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Negative Reaktionen und Instrumentalisierungen von wissenschaftlichen Unsicherheiten seien zwar per se kein neues Phänomen und etwa im Kontext von Forschung zu den Auswirkungen von Tabak oder zum Klimawandel bekannt. Infolge der Corona-Pandemie habe dieser Trend aber stark zugenommen und resultierte etwa im offenen Diskreditieren wissenschaftlicher Fakten und im Extremfall in Todesdrohungen gegenüber einzelnen Forschenden, erklärte Erstautorin Claire Roney von der Uni Wien gegenüber der APA den Hintergrund der Studie. "Als die Lage zunehmend kontroverser wurde, berichteten Wissenschafterinnen und Wissenschafter, dass sie wegen ihrer Kommunikation zunehmend schikaniert wurden, was einige dazu veranlasste, sich ganz aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen", sagte sie weiter.
Unter der aktuellen US-Regierung von Donald Trump wurden beispielsweise Mittel für Projekte im Zusammenhang mit als "woke" wahrgenommenen Themen wie Klimawandel, Covid-19, Geschlechterforschung und Diversität gekürzt oder eingefroren - was eine weitere Politisierung empirischer Forschung darstellt, so Roney. Gleichzeitig deuten vorangegangene Studien darauf hin, dass die Erwähnung von Unsicherheiten in der Wissenschaftskommunikation in dieser Gemengelage insgesamt zurückgeht.
Um die Haltung von hierzulande tätigen Forschenden vor diesem Hintergrund besser zu verstehen, führte das Team 28 rund dreiviertelstündige Interviews durch. Alle Befragten standen im letzten Jahr über die Medien oder direkt in Kontakt mit der Öffentlichkeit. "Wir konnten leider nicht mit allen sprechen. Unsere Ergebnisse stammen von einer kleinen Stichprobe, und obwohl sie eine fundierte Analyse liefern, lassen sich unsere Ergebnisse nicht über diese Stichprobe hinaus verallgemeinern", sagte Roney.
Der Unsicherheit kam in den Interviews eine doppelte Rolle zu: Einerseits wurde sie als "Brot und Butter" der Wissenschaft beschrieben - also als der Ort, an dem neue Forschungsfragen überhaupt erst entstehen. Andererseits wurde ihre Vermittlung als komplexe Übersetzungsarbeit charakterisiert - oft auch als zu komplex, um sie sachgerecht zu vermitteln. Zudem bestand der Eindruck, Medienschaffende und auch das Publikum wollen von diesen Fragezeichen gar nichts hören.
Zuletzt äußerten die Befragten die Sorge, dass die Kommunikation von Unsicherheit in politisierten Umgebungen gefährlich sein könnte. Dazu zählte die Furcht vor Kontroversen durch Fehlinterpretation der eigenen Aussagen durch Journalisten, der Öffentlichkeit oder Politikerinnen und Politiker, genauso wie Bedenken, transparente Kommunikation von Ungewissheiten würde das öffentliche Vertrauen in die Wissenschaft senken, und Angst vor persönlichen Angriffen.
Dabei ist der transparente Dialog von Wissenschaft und Öffentlichkeit äußerst wichtig, wie Roney erklärte. "Immer mehr Forschungsergebnisse zeigen, dass die Kommunikation von Unsicherheiten keine durchwegs negativen Auswirkungen hat und manchmal sogar positive Effekte haben kann", sagte sie. Verschwiegene Unklarheiten können in der Öffentlichkeit hingegen fälschlicherweise ein Gefühl von Gewissheit hinterlassen oder zu Gegenreaktionen führen, wenn sie später doch revidiert werden.
Zudem fehle die Unterstützung für Forschende: Meist wird erwartet, dass sie ohne entsprechende Schulung in einem System, in dem Kommunikation eine von vielen Nebenaufgaben ist, arbeiten.
Auch Journalistinnen und Journalisten würden laut einigen Studien in ihren Berichten eher keine Unsicherheit zum Ausdruck bringen, da sie diese für ihr Publikum oft für nicht interessant halten. Weil sie aber ein fester Bestandteil der Wissenschaft ist, plädierte die Forscherin auch in diesem Bereich für ein Umdenken. "Außerdem kann Unsicherheit etwas Positives sein: Sie kann das Publikum begeistern, wenn es erfährt, dass es noch Dinge gibt, die wir verstehen oder entdecken müssen, und sogar die nächste Generation von Forscherinnen und Forschern inspirieren", resümierte sie.
(S E R V I C E - Link zur Studie: https://doi.org/10.1057/s41599-026-07026-0 )
++ THEMENBILD ++ Projekt Zukunftsbild: Forschungs- und Labortätigkeiten im Labor der Hippenmeyer Group aufgenommen am Donnerstag, 29. August 2024, am ISTA Campus Klosterneuburg. Die menschliche Großhirnrinde (Kortex), der Sitz unserer kognitiven Fähigkeiten, besteht aus einer enormen Anzahl und Vielfalt von Neuronen und Gliazellen. Wie der Kortex aus neuronalen Stammzellen entsteht ist eine bisher ungelöste, aber grundlegende Frage in den Neurowissenschaften. Auf der Suche nach mechanistischen Einsichten untersucht die Hippenmeyer Gruppe die Genese des Kortex in einer beispiellosen Einzelzellauflösung mit der einzigarten MADM (Mosaic Analysis with Double Markers) Technologie.
