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Mit einer Umstellung auf ein nachhaltiges Ernährungssystem könne sich Österreich viel Geld sparen, ohne dass Lebensmittel automatisch teurer werden, hieß es am Dienstag. Dass dem so ist, zeigte eine Sammlung und Auswertung von wissenschaftlichen Studien und der Austausch mit nationalen und internationalen Experten. Im Rahmen einer vom Austria Wirtschaftsservice Gesellschaft (aws) geförderten Analyse unter Einbindung von über 100 Experten - Forschende verschiedener Disziplinen, Stakeholder, Vertreter der Politik wie auch Wirtschaft - habe man die notwendige Evidenz zusammengetragen.
"Es geht um einen Paradigmenwechsel. Wenn wir zum Beispiel in der öffentlichen Beschaffung auf nachhaltige Lebensmittel setzen, in der Landwirtschaft plötzlich Bio, Bioregionalität, bioregenerative Maßnahmen viel stärker fördert, sodass die Folgekosten sehr sinken", so Holzer vom Verein "Zukunft Essen", so werde die Transformation "zu einem Selbstläufer". Und sie koste kein Geld.
"Wir sind in sieben der neun planetaren Grenzen über den Grenzen und damit außerhalb des sicheren Handlungsspielraums", unterstrich Klimaökonomin Stagl die Notwendigkeit, etwa im Hinblick auf Biodiversitätsverlust oder den mit Landwirtschaft eng verbundenen Phosphor- und Stickstoffzyklus zu handeln. Eine holländische Studie habe gezeigt, dass die Landwirtschaft dort minus 5,3 Milliarden Euro zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. "Wie kann ein Sektor, der so etwas Wichtiges wie unsere Lebensmittel produziert, negativ zum Bruttoinlandsprodukt beitragen? Es geht nur so, dass die Kosten, die mit der Produktionsweise verursacht werden, den Wert deutlich überschreiten", so Stagl.
Das österreichische Ernährungssystem verursache jährlich "externe Kosten", zu denen neben Wasseraufbereitung und Klimaschäden etwa auch Gesundheitskosten für Mensch und Tier (z.B. durch Pestizideinsatz, aber auch Antibiotikaresistenzen) oder Bodenverlust gezählt werden, in Höhe von 5 bis 10 Prozent des BIP. Ab 2027 drohten zudem auch Klimastrafzahlungen.
"Ein Kernergebnis, auf das wir aufbauen, ist, dass bioregenerative Landwirtschaft deutlich weniger CO2 generiert, wenn man es sich systematisch anschaut", so Stagl. Zur konsequenten Umsetzung eines nachhaltigen Ernährungssystems zählt für die Wissenschafterin das Umstellen auf Biolandbau (und damit auch die Nutzung von weniger fossilen Energieträgern und Chemikalien), eine "Präzisionslandwirtschaft" unter Einsetzung moderner Technologien wie auch Künstlicher Intelligenz (KI), ein "Protein-Shift" hin zu zwei Dritteln der Proteinproduktion aus pflanzlichen Quellen und nurmehr maximal ein Drittel aus tierischen Quellen sowie "die Frage für die europäische Landwirtschaft: Sollen wir weiterhin für Export produzieren oder sollen wir eher auf Versorgungssicherheit setzen?".
Gerhard Zoubek verwies ebenso auf den dringend notwendigen Systemwandel und auch das systemübergreifende Zusammenarbeiten. Das Argument, "bio ist zu teuer", greife zu kurz. Auch das Narrativ, immer mehr pro Hektar produzieren zu müssen, habe ausgedient. Gleichzeitig unterstrich er auch die Notwendigkeit, das vorhandene Wissen in Anwendung zu bringen.
Die öffentliche, also vom Staat finanzierte Beschaffung und damit Lebensmittelversorgung in Schulen, Spitälern etc. laufe derzeit oft gegen die eigenen Ernährungsempfehlungen. Eine Umstellung auf regional-saisonale und biologische Beschaffung senke die Folgekosten. Auch müsse das Wegschmeißen von Lebensmitteln - ein Drittel aller erzeugten Produkte landet im Müll - vermieden werden, so Barbara Holzer.
Die Argumente klingen einleuchtend. Doch wie kann das System, etwa auch mit Unterstützung der verschiedenen Ressorts, ins Rollen gebracht werden? Aufbauend auf die bisherige Analyse will man nun nach dem Vorbild der holländischen Studie ein Pendant für Österreich erstellen, um die Einsparpotenziale nochmals genauer zu beziffern. "Wir erwarten nicht so fürchterliche Ergebnisse, wie die holländische Studie ergeben hat, aber wir wissen es derzeit nicht. Das ist einmal der erste Schritt", so Stagl.
Folgen soll zudem eine Stiftungsprofessur - "Sustainable Food Systems wird derzeit an der WU nicht unterrichtet", so die Forscherin. Es geht um die Expertise des Nachwuchses. Und als langfristiges Ziel geht es den Experten schließlich um ein in Österreich zu schaffendes "parteiunabhängiges, ressortübergreifendes Kompetenzzentrum" an der WU Wien, wobei hier die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Einrichtungen und Disziplinen gepflegt werden soll. "Das ist sozusagen die Zukunftsmusik, wo wir gerne hingehen würden."
Offen ist derzeit auch noch die Finanzierung für die verschiedenen Initiativen. Wenn staatliche Mittel - die angesichts der allgemeinen Budgetknappheit derzeit auch im Bereich von Klimaforschung und Co. weiter zurückgefahren werden könnten - ausbleiben, so wolle man es über private Förderer versuchen. Von einem heute lancierten offenen Brief zum Anliegen, mehr Kostenwahrheit im Ernährungssystem zu erlangen, erhofft man sich viele Unterzeichner und damit breite Unterstützung. Der Brief soll im September der Politik übergeben werden.
Es gehe nicht um die Umstellung des Systems von heute auf morgen, unterstrichen die anwesenden Experten. Es gehe auch nicht darum, "den Österreichern ihr Schnitzel zu nehmen". Man könne aber im Kleinen, etwa bei der öffentlichen Beschaffung, schon erste kleinere Maßnahmen setzen - und wichtig sei, auch mit Blick auf die dringend notwendige und angestrebte Klimaneutralität zur Mitte des Jahrhunderts hin auch schon jetzt die Ernährung mitzudenken.
(S E R V I C E - Analyse: https://go.apa.at/Npsl5cIg ; Offener Brief: https://go.apa.at/EEvwloYc )
ARCHIV - 24.05.2024, Sachsen-Anhalt, Schönebeck: Ein Traktor steht vor der aufgehenden Sonne auf einem Feld. (zu dpa: «Wie wird auf dem Hof gearbeitet? Landwirtschaft öffnet Türen») Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++






