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Abnehmspritzen-Experte sieht Absetzen äußerst problematisch

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Jens Juul Holst mit seiner Frau
©Getty Images North America, APA, JESSE GRANT
Jens Juul Holst (81) ist ein dänischer Mediziner und Stoffwechselexperte. Er hat das Verdauungshormon GLP-1 (Glucagon-like Peptide 1) entdeckt und wird deswegen als Nobelpreis-Anwärter gehandelt. Wirkstoffe, die GLP-1 nachahmen (GLP-1-Rezeptor-Agonisten), sind bewährte Medikamente gegen Typ-2-Diabetes. Sie sind zudem für "Abnehmspritzen" zugelassen. Holst erklärte der APA anlässlich eines Vortrags an der Universität Wien ihre Wirkung und Probleme solcher Anwendungen.

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APA: Sie haben das insulinregulierende Hormon GLP-1 entdeckt, das gegen Typ-2-Diabetes hilft. Wie funktioniert das?

Jens Juul Holst: Das Wichtigste ist gar nicht, dass es direkt bei Diabetes hilft. Entscheidend ist vielmehr, dass es generell die Nahrungsaufnahme reguliert. Ein Großteil der Diabetesfälle ist eine Folge von Adipositas (Fettleibigkeit, Anm.). Indem man Adipositas als zentrales Problem angeht, bekämpft man die Ursache an der Wurzel. Das ist wahrscheinlich der bedeutendere Aspekt.

APA: Das Hormon reguliert die Nahrungsaufnahme, indem es den Appetit unterdrückt und für ein Sättigungsgefühl im Magen sorgt. In niedrigeren Dosierungen als bei Diabetes sind solche Wirkstoffe daher zur Gewichtsabnahme zugelassen. Halten Sie dies für eine geeignete Anwendung?

Holst: Wir leben in einer Welt, in der etwa die Hälfte der Bevölkerung übergewichtig oder fettleibig ist. Das wird als riesiges Problem angesehen, gegen das bisher niemand etwas ausrichten konnte. Und nun taucht plötzlich dieses GLP-1 auf, das die Nahrungsaufnahme verringern und eine Gewichtsabnahme bewirken kann - und somit dieses Problem womöglich löst. Ehrlich gesagt, fällt mir kaum etwas ein, das von größerer Bedeutung wäre.

APA: Wie wirkt GLP-1 bei Menschen, die Diabetes haben?

Holst: Abgesehen von dieser - absolut fantastischen - Wirkung auf die Nahrungsaufnahme senkt es den Blutzuckerspiegel. Dies geschieht durch die Stimulierung der Insulinausschüttung. Zudem hemmt es die Glukagonfreisetzung, was ebenfalls sehr positiv ist (weil Glukagon den Blutzuckerspiegel anhebt, Anm.).

APA: GLP-1 nachahmende Wirkstoffe sollen laut Studien auch gegen mindestens 42 Gesundheitsfolgen wie Suchtkrankheiten, Alzheimer und Herzinfarkte helfen. Halten Sie solch eine generelle positive Wirkung für realistisch?

Holst: Uns liegt eine sehr große Zahl kontrollierter klinischer Studien mit Hunderttausenden von Teilnehmern vor, in denen die neuen, hochwirksamen GLP-1-Rezeptor-Agonisten durchwegs das kardiovaskuläre Risiko (Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, Anm.) und die Sterblichkeit gesenkt haben. Diese Studien liefen über Zeiträume von fünf Jahren oder länger. Zudem gibt es zahlreiche Untersuchungen aus der Praxis, ebenfalls mit riesigen Kohorten, die diese Ergebnisse voll und ganz bestätigen. Es wäre also verdammt seltsam, wenn sich dies im wirklichen Leben nicht bewahrheiten würde.

APA: Wenn die GLP-1-Einnahme so viele Wirkungen im menschlichen Körper hat, muss sie dann nicht auch viele Nebenwirkungen haben?

Holst: Es gibt bekannte Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen, die meist zu Beginn auftreten und dann gut abklingen. Trotzdem wird ein kleiner Teil von etwa fünf Prozent der Patientinnen und Patienten die Behandlung mit einem GLP-1-Rezeptor-Agonisten letztlich nicht fortsetzen können. Es gibt also eine Gruppe von Menschen, die nicht von den Vorteilen dieser Medikamente profitieren. Allerdings mag es auch andere Gründe geben, solch eine Therapie abzubrechen, denn diese Wirkstoffe mindern die Freude am Essen, Trinken oder am Konsum von Suchtmitteln. Wenn es für manche Menschen das größte Vergnügen im Leben ist, nachmittags ein Stück Kuchen mit Schlagobers zu genießen, und sie dies plötzlich nicht mehr tun können, mag das für jene ein Problem darstellen.

APA: Was passiert, wenn man die Therapie abbricht?

Holst: Das ist jene Sache, die mir heutzutage am meisten Sorgen bereitet. Das überschüssige Gewicht wird zurückkehren, und zwar in Form von Fett. Alle Stoffwechselprobleme kommen zurück und können hinterher sogar noch schlimmer sein.

Es ist aber möglich, dass man niedrigere Dosen als eine Art Erhaltungstherapie einsetzt. Es ist auch möglich, andere Medikamente zu verwenden. Zumindest nach derzeitigem Stand muss man die Therapie aber auf die eine oder andere Art fortführen.

APA: Sie forschen also weiterhin zu GLP-1 und dessen Wirkungen, nicht wahr?

Holst: Ja, absolut! Wir forschen insbesondere sehr aktiv an der Sekretion (Ausschüttung, Anm.) von GLP-1. Der Gedanke dahinter ist, dass man durch eine Stimulierung der körpereigenen GLP-1-Ausschüttung womöglich dieselben Stoffwechseleffekte erzielen könnte wie durch eine Injektion von GLP-1.

(Das Gespräch führte Jochen Stadler/APA)

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