ABO

Verena Winiwarter: Pionierin der Umweltgeschichte wird 65

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
5 min
Verena Winiwarter ist eine Pionierin der Umweltgeschichte
©APA/APA/HERBERT PFARRHOFER/HERBERT PFARRHOFER
Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, den "Beipackzettel" zu den unerwünschten Nebenwirkungen des menschlichen Umgangs mit der Natur zu schreiben. Die Umwelthistorikerin Verena Winiwarter gilt als Pionierin dieses Fachs in Österreich, das sie bis 2022 als Professorin an der Universität für Bodenkultur Wien lehrte. In den vergangenen Jahren engagierte sich Winiwarter, die am Sonntag (26.7.) 65 Jahre alt wird, bei den "Scientists for Future" und in der Friedensbewegung.

von

Winiwarter erzählt stets "Geschichten, die dazu einladen, längerfristige Fragen zu stellen", wie sie einmal im Gespräch mit der APA sagte. So hat sie in ihrem 2014 erschienenen Buch "Geschichte unserer Umwelt" anhand von "sechzig Reisen durch die Zeit" die oft ungeahnten Nebenwirkungen veranschaulicht, die entstehen können, wenn der Mensch glaubt, die Dynamik der Natur kontrollieren zu können (erweiterte Neuauflage 2019 mit 66 Reisen).

Auch ihre interdisziplinäre Rekonstruktion des Verlaufs der Donau seit Beginn der Neuzeit, die Umgestaltung alpiner Täler im 20. Jahrhundert durch den Wintertourismus oder ihre ausführliche Beschreibung der Geschichte Wiens als Stadt am Wasser im Buch "Wasser Stadt Wien - Eine Umweltgeschichte" (gratis zum Download unter: https://go.apa.at/50IXZU4v ) waren solche Geschichten. Für ihre Bemühungen, diese Inhalte "auf allen mir zur Verfügung stehenden Kanälen" zu vermitteln, wurde sie vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zur "Wissenschafterin des Jahres 2013" gewählt.

Interdisziplinarität war Winiwarter wichtig und sie hat diese in ihrer Karriere gelebt: Die am 26. Juli 1961 in Wien geborene Tochter eines Zivilingenieurs interessierte sich früh für Chemie, war bei einer Chemie-Olympiade dabei, absolvierte nach der Matura auch ein Kolleg für technische Chemie. "Das war das Paradies auf Erden, den ganzen Tag im Labor stehen", erinnerte sie sich.

Jahrelang arbeitete sie dann an der Technischen Universität (TU) Wien im Bereich Umweltanalytik. Doch ihr wurde dabei nicht nur langweilig, sondern auch klar, "dass ich bei meiner Ausbildung immer die Labormaus bleiben werde". So begann sie nebenbei Geschichte und Publizistik zu studieren und war 1998 die erste, die im Fach Umweltgeschichte dissertierte.

Es folgte 2003 die Habilitation in Humanökologie und - nach 26 Jahren ausschließlich in Projekten angestellt - schließlich 2007 der Ruf auf die erste Professur für Umweltgeschichte am Institut für Soziale Ökologie an der Universität Klagenfurt. Nach dem Transfer dieses Instituts an die Universität für Bodenkultur (Boku) lehrte Winiwarter von 2018 bis zu ihrer Pensionierung 2022 an der Boku. In diesem Jahr erschien ihr jüngstes Buch "Der Weg zur klimagerechten Gesellschaft. Sieben Schritte in eine nachhaltige Zukunft".

Seit 2010 ist Winiwarter Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), zunächst korrespondierendes, seit 2016 als wirkliches Mitglied. Sie leitete die 2024 nach zehnjähriger Tätigkeit geschlossene Kommission für interdisziplinäre Studien und engagiert sich in weiteren ÖAW-Kommissionen zu Umweltthemen, etwa in jener für Biodiversität oder für Defossilisation. Zudem ist sie Mitglied im Akademierat, eine Art Aufsichtsrat der ÖAW.

Als Historikerin hat sich Winiwarter einen technischen Zugang zur Welt erhalten: "Das unterscheidet mich von vielen in der Geisteswissenschaft, dass ich letztlich immer wieder als Ingenieurin denke und mich frage, was könnte ich denn tun, um zur Lösung beizutragen." Sie verpflichtete aber ihre Studenten, sich auch mit Gedichten auseinanderzusetzen, "weil man als Wissenschafter mehr Sprachgewalt braucht".

Dieser lösungsorientierte Zugang, verbunden mit ihrer Fähigkeit, wissenschaftlich präzise Geschichten zu erzählen, die auch jemand lesen will, zeichnet auch Winiwarters Tätigkeit bei den "Scientists for Future Österreich" sowie in diversen Friedensorganisationen aus, wo sie sich seit ihrer Pensionierung verstärkt engagiert hat. Die beiden Themen Umwelt und Frieden verbindet sie auch im einzigen Gebiet, auf dem sie noch forscht: die Altlasten des Kalten Krieges wie Plutoniumfabriken. "Wo kann ich hinschauen, als Chemikerin und Historikerin, wo andere nicht hinschauen", ist dabei ihre treibende Kraft.

Das International Consortium of Environmental History Organizations (ICEHO) hat einen Preis für den besten Artikel zur globalen Umweltgeschichte ausgelobt, der nach der ehemaligen ICEHO-Präsidentin Verena Winiwarter benannt ist, "die nicht nur durch ihre wissenschaftlichen Arbeiten einen bedeutenden Beitrag zur Umweltgeschichte geleistet, sondern durch ihre Vision und ihren unermüdlichen Einsatz auch maßgeblich zur Gründung und zum Aufbau des ICEHO beigetragen hat".

Verena Winiwarter (Wissenschafterin des Jahres 2013), während der Jubiläumsfeier Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten "25 Jahre WissenschafterIn des Jahres" am Montag, 25. März 2019, in Wien.

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER