Der New Yorker Bürgermeister kämpft gegen Millionäre – während seine politische Zukunft von ihnen abhängt.
An einem sonnigen Sonntagmorgen strömen Familien mit Kindern, laufen Frauen und Männer mit Hunden an den Leinen und ein paar Pensionisten, deutlich langsamer, über die Brooklyn Bridge von Manhattan nach Brooklyn Heights.
Das einst heruntergekommene Viertel mit niedrigen Townhouses, in denen oft mehrere Familien auf engstem Raum wohnten, hat sich innerhalb von zwei Jahrzehnten zu einer der schönsten und teuersten Wohngegenden von New York entwickelt. Hier lebt New Yorks Erfolgsgeneration und die obere Mittelklasse mit Dutzenden Cafés, Bäckereien mit den besten Croissants, Restaurants, Parkanlagen entlang dem East River, und einem der schönsten Hotels mit Blick auf Manhattan.
„New York ist nicht Detroit“
Im Restaurant am Dach dieses Hotels saß ich mit einem Rechtsanwalt, einem Investmentbanker, einer TV-Regisseurin und einem Zahnarzt – Freunde meiner Tochter, die mir das New York unter Bürgermeister Zohran Mamdani versuchten zu erklären. Mamdani trat mit Forderungen an, die selbst in Europa radikal wirken würden – kostenlose Busse, Mietendeckel, Reichensteuer, höhere Unternehmensabgaben, öffentliche Lebensmittelgeschäfte, Eingriffe in den Immobilienmarkt, ein milliardenschweres Sozialprogramm – und, seine erfolgreichste Strategie, eine nahezu hysterische Polemik gegen Israel. Mit Erhöhung der Unternehmenssteuer und zusätzlichen Abgaben für Einkommen über eine Million Dollar jährlich wollte er die notwendigen 20 Milliarden Dollar finanzieren.
„New York ist nicht Detroit“, erklärte mir Robert, der Banker, „die Stadt produziert keine Autos, hat keine Stahlwerke und kaum Industrie. New York verkauft etwas anderes – die Sicherheit für Kapital. Banken, Fonds, Versicherungen, Investmentgesellschaften und Zentralen internationaler Konzerne finanzieren die Stadt indirekt mit Milliarden an Steuern, und sichern Arbeitsplätze. Und genau diese Gruppen versuchte Mamdani offen anzugreifen. Das konnte nicht gutgehen.“
Wahlversprechen
John, der Rechtsanwalt, erklärte mir das Scheitern der Wahlversprechen.
Kostenlose Busse: Diese Ansage korrigierte der Bürgermeister im April 2026. Die Stadt New York ist nicht Eigentümer der Busse, sondern MTA (Metropolitan Transportation Authority) und der Bundesstaat New York. Sowohl NY-Gouverneurin Kathy Hochul als auch MTA lehnten den Vorschlag ab.
Städtische Lebensmittelgeschäfte: Derzeit existiert der Plan für einen einzigen Standort in Harlem. Kostenpunkt: 30 Millionen USD. Im Vergleich dazu kostet ein Aldi-Laden etwa eine bis drei Millionen Euro. Mamdani kündigte eine sogenannte „Machbarkeitsstudie“ an.
Ausbau der Miethilfe: Wurde im Februar 2026 zurückgenommen. Der Plan sei nicht finanzierbar.
Erhöhung der Einkommensteuer: New York City besitzt keine Steuerhoheit, es braucht die Zustimmung des Bundesstaates. Die Gouverneurin von New York ehnte die geplante Erhöhung ab.
Kostenlose Kinderbetreuung: Bisher gibt es keine Finanzierung, weder für die Standorte noch für die Gehälter des Personals. Der Plan wurde „verschoben“.
Mietstopp: Der Bürgermeister könnte höchstens die Mieten der städtischen Wohnanlagen einfrieren. Das sind etwa vier bis fünf Prozent aller Wohnungen in New York. Auf die privaten Vermieter hat er keinen Einfluss. Es wurde eine Kommission gebildet, die die Situation untersuchen werde.
Finanzierung durch Kapitalismus
Bei seiner ersten Budgetrede kündigte Mamdani an, Sozialleistungen aufgrund der erhöhten Einnahmen teilweise auszubauen. Doch sein Sozialismus wäre ohne den Erfolg des Kapitalismus nicht finanzierbar. Die größten Einnahmen erzielte die Stadt durch Investitionen der fünf Pensionskassen. An die Börse gekoppelt, konnten sie im vergangenen Jahr eine Rendite von zehn Prozent erzielen, mit mehr als 2,3 Milliarden USD zusätzlichen Einnahmen. Dazu kommen die erhöhten Steuerabgaben aufgrund des Wirtschaftswachstums.
„New York lebt von einigen zehntausend Spitzenverdienern“, belehrte mich Robert, „etwa ein Prozent der Steuerzahler zahlt 48 Prozent der städtischen Einkommensteuer. Würden fünf Prozent von ihnen die Stadt verlassen, wäre die Stadt bankrott. Dazu kommt eine eindrucksvolle Spendenfreudigkeit der Superreichen. Parkanlagen, Krankenhäuser, Theater und Museen könnten über die Stadtverwaltung alleine nicht finanziert werden, und zeigen die Namen der großzügigen Spender.
Die 500-Millionen-Dollar-Frage
Bleibt die Sondersteuer für Zweitwohnungen als bisher einziger Erfolg des Bürgermeisters, die etwa 500 Millionen US-Dollar einbringen sollte – bei einem Defizit der Stadt von 5,7 Milliarden eine verschwindend geringe Summe. Sie betrifft etwa 13.000 Wohnungen, darunter das Penthouse 220 Central Park South, das Citadel-Gründer Ken Griffin für 238 Millionen Dollar gekauft hatte.
Um seinen Standpunkt zu verdeutlichen, drehte Mamdani ein Video direkt vor dem Gebäude von Griffins Penthouse. Griffin, der seinen Hauptwohnsitz und die Zentrale von Citadel von Chicago nach Miami verlegt hatte, reagierte verärgert. Er bezeichnete das Video als „gruselig, seltsam und gefährlich“. Kurz darauf reagierte auch das Citadel-Management.
Citadel ist als Hauptmieter für den Bau eines neuen, spektakulären Wolkenkratzers an der Park Avenue in Midtown eingeplant. Das Projekt entspricht einer Investition von sechs Milliarden Dollar, die schätzungsweise 6.000 Arbeitsplätze im Bauwesen und über 15.000 dauerhafte Arbeitsplätze schaffen sollte. Citadel veröffentlichte ein internes Memo mit der Warnung, die Expansionspläne in New York zu überdenken.
NY-Gouverneurin Kathy Hochul reagierte sofort und versuchte, das Projekt zu retten. Sie traf sich mit Griffin, entschuldigte sich für das „schlechte Benehmen des noch jungen und unerfahrenen Bürgermeisters“ – so wurde das Treffen in den Medien kommentiert.
Die Sicherheit der jüdischen Bevölkerung
„Das Problem Mamdani sind nicht geringe Mieten und freie Busse“, mischte sich Laura, die Regisseurin, jetzt in das Gespräch ein, „das Leben in New York ist tatsächlich extrem teuer, Reduzierung der Ausgaben und Kontrolle der Mieten würde allen helfen. Das wäre nicht das Problem ‚Mamdani‘, sondern es geht um die Sicherheit der jüdischen Bevölkerung, die er sich weigert zu garantieren.
New York gilt als die Hauptstadt des jüdischen Lebens außerhalb Israels. Rund eine Million Juden leben in der Stadt. Gleichzeitig verzeichnet New York seit Jahren mehr antisemitische Vorfälle als andere amerikanische Metropole. Mamdani hat diese Entwicklung sowohl im Wahlkampf benutzt als auch jetzt während seiner Amtszeit.“
Der neue Held der „Generation Intifada“
Die anderen nickten zustimmend und jetzt sprach auch John, der Zahnarzt: „Die ‚Generation Intifada‘ hat mit ihm einen neuen Helden. Jene wohlhabenden weißen Kinder, die das Haus niemals ohne ihre Kufiya verlassen und ihre Eltern mit Parolen wie ,Globalisiert die Intifada!‘ zur Verzweiflung treiben, liegen ihm förmlich zu Füßen. Endlich, jubeln sie – und mit ihnen das radikale Segment der Muslime – ein Mann, der die Gefahr, die von Israel ausgeht, nicht nur versteht, sondern auch anspricht.
Die Bedrohung, die sich so ergibt, sind nicht nur Übergriffen auf Juden, Synagogen und jüdische Einrichtungen. Es existiert ein wachsenden Gefühl der Unsicherheit. Viele jüdische New Yorker werfen dem Bürgermeister vor, israelkritische und antisemitische Aktivitäten nicht voneinander zu trennen. Er sprach schon einen Tag nach dem Angriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 von einem ‚Genozid‘ Israels. Seine Wahlveranstaltungen hat er mit dem Gebrüll ‚Free Palestine‘ eingeleitet, und seine Anhänger haben mitgebrüllt. Sein abgrundtiefer Hass auf Israel überträgt sich auf den Teil der Bevölkerung, der seinen Hass gegen Juden nun frei auslebt.“
Polizeichefin Jessica Tisch als gefährlichste Gegnerin
Mamdanis gefährlichste Gegnerin kommt allerdings nicht aus den Reihen der Republikaner. Es ist die 48-jährige Polizeikommissarin Jessica Tisch, Tochter einer orthodox-jüdischen Familie und entschiedene Unterstützerin Israels. Tisch – Absolventin der Harvard University mit Abschlüssen in Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaft – hat nie als Polizistin gearbeitet. Dennoch gilt sie heute als eine der einflussreichsten Spezialistin für Sicherheitsprobleme in den Vereinigten Staaten. Von 2019 bis 2022 war sie IT-Chefin der Stadt New York, anschließend leitete sie bis 2024 die städtische Müllabfuhr. Dort setzte sie tiefgreifende Reformen durch. Die berüchtigten Müllsäcke auf den Gehsteigen und die Müllberge verschwanden zunehmend aus dem Stadtbild.
Seit 2024 steht sie an der Spitze des New Yorker Polizeidepartments mit rund 35.000 Polizisten und 15.000 zivilen Mitarbeitern. Tisch gilt als Architektin einer modernen, technologiegestützten Polizeiarbeit. Während der Einführung neuer Systeme verbrachte sie zahlreiche Nächte in Streifenwagen, um die Umsetzung ihrer Reformen zu überprüfen.
Unter ihrer Führung erreichte New York die niedrigsten Zahlen von Schießereien und Tötungsdelikten seit Jahrzehnten. Tisch führt diesen Rückgang auf eine Kombination aus verstärkter Polizeipräsenz, datenbasierter Einsatzplanung und technischer Modernisierung zurück. Für ihre Anhänger ist sie der Beweis, dass effiziente Verwaltung und konsequente Sicherheitsstrategie die Kriminalität wirksam eindämmen können. Für ihre Gegner verkörpert sie den ideologischen Widerspruch zu den Vorstellungen, mit denen Bürgermeister Mamdani angetreten ist.
Intellektuelles und pragmatisches Gegenstück
Tisch ist das intellektuelle und pragmatische Gegenstück zu Bürgermeister Mamdani. Auf der einen Seite der linke, muslimische Bürgermeister, der mit Kritik an Polizei, den Reichen, den etablierten Machtstrukturen und Israel gewählt wurde. Auf der anderen Seite Tisch, Tochter einer wohlhabenden jüdischen New Yorker Unternehmerfamilie, Harvard-Absolventin, Verfechterin eines lösungsorientierten, ideologielosen Pragmatismus.
Dass Mamdani die von seinem Vorgänger ernannte Polizeichefin im Amt beließ, zeigt die Grenzen seines Populismus im Alltag einer Acht-Millionen-Stadt. New York mag leidenschaftlich über Sozialismus, Umverteilung und gesellschaftliche Visionen debattieren. Doch bei öffentlicher Sicherheit, der Schaffung von Arbeitsplätzen, bei Investitionen und der finanziellen Stabilität der Stadt zählen am Ende weniger politische Propaganda, sondern umsetzbare, reale Ergebnisse.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 24/2026 erschienen.







