hervor, dass das "Zurückstehlen" koloniale Sprache umkehre. Dass immer noch der Großteil afrikanischer Kulturgüter außerhalb des Kontinents verweilt, sei eine "enorme kulturelle Amputation", so Ntuli. "Man stelle sich vor, europäische Kinder müssten nach Afrika reisen, um den wesentlichen materiellen Objekten der europäischen Zivilisation zu begegnen".
Zwar bestehe laut Ntuli die Gefahr, dass ein Videospiel komplexe kulturpolitische Themen stark vereinfache. Gleichzeitig ermögliche es Menschen Zugang zu komplexen kulturpolitischen Themen. "Gefährlich wird Vereinfachung erst, wenn sie die Diskussion beendet. Relooted kann gerade deshalb wertvoll sein, weil es eine Diskussion anstößt", meint Ntuli.
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/dpa-tmn/Nyamakop/Nyamakop
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