Die Ausschreitungen in Paris gehen weiter. Die Art Basel Paris 2026 steht zwischen Fronten. Und schließt ihre Pforten – frühzeitig. Robert Fleck lebt seit 1980 in der Stadt an der Seine. Als promovierter Histotiker schrieb der Kurator und Leiter namhafter Kunstinstitutionen seine Doktorarbeit über die Revolution in Paris 1848. Eine solche Lage habe er bis dato nie erlebt. Ein Lokalaugenschein, der Missstände aufzeigt und düstere Zeiten prognostiziert. Vom geplanten Schlittern in eine Quasi-Diktatur.
von
Robert Fleck
Revolution in Paris? Auf alle Fälle ein Revolutionsversuch. Just während der Art Basel Paris, als der weltweite Kunstmarkt in der Stadt an der Seine aufblühen sollte, und auch sicher viele späte Blüte trieb. Die Verkäufe an den drei Voreröffnungstagen seinen bereits ein Erfolg. Ab Dienstagmittag sind hier die Super-Super-VIP ab Dienstagmittag zugelassen.
Wie etwa Mega-Käufer. Darunter Pinault, Arnault und Bolloré, die drei milliardenschweren Unterstützer einer Präsidentschaft von Marine La Pen aus dem rechtsfaschistischen Lager (der erste Wahlgang findet am 6. Mai 2027 statt). Mittwochs sind dann bereits die VIP-VIP zugelassen, ab Donnerstag auch die „Proletarier-VIP“, wie wir unter Kunstleuten witzeln. Tout va bien. Oder auch nicht.
Europa, Erfolge, Eliten
Der unglaubliche Coup, der Chris Dercon – jetzt ein brillanter Direktor der neuen Fondation Cartier pourl’Art Contemporain – gelang, indem er, von Emannuel Macron direkt beauftragt, als Präsident des „Grand Palais“ und der „Réunion des Musées Nationaux“ (Umsatz 100 Millionen Euro) die Art Basel aus Basel nach Paris zog, setzt sich fort. Art Basel Paris ist jetzt die wichtigste Kunstmesse auf dem Kontinent.
Mittlere Galerien, die noch bei der Art Cologne (ab 5. November) aufgenommen werden, haben vorerst keine Chance, hier unterzukommen. Die Galerien, die jetzt im Grand Palais versammelt sind, berichten durchwegs, dass die Verkäufe an den beiden Vorverkaufstagen – als jegliches Publikum, auch die Kunstkritiker und die Journalisten ausgeschlossen blieben – sehr, bis überraschend gut liefen. Eine neue, super exklusive Kunstwelt feiert Erfolge.
Eine neue Volksbewegung
Während draußen, vor den Toren, die Lage kippt: Am 17. Oktober 2026 war das Grand Palais (noch) kein Angriffsziel für den linksradikalen Aufstand. Das dürfte sich mit 24. Oktober ändern, wenn ungeklärte, soziale Fragen wiederholt Massendemonstration der Jugend gegen die gesamte Politik auf den Plan rufen.
Ausschreitungen sind in Anbetracht der Vorwoche zu erwarten und angekündigt. Zur Erinnerung: Vergangenes Wochenende kam es rund um eine friedliche Mega-Demo mit 600.000 Teilnehmenden (das gibt es auch nur in Paris, das ist ein einziges Fest!) zu extrem gewalttätigen Ereignissen. Die linksradikale Truppe, die junge Leute mit dem Slogan „Nieder mit dem Kapitalismus“ aus den Vorstädten nach Paris gelockt hat, ist – soviel man hört – intakt.
Sie werden ihren Kampf keineswegs aufgeben und wollen am kommenden Samstag erneut die Straßen erobern. Es wird wieder große Demonstrationen geben: gegen das teure Leben, gegen die – idiotische – Organisation der höheren Bildung und des Zugangs zu den Universitäten im Lande sowie gegen die zunehmende Kapitalisierung der Wirtschaft. Da bildet sich derzeit eine neue Volksbewegung. Es ist nicht nur eine Protestbewegung wie vor einer Woche.
Im „Grand Palais“ findet aktuell die Art Basel Paris 2026 statt.
© Getty ImagesDas Ziel: Ein allgemeiner Aufstand
An ihrem Rande sind die sehr gut organisierten Linksextremen dabei, wieder – möglichst mitten in den Demonstrationszügen – die Konfrontation mit den Polizeikräften anzugehen. Konkret: sie beschießen sie gezielt, wie Lotta Continua im Italien der 1970er Jahre.
Das Ziel: Mit dem Zurückschießen der Ordnungskräfte mittels schwerer Geschütze – die es braucht, um diese Typen zu greifen, die aus der Menge der Demonstrierenden heraus handeln – gibt es ein bis zwei Tote. Dann wird die Lage in Paris zu einem allgemeinen Aufstand, in dem der Staatsapparat nichts mehr kontrollieren kann. Das war bereits 1789 so. Auch 1830 – wozu es das grandiose Bild von Eugène Delacroix, „Die Freiheit auf den Barrikaden“, gibt. Ebenso 1848 und dann wieder 1944 gegen die deutsche Besatzung. Und erneut 1968. Nun steht man plötzlich wieder vor einer solchen Situation.
Wenn ich alles richtig sehe, sind es wenige Leute, die sich für all das verantwortlich zeichnen – rund 400 sehr gut organisierte Linksradikale. Aber es sind zigtausend Jugendliche aus den Vorstädten, den Banlieues mit ihnen. Die wollen nur plündern. Auch wurden fast nur sie – in der Pariser Innenstadt waren es Samstag und Sonntag 650 Personen – wegen Raubdelikten festgenommen. Ohne politisches Motiv, wie die Generalstaatsanwältin zuletzt bekanntgab.
Die Folgen der Ausschreitungen vergangenes Wochenende haben Spuren hinterlassen und zeichnen große Teile des Stadtbilds.
© Robert FleckUnterschätzte Pläne
Der vergangene Samstag zeigt deutlich, dass es sich um einen gezielten, überlegten, linksradikalen Aufstandsversuch handelt. Und dass die Sache bei weitem nicht beendet ist. Die Geschäfte mit teuren Waren sind verbarrikadiert, wie ich es innerhalb von 45 Jahren in Paris noch nie gesehen habe. Zunächst geht es darum, ein Chaos zu schaffen – das ist gelungen.
In den Wochen danach schwellt die friedliche Protestbewegung gegen die Teuerung und gegen das idiotische Zugangssystem zu den Unis weiter an. Gezielte Auschreitungen provozieren, dass es durch Polizeieinsätze zwei oder drei tote Demonstrierende gibt. Ab da ist in Paris immer die Hölle los. Die Revolutionen von 1789, 1830 und 1944 funktionierten so.
Die Organisatoren dieses linksradikalen Aufstands kennen natürlich diese Abläufe in- und auswendig. Sie handeln danach. Die Staatsmacht weiß das auch. Hatten das aber wohl weithin unterschätzt. Ich ging in den letzten Tagen viel spazieren: Alle sind angespannt. Ich lebe seit 1980 in Paris, wurde ein Spezialist der Revolution als Historiker und habe sogar meine Doktorarbeit über die Revolution 1848 in Paris geschrieben. Doch eine solche Situation habe ich nie gesehen.
Geschäfte mit teuren Waren wurden mittlerweile aus Vorsicht verbarrikadiert.
© Robert FleckEine vorsorgliche Quasi-Diktatur?
Was immer dabei rauskommen mag… Meiner Befürchtung nach werden es eine Präsidentschaft und damit eine Quasi-Diktatur von Marine Le Pen (also Mussolini 2.0). Was sehr interessant ist: Es geht bislang nicht gegen die Kunst, nicht gegen die Museen. Der „Louvre“ ist durch einen Streik der Studierenden in der École du Louvre, einer der besten kunsthistorischen Universitäten weltweit, gesperrt.
Ein ebenso irres Ding, wenn man bedenkt, dass da ausschließlich Studierende aus reichen französischen Häusern sind, deren Eltern aber vorsorglich wohl Le Pen wählen werden, wie ihre Großeltern 1940 Pétain und den französischen Faschismus, um den es jetzt wieder geht. Vorsorglich deshalb, weil die Aufständischen am kommenden Samstag ja plötzlich den „Louvre“ angreifen würden. Oder gar das „Grand Palais“ mit der „Art Basel Paris.“ Eine völlig neue Situation.
Ein konträres Bild zeigt sich indes im Inneren des „Grand Palais“ – noch. Mit Freitagabend schließt die renommierte Messe vorzeitig ihre Pforten.
© Robert FleckRevolution nach Tradition
Am Dienstag hatte ich einen Termin mit meiner Pariser Verlegerin Manuella Vaney. Einem der letzten Verlage, der nicht vom ultrarechtsextremen Vincent Bolloré aufgekauft wurde, der – nachdem er Milliarden mit der Ausbeutung der Ressourcen in Afrika verdiente – alle Buch-, Zeitungs-, Zeitschriften- und Fernsehmedien in Frankreich aufkaufte und dort bloß noch neofaschistische Medienberichte schalten lässt.
Vor diesem Termin war ich jedenfalls in Belleville, dem populärsten und multinationalsten Viertel Paris‘. Dort saß ich auf einer Parkbank. Neben mir ein alter Herr. Vielleicht 85. Plötzlich sagte er: „Monsieur, Sie sind nicht von hier. Das rundherum sieht wie Sozialwohnungen aus. Sie wurden aber in den letzten Jahren privatisiert. Wenn ich jetzt zu Ihnen spreche, sagt mein Concierge das meinem Besitzer. Unsere Miete wird ständig erhöht. Die wollen uns hier weghaben. Ich kam aus Algerien, machte ein Abitur, sodass General de Gaulle persönlich mir dazu gratulierte. Hier geht es nur noch ums Geld. Ich verstand gar nichts mit diesem linken Aufstand. Aber langsam finde ich das gut. Das ist absolut notwendig zu tun und ein Beispiel für andere Länder.“
Die Tradition der Französischen Revolution lebt. Aber jede Revolution als Befreiung kann sich leicht in ihr Gegenteil, die Diktatur, umkehren.
Auch die Art Basel Paris wird vor den „Protestmärschen“ am Samstag die Pforten schließen. Auf Internetseiten wurde schon zum Sturm auf das „Grand Palais“ aufgerufen. Auch Grisebach wird seinen erst kürzlich eröffneten „pied a terre“ bereits Freitag um 17.00 Uhr „dicht machen“.

Steckbrief
Robert Fleck
Robert Fleck zählt zu den arriviertesten Kunsthistorikern. Seit 1980 lebt er in Paris. Nun schildert er Eindrücke, die er bis dato bloß aus den Büchern kannte.
