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Nähmaschine statt KI: Wie Technologie den Arbeitsmarkt umkrempelt(e)

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Berufsbilder ändern sich oft rasant
©HELMUT FOHRINGER, Fohringer, APA
Welche Auswirkungen technologische Umbrüche auf den Arbeitsmarkt haben, wird gerade intensiv mit Blick auf Künstliche Intelligenz (KI) diskutiert. Zu welchen Umwälzungen es bei der Einführung von Nähmaschinen im viktorianischen England gekommen ist und was man daraus für die aktuelle Situation lernen kann, zeigt Hillary Vipond vom Complexity Science Hub (CSH) Vienna in einer Studie. Ein wichtiger Faktor ist dabei jedenfalls der Übergang von alten zu neuen Berufen.

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"Seit Beginn der Industriellen Revolution erleben wir diesen Prozess, bei dem neue Technologien entstehen und Arbeitsplätze vollständig zerstören. Sie lassen Jobs verschwinden", erklärte die Wirtschaftshistorikerin gegenüber der APA mit Verweis auf Menschen, die früher Gaslaternen angezündet, Aufzüge manuell bedient oder Telefonate vermittelt haben. Gleichzeitig seien durch technologische Durchbrüche aber auch neue Arbeitsplätze und Möglichkeiten geschaffen worden.

Wie dieser Übergang ablaufen kann und sich die Arbeitskraft von den alten zu den neuen Berufen verlagert, hat sich Vipond anhand des Aufkommens von Nähmaschinen und der folgenden Mechanisierung im viktorianischen England angesehen. Mit diesen konnte erstmals dickes Leder verarbeitet werden, was die Schuhherstellung revolutioniert hat. "Die Leute waren sogar bereit, Geld zu bezahlen, nur um die Maschine in Aktion zu sehen", so die Forscherin über die Innovation, die letztlich zusammen mit der Verlagerung in Fabriken die gesamte Bekleidungsindustrie verändert hat.

Mit den neuen Nähmaschinen sind der Studie zufolge in der gleichen Zeit vier- bis achtmal so viele Schuhe hergestellt worden, was laut Zensusdaten zu einer stetigen Abnahme von Handwerks-Jobs geführt hat. Um 1851 waren rund 220.000 traditionelle Schuster in England tätig. 1911, also 60 Jahre später, gab es zwei Drittel davon nicht mehr. 153.000 traditionelle Jobs gingen verloren, allerdings sind 140.000 neue entstanden, etwa in der Maschinenbedienung, im Verkauf, im Management oder der Verwaltung. Dies sei auch auf günstigere Produkte und eine dadurch gestiegene Nachfrage zurückzuführen, betonte Vipond.

Eine weitere Folge war die regionale Konzentration der neuen Arbeitsplätze rund um Fabriken. Diese Jobs gingen zudem überwiegend an junge Beschäftigte, die sich anpassten und erst gar nicht in das sterbende Handwerk eingestiegen sind. Viele Schuster blieben aber in ihrem Beruf und zogen auch nicht um, fand Vipond heraus. Denn die Nachfrage nach handgefertigten Schuhen hielt trotz der günstigen Produkte aus der Fabrik - zumindest bei reicheren Bevölkerungsgruppen - noch länger an. Die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt wurden also großteils von der Umorientierung der Jungen, die nicht mehr ins Handwerk nachrückten, getragen.

Breite sich eine neue Technologie nur langsam aus und bleibe die Nachfrage nach den älteren Fähigkeiten bestehen, könnten die bereits Beschäftigten ihren Beruf noch länger ausüben und nur die jungen Leute seien darauf angewiesen, dass neue Arbeitsplätze entstehen. Bei raschen Umbrüchen würden hingegen die bereits Beschäftigten aus der Arbeit gedrängt und müssten sich neue Jobs suchen. "Die Auswirkungen auf Beschäftigte, ihre Familien und ganze Regionen hängen nicht nur davon ab, welche Arbeitsplätze verschwinden, sondern auch davon, wie viele neue Jobs entstehen, der Art der Arbeitsplätze, wo sie entstehen und für wen", strich Vipond hervor.

Sollten aktuelle Forderungen nach einer Verlangsamung der KI-Entwicklung aus Sicherheitsgründen dann nicht um ein zusätzliches Argument, nämlich mehr Zeit für die Anpassung der Arbeitsmärkte zu haben, erweitert werden? Das sei in der Vergangenheit, besonders im 19. Jahrhundert, oft versucht worden, so Vipond, allerdings mit anderen Mitteln: So wurden Webstühle zerstört und Fabriken niedergebrannt. Auch die Schuhmacher hätten zwei Jahre heftigen Widerstand gegen die Nähmaschinen geleistet.

"Es gab in England aber das Bewusstsein, dass diese Entwicklung auch in Amerika stattfindet und letztendlich günstigere Schuhe von dort auf den heimischen Markt kommen. Die Wahl bestand nicht zwischen der Einführung oder Nicht-Einführung, sondern zwischen der Einführung oder dem Verlust der Branche", ist die Forscherin überzeugt. Auch hier gebe es Parallelen zur heutigen Zeit: "Amerika kann es sich nicht leisten, China das Rennen um KI gewinnen zu lassen und umgekehrt. Und die EU denkt darüber nach, wie sie in diesem Rennen aufholen kann." Eine Verlangsamung sei also schwierig und könne nur auf globaler Ebene festgelegt werden.

Bei der Anpassung der Arbeitsmärkte in Bezug auf KI sei natürlich nicht wie bei Nähmaschinen 60 Jahre Zeit. Aber so schnell, wie oft propagiert, würden die Veränderungen nur bei der Technologie ablaufen, weniger bei der Umstellung der Abläufe und Prozesse in den Unternehmen sowie beim tatsächlichen Verhalten, ist die Wirtschaftshistorikerin überzeugt. Wie schnell der Wandel einsetze, werde aber letztendlich "einen großen Unterschied machen, wer die Last trägt und wer die Kosten dieses Übergangs zahlt".

Dem Argument, dass KI vermutlich einen ungleich breiteren Einfluss auf sehr viele Berufsbilder haben könnte als bisherige technologische Durchbrüche, hält Vipond die Elektrifizierung und die Dampfmaschine entgegen, die eine sehr große Anzahl an Branchen verändert hätten. Auch als die Nähmaschine und ihre vielen Varianten eingeführt wurden, seien viele Bereiche betroffen gewesen. Schließlich habe die Herstellung von Kleidung, eine der wichtigsten Industrien Englands im 19. Jahrhundert, einen großen Teil der Bevölkerung betroffen.

Aus der Geschichte dieses radikalen technologischen Wandels würden sich für heute zwei Schlüsse ziehen lassen: "Wir müssen mehr über die neuen Arbeitsplätze und wo sie entstehen werden, nachdenken. Was bedeutet es für Menschen, die in ländlichen Gebieten wohnen, wenn das beispielsweise Wien ist? Das Verschwinden der Jobs ist nur die Hälfte des Problems."

Zweitens sei es keine ausgemachte Sache, dass bestehende Arbeitskräfte sofort überflüssig werden, umschulen und einen Job in einer anderen Branche finden müssen. Das sei historisch betrachtet tatsächlich manchmal so geschehen, etwa als die Telefonvermittlung automatisiert wurde, aber keine Notwendigkeit. Oft seien die Fähigkeiten weiter sehr gefragt, wie beim Übergang vom Segeln zum Dampfschiff, und nur jüngere Arbeitskräfte müssten in andere Branchen einsteigen, so Vipond. Sobald absehbar sei, wie rasch KI-Technologien viele Aufgaben übernehmen könnten, lasse sich einschätzen, welche Generation die Last des Wandels schultern müsse.

(S E R V I C E: https://dx.doi.org/10.2139/ssrn.7404339 )

THEMENBILD - Schuhmacher bei der Arbeit am Dienstag, 18. Oktober 2016, in der Schusterei des Wiener Maßschuhgeschäfts Scheer in der Bräunerstraße in Wien. Das 1816 gegründete Unternehmen fertigt maximal 300 Paar pro Jahr. Ein Modell kostet beim Erstauftrag - inklusive Leistenbau und Probeschuh - circa 5.000 Euro.

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