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Regisseur Winding Refn: "Hauptsache, es gibt eine Reaktion"

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Regisseur Winding Refn sieht den künstlerischen Prozess gelassen
©APA, HARALD SCHNEIDER
Es ist eine nebulöse Geschichte, die der dänische Kultregisseur Nicolas Winding Refn in seinem jüngsten Sci-Fi-Schocker "Her Private Hell" vorlegt. Junge Frauen (Sophie Thatcher, Kristine Froseth und Havana Rose) posieren und zieren sich in labyrinthischen Hotelkorridoren. Ihnen im Neonlicht gegenübergestellt werden drei mysteriöse Vaterfiguren. Zehn Jahre mussten Fans des 55-Jährigen nach "The Neon Demon" und einigen Serien auf einen Film des "Neon Noir"-Stylisten warten.

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Sein jüngstes Werk hat Winding Refn Mittwochabend bei der Eröffnung des Slash-Filmfestivals im Wiener Gartenbaukino höchstpersönlich vorgestellt. Im Interview mit der APA hat der Filmemacher davor gut gelaunt über seine Nahtoderfahrung, seine Ängste als Vater und neue Projekte gesprochen. Zeit in Wien ist ihm kaum geblieben, denn am Morgen nach der Premiere war der kurze Besuch schon wieder vorbei. "Ich mache es dieses Mal wie die Chinesen, eine Stadt in einem halben Tag", kommentierte er trocken.

APA: Bei der Pressekonferenz zu Ihrem Film "Her Private Hell" in Cannes haben Sie von Ihrer Nahtoderfahrung berichtet und Ihren Chirurgen als "Tom Cruise des Spitals" bezeichnet. Wie sehr hat diese Nahtoderfahrung Ihr Leben verändert?

Nicolas Winding Refn: Zwischen der Diagnose und der Operation lagen zwei Wochen. In dieser Zeit wurde mir sehr viel klar. Die erste Reaktion war Verwirrung, Schmerz, Groll. Dann habe ich mich entschlossen, genauer hinzusehen. Eine zweite Chance bekommen nur wenige. Sie erfordert Demut. Ich näherte mich dem Thema aus einer religiösen Perspektive. Als ich tatsächlich zurückgekommen bin, wurde mir eines besonders bewusst - die Zeit. Es klingt zwar wie der Spruch aus einem Glückskeks, aber für mich war das eine große Sache: Wie viel Zeit habe ich noch auf dieser Erde? Was möchte ich damit anfangen?

APA: Sie haben einen Film gemacht - "Her Private Hell".

Winding Refn: Der Grund, warum ich einen Film machen wollte, war einfach: In dieser Zeit der Algorithmen, Fake News und KI-Technologien und all den Herausforderungen habe ich mich mit Blick auf meine Kinder gefragt, was es bedeutet, jung zu sein. Eines der Dinge, die wir noch haben, ist das gemeinsame Erlebnis. Genau das wird durch Technologien stets infrage gestellt. Also habe ich mich entschlossen, wieder einen Film zu machen.

APA: Stimmt es, dass Sie Ihre eigene Herz-OP filmen haben lassen?

Winding Refn: Einer aus meinem Team hat die Operation auf Video festgehalten. Man sieht, wie ich von innen aussehe.

APA: Werden Sie diese Videos jemals verarbeiten?

Winding Refn: Ja, ich werde das Bildmaterial für eine Ausstellung verwenden, die für nächstes Jahr geplant ist.

APA: Sie haben einmal gesagt: "Ich liebe den kreativen Prozess, das Ergebnis interessiert mich kaum." Interessiert Sie denn das Publikum und seine Meinung?

Winding Refn: Ich liebe den kreativen Prozess sehr und denke, dass das Ergebnis im künstlerischen Prozess irrelevant ist. Es geht viel stärker ums Schaffen. Ob es am Ende gut oder schlecht ist, spielt keine Rolle. Ich weiß gar nicht, wann etwas gut oder schlecht ist. Ich bin kein Politiker, deshalb verfolge ich keine Agenda. Aber ich kann etwas schaffen, das von Herzen kommt. Das können die Leute mögen oder nicht. Ich lasse ihnen die Würde und manipuliere sie nicht. Unterhaltung ist heutzutage leider darauf reduziert, gut oder schlecht zu sein - damit wir schneller weiter wischen können. Das ist traurig. Kreativität ist genauso essenziell wie Wasser. Schafft man etwas, das die Leute entweder lieben oder hassen, hat man schon etwas richtig gemacht.

APA: Könnte man sagen, Sie mögen es zu irritieren?

Winding Refn: Haben Zuschauerinnen und Zuschauer Reaktionen, die unangenehm sind, etwas auslösen oder provokativ auf sie wirken, dann beginnt es interessant zu werden. Etwas zu mögen ist genauso wichtig, wie etwas nicht zu mögen. Hauptsache, es gibt eine Reaktion, denn das zeigt, dass etwas bedeutend ist.

APA: In "Her Private Hell" gibt es eine Figur namens "Leather Man", eine albtraumhafte Killergestalt im Fetischlook, der die Handlungsstränge verbindet. Hat dieser Charakter eine politische Dimension?

Winding Refn: Mein Film zeigt - ganz offensichtlich - drei Arten von Vätern: den konventionellen Vater (Johnny Thunder), den tragischen Vater (Leather Man) und den perfekten Vater (Private K). Als Väter haben wir versucht, zwischen diesen drei Typen zu balancieren, um unseren Platz zu finden. Wir eifern dem perfekten Vater nach, ohne ihn zu erreichen. Es geht aber immer darum, seine Kinder loszulassen - und genau das ist das Schwierigste am Elternsein. In meinem Film wird das zu einer tragischen Reise. Der Leather Man ist ein Mythos, er zeigt einen Vater, der in der Hölle nach seiner Tochter sucht. Und irgendwann vergisst er, wonach er eigentlich sucht. Zurück bleibt das Gefühl des Suchens, Zerreißens und der Zerstörung.

APA: Ihre Filme bestechen durch eine stilisierte Bildsprache, intensive Neonfarben und ein extravagantes Kostümdesign, in dem man sich auf einer Fashionshow wähnt. Was hat das visuelle Konzept dieses Mal beeinflusst?

Winding Refn: Ich liebe Puppen. Ich habe eine Tochter, die viele Puppen hat. Und dieser Film war meine Art, mit meinen eigenen Puppen wie Actionfiguren zu spielen, sie fantastisch aussehen zu lassen, nah beieinander zu platzieren und Spaß mit ihnen zu haben.

APA: "Her Private Hell" enthält deutlich weniger explizite Gewaltszenen als frühere Filme von Ihnen. Warum?

Winding Refn: In meinen früheren Filmen hatte Gewalt einen anderen Charakter als in diesem Film. Ich glaube, sie war hier gezielter und theatralischer eingesetzt.

APA: Verraten Sie uns, welche Projekte Sie aktuell verfolgen? Müssen Ihre Fans wieder zehn Jahre auf den nächsten Film warten?

Winding Refn: Ich drehe nächstes Jahr wieder einen Film, in Los Angeles. Ich bin auf die Uhr angewiesen, wer weiß, wie viel Zeit mir noch bleibt.

(Von Julia Schafferhofer/APA)

(S E R V I C E - Slash-Filmfestival bis 4. Oktober im Wiener Gartenbaukino, im Filmcasino sowie im Metro Kinokulturhaus. www.slashfilmfestival.com )

Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn, im Rahmen eines Interviews mit der APA-Austria Presse Agentur, am Mittwoch, 23. September 2026 in Wien.

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