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Zuvor hatte Publikumsrat Siegfried Meryn eindringlich darauf hingewiesen, dass der ORF ein "Selbstverteidigungsrecht" habe. Wenn das Haus angegriffen werde, müsse es Auftrag sein, eine Gegendarstellung zu geben. "Irgendwann muss man sagen: 'Jetzt ist Schluss'", so Meryn auch mit Verweis auf so manchen ORF-Stiftungsrat, der unternehmensschädigendes Verhalten an den Tag lege. Namen nannte er keine. Wehre man sich nicht, "werden wir den Kampf um diesen ORF nicht gewinnen", mahnte er - schon gar nicht, wenn man über 90 Mio. Euro innerhalb kürzester Zeit einsparen müsse.
Thurnher bezeichnete das "Selbstverteidigungsrecht" als "guten Ansatz". Dass man die Deutungshoheit zurückgewinnen müsse, sei "völlig richtig". Wie genau das vonstatten gehen soll, blieb offen.
Intensiv befasse man sich im ORF jedenfalls damit, das Medienhaus für die kommenden Jahre fit aufzustellen. Nicht jede Antwort auf den Sparzwang werde eine bequeme sein, so Thurnher. Ziel müsse sein, den ORF zu reformieren, um ihn effizienter und zukunftsfähiger zu machen. "Heilige Kühe und gewachsene Strukturen" dürften nicht der Maßstab sein, sondern viel mehr, was dem Publikum diene. Mit der designierten Geschäftsführung rund um Clemens Pig sei man in sehr guter Abstimmung und werde bis Jahresende noch "sehr wichtige Weichen stellen", versicherte die ORF-Chefin.
Klar machte sie, dass wer vom ORF erwarte, weiterhin verlässlicher Partner von Kultur-, Sport- oder auch Filmwirtschaft zu sein, auch für verlässliche Rahmenbedingungen sorgen müsse. "Der ORF der Zukunft muss journalistisch, institutionell und finanziell unabhängig sein - gerade wenn demokratische Institutionen zusehends unter Druck geraten", sagte Thurnher. Am vom Medienministerium initiierten "Zukunftsforum" zum ORF sei zwar auf hohem Niveau diskutiert worden, "aber Arbeitsgruppen ersetzen keine politischen Entscheidungsprozesse". Zu wenig sei über die Frage gesprochen worden, unter welchen finanziellen Bedingungen der ORF künftig seinen öffentlich-rechtlichen Auftrag erfüllen soll.
Die ÖVP ließ im Vorfeld des Forums damit aufhorchen, dass sie - neben einer reduzierten ORF-Haushaltsabgabe - auch eine Finanzierung des ORF aus dem Bundesbudget als Option erachtet. Die SPÖ steht dem skeptisch gegenüber. Die FPÖ fordert schon lange die Abschaffung des ORF-Beitrags und will das öffentlich-rechtliche Medienhaus als "Grundfunk" aus dem Bundesbudget finanzieren.
Indes sind alle 35 Sitze im ORF-Stiftungsrat bald wieder besetzt. So hat der ORF-Publikumsrat am Donnerstag Bildungsexperten John Evers mit 23 Stimmen bei zwei Enthaltungen und keinen Gegenstimmen in das oberste ORF-Gremium entsandt. Er folgt auf Siegfried Meryn, der im Juni zurückgetreten ist. Auch die Bundesregierung hat laut einem "Krone"-Bericht einen Nachfolger für Gregor Schütze gefunden: Franz Medwenitsch. Auf APA-Anfrage äußerte sich das Medienministerium bisher nicht dazu.
Evers wurde für den Bereich Bildung von der Bundesregierung auf Basis eines Dreiervorschlags repräsentativer Einrichtungen in den ORF-Publikumsrat entsandt. Er ist Generalsekretär des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen und Vorsitzender der Konferenz der Erwachsenenbildung.
Schütze ist im August von seiner Funktion im ORF-Stiftungsrat zurückgetreten. Er war zudem stv. Vorsitzender des ORF-Stiftungsrats und Leiter des ÖVP-"Freundeskreises". Medwenitsch könnte auch diese Funktionen übernehmen. Er hatte sie beide in der Vergangenheit schon inne. Medwenitsch war lange Geschäftsführer des Musikwirtschaftsverbands IFPI und ist gegenwärtig im Beratungsgeschäft tätig.
In der Publikumsratssitzung wurde eine bei Foresight in Auftrag gegebene Befragung unter 1.000 Befragten vorgestellt. Diese befasst sich mit der Zufriedenheit des Publikums mit der Erfüllung des ORF-Programmauftrags zu Gesundheit, Konsumentenschutz, Natur/Nachhaltigkeit sowie Religion/Ethik/Philosophie. Gesundheitsthemen und -inhalte entpuppten sich als höchst nachgefragt. So bezeichneten 82 Prozent der Befragten diese als sehr wichtig oder wichtig. Mehr Berichterstattung wünscht man sich zu Neuigkeiten aus der medizinischen Forschung (52 Prozent) und psychischer Gesundheit (50 Prozent).
Auch der Themenkomplex Natur/Umwelt/Nachhaltigkeit stößt auf reges Interesse (77 Prozent) der Zuseherschaft. Nachhaltigen Konsum (47 Prozent) und Naturschutz bzw. Artenvielfalt (44 Prozent) hätten viele Befragte gern intensiver im Programm abgebildet.
Verhältnismäßig geringe Priorität räumt die Bevölkerung der Berücksichtigung der gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaften und Kirchen ein - 46 Prozent halten das für sehr wichtig oder wichtig. Die Unterstützung für humanitäre Aktivitäten wie "Licht ins Dunkel" oder "Nachbar in Not" solle der ORF beibehalten, meinen 72 Prozent der Studienteilnehmer.
"Der Gesundheitsbereich ist ein ganz wichtiges Thema und Entwicklungsfeld", resümierte Publikumsrat Andreas Kratschmar. Aber auch die Themenkomplexe Sicherheit in der digitalen Welt sowie Demokratiebildung sollte der ORF forcieren, verwies er auf vergangene Studien zu Publikumswünschen.
