Einerseits sind so viele Menschen handysüchtig wie noch nie zuvor, andererseits sinkt die Smartphonenutzung erstmals merklich – gerade bei den unter 40-Jährigen, die als „daueronline“ gelten. Warum ausgerechnet im Zeitalter des KI-Booms digitale Erschöpfung wächst und sich immer mehr Menschen nach einem analogeren Leben sehnen.
Im Vergleich zum Vorjahr ist die Internetnutzung der deutschen Bevölkerung laut der repräsentativen Postbank Digitalstudie erstmals zurückgegangen: Heuer verbringen die Deutschen „nur mehr“ etwa 67,4 Stunden pro Woche online – und damit knapp fünf Stunden weniger als noch im Vorjahr. Ein spürbarer Rückgang, der vor allem mit einem veränderten Nutzungsverhalten der Generation unter 40 Jahren erklärt wird. Denn viele Millennials versuchen gerade, die eigene Nutzungsdauer wieder zu reduzieren.
Weniger Handy, mehr Süchtige
Die unter 40-Jährigen gelten als eine Gruppe der „Heavy User“, als daueronline, als Generation, die ihren Tag nach dem Aufwachen sofort mit dem Griff nach dem Handy beginnt. Doch selbst die Smartphonenutzung dieser Alterskohorte sank von 25,7 auf 23,9 Stunden, wie die deutsche Digitalstudie ergab. Fast jeder Dritte der 3.000 Befragten will die private Internetnutzung noch weiter einschränken: Offline sein, wird immer erstrebenswerter, gilt mittlerweile als Luxus.
Auch in Österreich sinkt die Handynutzung: Laut der österreichischen Mental Health Days Studie verbrachten junge Menschen im Vorjahr 31 Minuten weniger pro Tag am Handy als noch 2024. Die Studie basiert auf den Angaben von 8.177 Jugendlichen im Alter von durchschnittlich 14 Jahren. Jugendliche verbrachten 2025 im Schnitt 190 Minuten pro Tag am Smartphone, im Vorjahr waren es noch 221 Minuten. Auch die Nutzung sozialer Netzwerke ging zurück, von 96 auf 80 Minuten täglich. Erschöpfung und emotionale Belastung, selbst bei kurzer Social-Media-Nutzung, gelten mitunter als Gründe, warum viele Menschen – auch die jungen – das Handy bewusster zur Seite legen.
Parallel sorgt eine weitere Studie für Aufsehen, die allerdings zeigt, dass die Abkehr von digitalen Medien und dem Smartphone nicht immer ganz so einfach ist: Die Trendstudie „Jugend in Deutschland“ erfasste kürzlich in ihrer repräsentativen Befragung erstmals so viele junge Handysüchtige wie nie zuvor. Etwa 60 Prozent der Befragten zwischen 14 und 29 Jahren weisen der Studie zufolge eine suchtähnliche Smartphonenutzung auf. 29 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, psychologische Unterstützung zu benötigen.
Wir konsumieren heute permanent. Dabei geht es nicht nur um materielle Dinge, sondern vor allem um Informationen.
Geringe Medienkompetenz bei Älteren
Doch während jüngere Menschen die gesundheitlichen Folgen der Smartphonenutzung zumindest reflektieren und zunehmend Bewusstsein in dieser Alterskohorte entsteht, fehlt bei Älteren oft jegliches Problembewusstsein. Vor allem bei Menschen über 65 steigt die tägliche Nutzungsdauer. Dazu kommt ein weiteres Problem: Diese Generation hat oft Schwierigkeiten dabei, KI-generierte Inhalte von authentischen oder journalistischen Nachrichten zu unterscheiden. Das macht sie empfänglicher für Scams, Phishing-Nachrichten und Erpressungs-E-Mails, aber auch für „Fake News“.
Während die jüngere Generation digitale Inhalte für Identitätsbildung, Zugehörigkeit und Unterhaltung nutzt, stellen Smartphone und digitale Medien für Ältere vor allem eine Möglichkeit dar, um zu kommunizieren. Lydia Meidlinger, psychosoziale Beraterin bei Mavie, weiß: „Menschen über 65 nutzen das Smartphone oft, um gegen Einsamkeit anzukämpfen oder mit anderen in Kontakt zu bleiben. Oft läuft nebenbei noch der Fernseher. Die Motive unterscheiden sich stark zwischen den Generationen.“
Doch Algorithmen wirken auf ältere Menschen genauso wie bei jüngeren. „Viele sagen mir: ‚Ich habe gar nicht gemerkt, dass schon zwei Stunden vergangen sind.‘“ Eine hohe Nutzungsdauer korreliert mit allerhand negativen körperlichen Auswirkungen, wie Bewegungsmangel und ungesunderem Lebensstil, Kurzsichtigkeit, Schlaf- und psychischen Problemen, wie Depression und Erschöpfungssymptomen.
Smartphone führt zu Dauerstress
Dass sich immer mehr Menschen erschöpft fühlen, liegt ihrer Ansicht nach auch am hohen Konsum digitaler Inhalte. „Wir konsumieren heute permanent. Dabei geht es nicht nur um materielle Dinge, sondern vor allem um Informationen.“ Algorithmen tragen dazu bei, „immer noch mehr Inhalte aufzunehmen – unabhängig davon, ob wir sie tatsächlich brauchen. Dieses ständige Konsumieren belastet unseren Organismus enorm.“
Fehlen Leerlaufzeiten im Alltag, zum Beispiel beim Warten an der Supermarktkasse, verändert sich das Zeitempfinden, so die Beraterin – und das kann weitreichende Folgen haben. „Gerade am Anfang sind die Anzeichen für digitale Erschöpfung oft sehr subtil. Viele Menschen fühlen sich dauerhaft müde, ausgelaugt oder innerlich leer, obwohl sie gleichzeitig das Gefühl haben, ständig mit Informationen überfüllt zu sein. Es entsteht das Gefühl, dass alles zu viel ist.“ Dann, so die Beraterin, ziehen sich Menschen zurück, vereinsamen zunehmend und fühlen sich gleichzeitig sozial überfordert.
Das Gefühl, nicht ohne Handy sein zu können, müsse deshalb unbedingt ernst genommen werden, so Meidlinger: „Ich beobachte zunehmend Entzugserscheinungen. Wenn das Handy das eigene Verhalten verändert, wenn Menschen unruhig oder nervös werden, sobald sie keinen Zugriff darauf haben, oder wenn sie frustriert feststellen, dass sie durch stundenlanges Scrollen lediglich Lebenszeit verloren haben, dann sprechen wir aus meiner Sicht durchaus von suchtähnlichem Verhalten.“
Nostalgisch: Digicams und Klapphandys der 2000er-Jahre werden von unter 40-Jährigen wieder vermehrt genutzt.
© iStpckphoto.comZurück zum Analogen
Es ist also nicht nur der Alltag, der uns zunehmend erschöpft, sondern auch der ständige Konsum digitaler Inhalte. Vor allem soziale Medien setzen auf allerhand psychologische Tricks, um Menschen länger auf ihrer Plattform zu halten. Die eingesetzten Algorithmen werden immer intelligenter, verändern sogar im menschlichen Gehirn den Hormonstoff wechsel. Dabei wird vor allem das Hormon Dopamin angestoßen, das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. „Durch das permanente ‚Swipen‘ wird dieses System immer wieder aktiviert. Wir geraten in einen Autopilot-Modus, in dem es sehr schwerfällt, bewusst zu reflektieren“, erklärt Meidlinger.
Ein Modus, der unendlich weitergehen könnte. Denn die Herausforderung ist: „Das Smartphone setzt von außen keine natürlichen Grenzen. Ein Film endet irgendwann, ein Buch hat eine letzte Seite. Beim Smartphone gibt es diesen natürlichen Stopp nicht.“
Vielleicht ist auch das ein Grund, warum immer mehr Menschen wieder auf analoge Tools zurückgreifen: Bücher, Magazine, Digicams. Digitalkameras, wie die „CyberShot“ von Sony aus dem Jahr 1996 und Musthave der „Gen Z“, wird auf Secondhand-Plattformen intensiv nachgefragt. Ein Trend, der sich auch aus Verkaufszahlen ablesen lässt: Laut Daten des japanischen Branchenverbands Camera & Imaging Products Association (CIPA) legten die weltweiten Auslieferungen von Kompaktkameras im Jahr 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 29,6 Prozent zu.
Ob Nostalgie-Hype oder Trendwende: Fest steht, digitale Medien scheinen langsam ihren Zenit erreicht zu haben. Nutzerinnen und Nutzer wenden sich indes langsam neuen, alten Medienformen zu. Vielleicht auch, weil in einer Welt des endlosen Scrollens und unbegrenzten Konsums ausgerechnet die Endlichkeit wieder an Wert zu gewinnen scheint.
Beratung und Hilfe
Beratung & Hilfe
Mavie Work. In jedem Bundesland gibt es eine Beratungsstelle zu Themen wie mentale Gesundheit am Arbeitsplatz, Gesundheitsvorsorgen und körperliches Wohlbefinden im Job. Die Helplines sind 24 Stunden täglich erreichbar, sieben Tage die Woche. Nummer der Wiener Helpline: +43 1 585 38 81
Saferinternet.at. Unterstützt bei einem verantwortungsbewussten Umgang mit digitalen Medien und dem Internet.
Plattform gegen Einsamkeit. Hilfe für Menschen, die mit Einsamkeit kämpfen. Das Angebot reicht von professioneller Beratung über Alltagsbegleitung bis hin zu Gruppenaktivitäten für jedes Alter. Website: plattform-gegeneinsamkeit.at
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 35/2026 erschienen.
