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"Es ist interessant, dass diese große Zukunftstechnologie sich nur aus der Vergangenheit speisen kann und Collagen aus irgendwas Altem zusammenbaut", sagt der Sänger und Multiinstrumentalist. Der Titel der zweiten Studioproduktion von Get Well Soon innerhalb eines Jahres ist nicht zufällig gewählt: "Es gibt sehr viele Parallelen zwischen der Kommunikation mit ChatGPT und einer Geisterbeschwörung", meint der 43-Jährige, der "Seance" als sein Gothic-Album bezeichnet. Als düster lässt sich die überwiegende Atmosphäre darauf beschreiben.
Es gibt aber durchaus Momente zum Durchatmen: "Wenn es zu stark nur in eine Richtung geht, geht mir das auf die Nerven", sagt Gropper. "Es muss in der Musik helle Momente geben. Aber dass die Stimmung grundsätzlich düster geworden ist, liegt nun mal am Thema oder, sagen wir mal, an meiner Sicht darauf. Immer, wenn ich mich damit beschäftige, wird es sehr schnell gruselig. Man bewegt sich in diesem Spannungsfeld: Übernehmen die Maschinen wirklich die Menschheit und die Welt? Oder passiert es, wie Elon Musk sagt, dass in 20 Jahren keiner mehr arbeiten muss und wir trotzdem alle reich sind?"
Letzteres schließt Gropper eher aus. "Man kann allerdings sagen, okay, klar wird KI unter Umständen Krankheiten heilen oder Technologien entwickeln, die wir uns nicht vorstellen können. Aber die Gefahr ist mindestens genauso groß, dass es die Apokalypse wird."
Zuerst habe er versucht, generative Musikprogramme zu benutzen, also Musik zu prompten, erzählte der Deutsche über den Weg zu "Seance". "Dabei kam nur sehr uninteressantes, sehr generisches Zeug raus." Im nächsten Schritt ging es darum, der KI Samples erstellen zu lassen. Auch dieses Ergebnis sei unbefriedigend gewesen: "Samples sind eine sehr emotionale Sache. Sie müssen bei einem etwas auslösen. Dieses Gefühl hatte ich bei den Versuchen mit der KI nicht so richtig."
Also habe er "diese ganze Sache mit der Musik-KI" abgehakt - "bis auf so ein paar Sachen wie Stimmveränderung. Das funktioniert tatsächlich gut", gibt Gropper zu. "Also, ganz ohne KI ist das Album doch nicht entstanden. Allerdings ist diese Stimmveränderung eher eine Art Effekt, denn gesungen habe ich selbst." Verwendet habe er KI auch bei Textrecherchen. "Auch das hat mir, würde ich behaupten, mehr Arbeit gekostet, als sie mir erspart hat."
Auch ein Experiment, die KI halluzinieren zu lassen, schlug fehl. "Dann hat sie außerdem bei ganz einfachen Sachen nicht helfen können - wie einen bestimmten Text auf eine Silbenanzahl zu bringen", erzählt Gropper. "Nur der Text vom letzten Song am Album, 'You Need Me', ist tatsächlich fast original KI. Da habe ich die KI bloß gefragt, warum ich sie denn brauche."
Auf "Seance" geht es u.a. um Deadbots, die Spiritualisten-Gemeinde Lily Dale, Arthur Conan Doyle und Houdini (der eine war begeistert vom Spiritismus, der andere erbitterter Gegner dieser Modeerscheinung Anfang des 20. Jahrhunderts), um singende bzw. sprechende Computer und um die Frage an historische Persönlichkeiten per KI, was dem Westen zugesetzt habe. Der Kapitalismus sei die einhellige Antwort gewesen. Gropper: "Vielleicht lese ich das rein. Vielleicht liegt es an den Figuren, mit denen ich über die App Hello History gechattet habe. Meiner Meinung nach waren sich alle einig, dass wir nicht zu wenig haben, um glücklich zu sein, sondern eher zu viel."
Ein Lied trägt den Titel "The Wreck of the Deutschland": "Es handelt im übertragenen Sinn von einem Schiffsuntergang. Es geht darum, dass Deutschland auf Ruinen, auf einem Wrack aufgebaut ist und man meinen sollte, einmal reicht. Dann die Frage: Welche Schlüsse zieht man aus so einer Vergangenheit und welche Schlüsse zieht eine KI, die keine humanistische Sozialisation hat. Was passiert, wenn man der KI nur die geschichtlichen Fakten liefert, die dann nur nach Effizienz entscheidet? Das will man sich ja gar nicht vorstellen."
Get Well Soon gibt es 2027 im Zuge der "Seance"-Tour live zu erleben. Die Umsetzung des aktuellen Materials wird "spannend", betont Gropper. "Es ist auch ein unsere 20-Jahre-Jubiläumstour, deswegen werden wir ebenso viel Altes spielen. Eine Mischung habe ich versprochen. Ich stehe im Wort." In Wien gastiert man am 3. Februar (WUK) und in Salzburg am Tag darauf (Arge).
(Das Gespräch führte Wolfgang Hauptmann/APA)
(S E R V I C E - www.youwillgetwellsoon.com )
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/APA/Oskar Funke/Oskar Funke
