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Renaturierung von Mooren: Neue digitale und analoge Tools

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"Wenn nur noch die Brennnessel vorkommt, macht eine Wiedervernässung keinen Sinn"
©APA/APA/Andreas Bohner/Andreas Bohner
Die 2024 dank Österreich beschlossene EU-Renaturierungsverordnung verpflichtet die Mitgliedsländer zu Maßnahmen zur Wiederherstellung intakter Naturflächen. Bis September müssen nationale Wiederherstellungspläne vorgelegt werden. Moore spielen dabei eine große Rolle, beträgt doch deren Fläche in Österreich laut Moorinventar des Umweltbundesamtes 44.000 Hektar. Weit über 90 Prozent gelten durch Entwässerung als geschädigt. Neue Tools sollen nun Entscheidungshilfen bieten.

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"Bei den Mooren kann man zeigen, wie Renaturierung gehen kann. Das kann man gut als positives Beispiel nehmen", sagt Hermann Sonntag. Der Tiroler Biologe war Geschäftsführer des Naturparks Karwendel und hat sich dort schon früh für Wiederherstellungen von Mooren engagiert. "Damals hat das niemanden interessiert. Spätestens seit dem Klimathema ist da aber ein Paradigmenwechsel festzustellen", erzählt er im Gespräch mit der APA. Sonntag hat sich zum Klimapädagogen und zertifizierten Naturvermittler ausbilden lassen und die Firma sonntagplus gegründet. "Als ich mich selbstständig gemacht habe, sind die Moore wieder richtig aktuell geworden, und ich hab' nach einem Modell gesucht, wie man dem Laien anschaulich machen kann, was in den Mooren passiert. Wir müssen schauen, dass die Basics verstanden werden."

Dass Moore extrem wichtige Kohlendioxidspeicher sind, die durch zunehmende landwirtschaftliche Nutzung ihre Funktionen verloren haben, möchte er "nicht nur in Schulen, sondern auch bei politischen Entscheidungsträgern" vermitteln. Gemeinsam mit dem FabLab Tirol hat er in mehreren Stufen ein digitales Modell entwickelt, das von einer Modellfirma gefertigt wird und bisher über 15 Mal im deutschsprachigen Raum verkauft werden konnte: PEAT 3. "Es besteht aus zwei Körpern. Einer zeigt einfach, wie Moorwachstum funktioniert, dass sie Wasser brauchen und einen dichten Untergrund. Der zweite zeigt ein degeneriertes Moor, in dem das Wasser sofort verloren geht, und welche Möglichkeiten es gibt, das Wasser im Moor zu behalten."

Mit der zwölf Kilogramm schweren Transportbox und dem dazugehörigen Vortrag war Sonntag bereits bis Hamburg unterwegs. "Es macht mir Riesenspaß, und wir sind am Überlegen, wie wir es weiterentwickeln. PEAT 4 ist schon im Anrollen." Das neue Modell soll künftig bei Wanderausstellungen auch selbstständig funktionieren. Sonntag kann sich aber auch vorstellen, künftig unter Einbeziehung konkreter hydrologischer Daten und Landschaftsmorphologien die theoretischen Wirkungsmodelle in Richtung spezieller Modellierungen weiterzuentwickeln.

Während man bei klassischen Hochmoorbereichen etwa in Tirol auch dank des großen Engagements des zuständigen Beamten bereits mit vielen Landwirten Renaturierungsverträge abschließen konnte, werde es bei landwirtschaftlich genutzten organischen Böden schwieriger, glaubt Sonntag. Genau hier setzt eine analoge Initiative an, die an der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt (HBLFA) Raumberg-Gumpenstein in der Steiermark entwickelt wurde. Andreas Bohner, Leiter der Abteilung Umweltökologie, hat eine mit vielen eigenen Fotos illustrierte Broschüre geschrieben, die im September ausgeliefert und online gestellt werden soll: "Abschätzung des Renaturierungspotenzials von Feuchtlebensräumen mittels Zeigerpflanzen".

"Das Problem der Wiedervernässung ist politisch brisant, sollte aber nach fachlichen Kriterien entschieden werden", ist der Ökologe überzeugt. "Viele Moore erkennt man nicht mehr als Moore. Das sind landwirtschaftlich genutzte Acker- oder Grünlandflächen, unter denen aber Torfboden ist. Darüber wissen wir aber durch Kartierungen überhaupt nicht Bescheid." Daher brauche es einfache Methoden. "Man kann auf einer infrage kommenden Fläche nicht fünf Jahre lang bodenphysikalische Messungen machen, um halbwegs abzuschätzen, wo Renaturierung sinnvoll wäre. Je kostenaufwendiger, desto weniger macht das Sinn. Es geht darum, dass Laien grob abschätzen können: Wie gestört ist das Moor? Dann könnte auch ein Landwirt sagen: Dieses Moor ist offenbar wenig gestört, das könnte ich für den Naturschutz hergeben."

Andreas Bohner arbeitet dafür mit Zeigerpflanzen. "Moorpflanzen brauchen nährstoffarme Böden, nur dann können sie sich überhaupt behaupten." Je weniger von ihnen in einem Gebiet vorkommen, desto aussichtsloser bzw. aufwändiger ist die Wiedervernässung. "Wenn nur noch die Brennnessel vorkommt, macht eine Wiedervernässung aus fachlichen Gründen überhaupt keinen Sinn: Das zeigt an, dass viele Nährstoffe im Boden sind."

Bohners Broschüre soll als erste Orientierung dienen. Um sein Bestimmungsbuch zur Anwendung zu bringen, brauche es trotz der ausgefallenen Pflanzennamen kein botanisches Spezialwissen, nur ein gutes Auge, versichert der Wissenschafter: "Der Groß-Wiesenknopf ist eine meiner ästhetischen Lieblingspflanzen, die erkennt ein jeder, wenn er vor ihr steht, oder der Teufelsabbiss, der im Herbst kommt, oder die österreichische Dorn-Hauhechel. Da weiß ich: Nur der Wasserhaushalt ist gestört. Dann ist die Renaturierung einfach: Ich brauch' mehr oder weniger nur den Entwässerungsgraben zustoppeln und das Problem ist gelöst."

Die häufige Argumentation, man könne landwirtschaftliche Flächen nicht renaturieren, ohne die Ernährungssicherheit zu gefährden, kann Andreas Bohner übrigens schon nicht mehr hören: "Durch den Klimawandel sinkt der Grundwasserspiegel. Von einer Wiedervernässung an bestimmten Standorten würden alle profitieren, auch die Landwirte, denn wenn die Pflanzenwurzeln den Kontakt zum Grundwasser verlieren, bekommen sie ein Riesenproblem."

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

IRDNING - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Andreas Bohner/Andreas Bohner

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