Als erste Bürgermeisterin Österreichs galt bisher Maria Rothschedl, gewählt 1946 in Oberhaag. Ein steirischer Historiker hat nun eine Vorgängerin gefunden: Franziska Meisinger führte bereits 1923 die Marktgemeinde Unzmarkt im Murtal.
Die Geschichte der ersten Bürgermeisterin Österreichs muss neu geschrieben werden. Bereits 1923 und damit 23 Jahre früher als bisher angenommen führte mit Franziska Meisinger eine Frau eine österreichische Gemeinde, die damalige Marktgemeinde Unzmarkt in der Obersteiermark. Das zeigt eine Recherche des Historikers Meinhard Brunner von der Historischen Landeskommission für Steiermark, die das Land Steiermark am Sonntag veröffentlicht hat.
Als erste Bürgermeisterin des Landes galt bisher Maria Rothschedl, die 1946 in der südsteirischen Gemeinde Oberhaag im Bezirk Leibnitz gewählt wurde. Diese Angabe wurde über Jahrzehnte in Zeitungen und Nachschlagewerken wiederholt, Brunner bezeichnet sie nach seinen Funden als Falschmeldung. Unzmarkt im Bezirk Murtal gehört heute zur Marktgemeinde Unzmarkt-Frauenburg.
Arztwitwe und Gemeinderätin
Franziska Meisinger, genannt Fanni, wurde am 3. September 1862 in Vordernberg als Tochter eines Krämers geboren. 1880 heiratete sie den aus Bayern stammenden Arzt Otto Meisinger, der in Unzmarkt als Gemeinde-, Bahn- und Werksarzt tätig war und die Gemeinde ab 1889 mit Unterbrechungen bis 1902 selbst als Bürgermeister führte. Nach seinem Tod im Jänner 1903 erbte sie mehrere Liegenschaften. Im Ersten Weltkrieg leitete sie ab 1916 die Ausgabestelle für Lebensmittel im Turnsaal der Unzmarkter Schule.
Möglich wurde ihr politischer Weg durch das Gesetz vom 12. November 1918, das allen Österreicherinnen das aktive und passive Wahlrecht brachte, auch für die Gemeindevertretungen. Bei der Gemeinderatswahl am 27. Juli 1919 zog Meisinger auf der Liste der Wirtschaftspartei, eines Bündnisses christlichsozialer und deutschnationaler Kandidaten, in den Gemeinderat ein. Am 11. August 1919 wurde sie zweite Stellvertreterin des Bürgermeisters. Politisch ordnet Brunner sie anhand indirekter Hinweise dem deutschnationalen Lager zu.
Eine Wahl per Zuruf und eine gültige Wahl
Die Gemeindepolitik in Unzmarkt war in diesen Jahren von Konflikten geprägt, vor allem um die Rechte am sogenannten Bürgerwald. Anfang Februar 1923 trat Bürgermeister Simon Hafner zurück, ab 19. März 1923 führte Meisinger die Gemeinde. Am 30. Mai 1923 wählte sie der Gemeinderat per Zuruf zur Bürgermeisterin. Weil die Gemeindeordnung eine solche Wahl nicht vorsah, erklärte die Landesregierung sie am 12. Juli für ungültig.
Am 2. August 1923 folgte eine geheime Wahl, bei der Meisinger sechs von acht Stimmen erhielt. Sie nahm an und blieb bis Anfang 1924 im Amt. Rechtlich war sie damit rund ein halbes Jahr Bürgermeisterin, tatsächlich führte sie die Gemeinde laut Brunner etwa elf Monate lang.
Hyperinflation, Wassergebühren und ein Rücktritt
In ihre Amtszeit fiel die Hyperinflation der frühen 1920er-Jahre. Laut Brunner beschäftigten den Gemeinderat Finanzen und Steuern, Wasser- und Stromversorgung, Straßen, die Schule, die Armenfürsorge und das Personal. Die Wassergebühren stiegen auf das Fünfzehnfache, die Gemeinde stand vor einem Fehlbetrag von 100 Millionen Kronen.
Die Sitzung am 19. Februar 1924 war die letzte, die Meisinger leitete. Wenige Tage danach legte sie ihr Mandat zurück, drei weitere Gemeinderäte der Wirtschaftspartei zogen sich ebenfalls zurück. Bei der Wahl im Mai 1924 kandidierte sie nur noch als Ersatz auf einem hinteren Listenplatz. Franziska Meisinger starb am 17. April 1937 in Unzmarkt im Alter von 74 Jahren.
Frauen in der Gemeindepolitik damals und heute
Meisinger war nicht die einzige Frau in der steirischen Kommunalpolitik der Ersten Republik. Brunner hat für 1919 mindestens 28 steirische Gemeinden mit Gemeinderätinnen gefunden, die meisten von ihnen Sozialdemokratinnen. Im Steiermärkischen Landtag saßen damals vier Frauen unter 70 Abgeordneten, im Grazer Gemeinderat sechs unter 48 Mitgliedern.
Auch gut hundert Jahre später sind Bürgermeisterinnen in der Minderheit. Laut den von Brunner zitierten Zahlen des Gemeindebunds werden 253 der 2.092 österreichischen Gemeinden von einer Frau geführt, das sind 12,1 Prozent. Der Historiker regt an, weitere Pionierinnen der Gemeindepolitik aus der Ersten Republik zu erforschen. Seine Ergebnisse, gestützt auf Gemeinderatsprotokolle, Pfarrmatriken, die Unzmarkter Schulchronik und zeitgenössische Zeitungen, hat er im Blog der Historischen Landeskommission veröffentlicht.
