ABO

Enshittifizierung: Wenn digitale Dienste schlechter werden

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
6 min
Enshittifizierung bedeutet häufig die Zunahme von Werbung
©APA/APA/dpa-tmn/Benjamin Nolte/Benjamin Nolte, Benjamin Nolte
Streamingdienst, Sprachenlern-App oder Social Media: So gut wie jedes digital nutzbare Angebot ist von ihr betroffen, von der sogenannten Enshittification. Diesen Begriff prägte der kanadisch-britische Autor und Journalist Cory Doctorow vor wenigen Jahren in seinem Blog. Inzwischen hat er auch ein Buch darüber geschrieben.

von

News auf Google bevorzugen

Ob man Enshittification nun mit Verkackisierung übersetzt oder als Enshittifizierung eindeutscht - gemeint ist dasselbe: Digitale Dienste werden schleichend immer schlechter. Verbraucherschützerin Christine Steffen erklärt, was sich konkret dahinter verbirgt und was Nutzende dagegen tun können.

Christine Steffen: Dem Begriff liegt die Beobachtung zugrunde, dass digitale Dienste erst einmal einen neuen Nutzen schaffen. Meist sind die Dienste zu Beginn sogar ohne Zahlung eines Entgelts nutzbar. Die Anbieter möchten mit dem Dienst aber natürlich Geld verdienen. Sie erhöhen die Preise oder "verschlimmscheißern" die Nutzungserfahrung, das heißt, der Dienst wird aus Nutzersicht schlechter.

Im Grunde kann man darunter alles verstehen, was sich Anbieter einfallen lassen, um die Dienste restlos kommerziell auszuschöpfen. Diese werden dann zum Teil bewusst verschlechtert. So werden Dienste, die man im Austausch für die eigenen Daten zuerst kostenlos nutzen konnte, auf kostenpflichtig umgestellt.

Oder der Dienst wird dermaßen mit Werbung zugemüllt, dass man auf die werbefreie kostenpflichtige Version wechselt. Die Wechselkosten sind wegen der Plattformeffekte aus Nutzersicht aber zu hoch, weshalb Nutzer die Verschlechterung - wenn auch zähneknirschend - hinnehmen. Es gibt übrigens dazu ein witziges Video des norwegischen Verbraucherrates im Netz: "A Day in the Life of an Ensh*ttificator", das macht ganz gut deutlich, was mit Enshittifizierung gemeint ist.

Steffen: Es kann eigentlich jede Plattform betreffen, die man im Alltag nutzt, ob im Browser oder in einer App auf dem Smartphone. Also etwa einen Streamingdienst oder Social-Media sowie Apps zum Spielen, Shoppen, Daten oder für die Fitness. Enshittifizierung bedeutet dann häufig die Zunahme von Werbung auf der Plattform. Ploppt davon immer mehr auf, was noch dazu lang und nervig ist, kann das Nutzer bewegen, schließlich doch ein Bezahl-Abo für ein ordentliches Nutzererlebnis abzuschließen. Oder eine Steuerung über Algorithmen spült gezielt kommerzielle Inhalte in den Feed, letztlich auch mit dem Ziel, möglichst viel Werbung unterzubringen. Dabei liegt die Vermutung nahe, dass Anbieter diese Kommerzialisierung von Anfang an im Blick hatten.

Der Grund für die Verschlechterung kann aber auch erst später entstehen. So können auch Haushaltsgeräte im Smart Home von Enshittifizierung betroffen sein, wenn sie zum Beispiel über eine Cloudanwendung funktionieren. Fällt diese Cloudanbindung weg, ist von heute auf morgen der Kühlschrank nicht mehr intelligent oder die Kartierung vom Saugroboter klappt nicht mehr. Auch Spiele können nach einer Serverabschaltung nicht mehr nutzbar sein.

Das ist vom Hersteller nicht unbedingt geplant, kann aber im Laufe des Betriebs eintreten. Etwa, wenn es sich für den Hersteller ein Aufrechterhalten der Infrastruktur nicht mehr rechnet. Aus Nutzersicht verschlechtert sich der Dienst: weil eine Funktion wegfällt oder der Dienst gar nicht mehr zu gebrauchen ist.

Steffen: Das Problem in der heutigen Zeit ist, dass wir nicht wie früher Produkte erwerben, über die wir dauerhaft verfügen, sondern nur ein Nutzungsrecht. Dieses Geschäftsmodell ist sozusagen die Grundlage für Enshittifizierung, denn Nutzer und Nutzerinnen werden abhängig von der Plattform. Wer zum Beispiel Filme über ein Abo streamt und den Dienst kündigt, verliert alle Inhalte.

Der Punkt ist: In der Theorie wissen viele Verbraucherinnen und Verbraucher eigentlich, was da passiert, wenn sich ein Dienst immer mehr verschlechtert. Sie wissen, dass es sinnvoll wäre, daraus auszusteigen oder zu wechseln. Aber die praktische Umsetzung ist schwierig, denn die Anbieter haben die Kunden an die Plattform gebunden. Vielleicht gibt es keine gute Alternative zu dem Dienst oder man findet dort nicht die Optionen, an die man sich mittlerweile gewöhnt hat. So kommt es oft, dass zwar das Nutzungserlebnis abnimmt, die Kunden die Enshittifizierung aber schlucken.

Gesetzlich gibt es Leitschienen, so haben Nutzerinnen und Nutzer etwa bei einer einseitigen Vertragsänderung ein Kündigungsrecht. Gut wäre sicher, das zu nutzen und ein Zeichen zu setzen. Aber die Frage ist immer die nach einer Alternative, zu der man wechseln kann. Da versagt in der Praxis oft der Markt. Nicht immer gibt es einen rechtlichen Hebel, um die Verschlechterung aufzuhalten, aber Verbraucherinnen und Verbraucher können Fälle melden. Manchmal hilft auch der öffentliche Druck, um das Unternehmen dazu zu bekommen, zum Beispiel den Server doch nicht abzuschalten. Aber letztlich ist der eigentliche Hebel für jeden und jede Einzelne, sich zu vergegenwärtigen, was da abläuft und sich zu fragen: Trage ich das noch mit oder ziehe ich tatsächlich mal den Stecker, wenn sich ein Dienst derart verschlechtert?

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/dpa-tmn/Niklas Graeber/Niklas Graeber

WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/dpa-tmn/Benjamin Nolte/Benjamin Nolte

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER