Michael Fleischhacker
©BeigestelltIm Dezember soll im texanischen Fort Hood eine Hinrichtung durch ein militärisches Erschießungskommando im Livestream übertragen werden. Der Delinquent, der 2009 aus islamistischen Motiven neun US-Soldaten ermordet hatte, ist querschnittgelähmt. Die Debatte um die Übertragung der Hinrichtung ist Teil des großen Kulturkampfs.
Hinweis
Der Live-Stream der Hinrichtung wurde am Abend des Tages, an dem dieser Text erschienen ist, abgesagt.
Möglicherweise soll Anfang Dezember in den Vereinigten Staaten das erste Mal seit 1945 die Todesstrafe durch ein militärisches Erschießungskommando vollzogen werden – und dann auch gleich via Livestream übertragen. Ganz sicher ist das noch nicht, denn es gibt seitens republikanischer Kongressabgeordneter, darunter Speaker Michael Johnson, Bedenken gegen den Plan von Verteidigungsminister Pete Hegseth, und auch Präsident Donald Trump scheint dazu noch keine endgültige Meinung zu haben.
Der Mann, der auf so spektakuläre Weise vom Leben zum Tod gebracht werden soll, ist Nidal Malik Hasan, ein ehemaliger US-Militärpsychiater, der 2009 auf dem Stützpunkt Ford Hood neun Soldaten getötet und mehrere Dutzend verletzt hatte. Hasan begründete seine Tat mit den Angriffen der Amerikaner auf Afghanistan und den Irak, 2013 wurde er dafür zum Tode verurteilt.
Hasan ist seit 2009 von der Hüfte abwärts querschnittgelähmt und sitzt im Rollstuhl, nachdem er bei dem Versuch, ihn zu stoppen, von Sicherheitskräften angeschossen worden war. Man wird also, wenn man sich den Livestream ansieht, sehen, wie ein Querschnittgelähmter von einem traditionellerweise zwölf Mann starken Erschießungskommando getötet wird.
US gegen IS
Dass einen die Vorstellung von dem bevorstehenden Ereignis an die Hinrichtungsvideos erinnert, die der Islamische Staat mit großer Sorgfalt inszenierte, ist naturgemäß kein Zufall. Was damals, als die IS-Leute filmten, wie sie einen jordanischen Luftwaffenleutnant in einem Käfig bei lebendigem Leib verbrannten, bewirkt werden sollte, ist, so wie die Erschießung eines Querschnittgelähmten im Rollstuhl, der Kern dessen, was wir unter „Terror“ verstehen: Die Erzeugung eines metaphysischen Schreckens, der über die Befürchtung, persönlich Schaden zu nehmen, himmelhoch hinausgeht.
Ich schreibe „himmelhoch“, weil mich all das unmittelbar an Ridley Scotts Film „Kingdom of Heaven“ und an eine IsraelReise vor vielen Jahren erinnert, in der wir auch die „Hörner von Hattin“ besuchten. Das sind jene Hügel in Galiläa, westlich des See Genezareth, nur 20 Kilometer von Nazareth, an denen im Sommer 1187 Saladin, der Sultan von Ägypten und Syrien, das Kreuzfahrerheer unter Guido von Lusignan, König von Jerusalem, besiegte. Im Oktober desselben Jahres eroberte Saladin die Heilige Stadt. Die Geschichte des Kreuzfahrerwesens hatte mich schon immer interessiert, auch wenn es in Scotts Film vermutlich nicht sehr realistisch abgebildet wird.
Ein bisschen schließt sich hier der Kreis, denn man weiß, dass der amerikanische Verteidigungsminister Hegseth, dem an der öffentlichen Hinrichtung des islamistischen Massenmörders von Ford Hood – sie soll selbstverständlich am Ort des damaligen Geschehens stattfinden – so viel liegt, zwei Tattoos trägt, die unmittelbar mit den Kreuzzügen zu tun haben: Ein Jerusalemkreuz auf der Brust und den Spruch „Deus Vult“ auf dem Bizeps.
„Deus Vult“, „Gott will es“ war nach einer nicht hundertprozentig gesicherten Überlieferung der Spruch, mit dem Papst Urban II auf dem Konzil von Clermont im Jahr 1095 zum Kreuzzug zur Befreiung der heiligen Stätten des Christentums von den muslimischen Besatzern aufrief. Nach einem noch im selben Jahr begonnenen, aber kläglich gescheiterten Volkskreuzzug brach 1096 ein Ritterheer auf, das dann auch tatsächlich 1099 Jerusalem erreicht und befreite. Bis 1270 gab es je nach Zählung ungefähr neun Kreuzzüge, und das war es dann für die Europäer im Heiligen Land, auch wenn der spanische König unter seinen vielen Titeln noch heute jenen des Königs von Jerusalem führt, wie weiland unser Kaiser Franz Joseph.
Der Größenwahn, der da mitschwingt, widerspricht nicht unbedingt den Grundprinzipien der gegenwärtigen US-Administration
„Deus Vult“ ist auch das letzte Wort in Hegseths Buch „American Crusade“, das freilich kein militärischer Kreuzzugsaufruf sein will, sondern eine Art Kulturkampfmanifest zur Rückeroberung der Hoheit über das himmlische Jerusalem der Debatten. Dieser Kulturkampf ist in allen westlichen Staaten auf allen Ebenen voll im Gang, und die globale Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten und dem militanten Islamismus hat ihn auf eine gewisse Weise konkretisiert. Hegseth forciert das Zusammenwirken von kämpferischem Konservativismus und militärischer Gewalt als politisches Mittel, er sieht sich in seiner Rolle als „Secretary of War“ auch als eine Art Tugendproduzent der Vereinigten Staaten und der westlichen Welt. Der Größenwahn, der da mitschwingt, widerspricht nicht unbedingt den Grundprinzipien der gegenwärtigen US-Administration.
Die handelsübliche Reaktion des europäischen juste milieu ist neben Ekel hauptsächlich Verachtung. Der Zeitoder Spiegel-Redakteur sieht sich den amerikanischen Dumpfbacken intellektuell und moralisch so weit überlegen, dass ihm die Frage, ob denn an dem Bedürfnis nach einem intellektuell-moralischen Paradigmenwandel, der sich von Sachsen-Anhalt bis in die Provence Bahn bricht, mehr dran sein könnte als nur die Borniertheit der manipulierten Massen, gar nicht in den Sinn kommt.
Vieles von dem, was wir derzeit in Europa sehen, muss man als Antwort auf die Fragen verstehen, die die um ihre Restbedeutung strampelnden Eliten nie stellen wollten.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 42/2026 erschienen.
