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Systemmedien? Ja! Für das System Demokratie

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Peter Plaikner

©Bild: Matt Observe

Ein Medienhaus nach dem anderen vollzieht unter Eindruck von Digitalisierung und KI harten Personalabbau. Es gibt nur wenige Infos dazu. Journalistische Transparenz über besondere Probleme der eigenen Branche bleibt gering. Das ist ein Fehler gegenüber den einzigen Verbündeten – dem Publikum.

„Irgendwas mit Medien!“ So wurde lange ein Top-Berufswunsch zu seinem kürzesten O-Ton sarkastisch verkürzt. Die Branche boomte, sie bildete immer weniger bloß ab, schuf ständig mehr Stars. Nicht nur zur Unterhaltung, auch für Nachrichten. Die Popularität von Moderation und Meinung stellte die Mühsal von Recherche und Meldung in den Schatten. Infotainment über alles. Der Stoff, aus dem die falschen Träume waren.

Erst Social Media, wo alle alles derart sagen, dass nichts mehr unsäglich wirkt, hat das undifferenzierte Trugbild des Journalismus vom Olymp der Job-Begierden gestürzt. An der Endstation Sehnsucht verkündet Puls4/ATV soeben den Abbau von 45 Stellen, während ServusTV und ORF schon die Einsparung von 60 bzw. 50 Posten eingestanden. Printmedien berichten klein darüber, aber noch weniger über eigene Personalstreichungen. Das reicht bis zum Totschweigen – ein doppeldeutiger Begriffim Existenzkampf einer Branche.

Drittel der Journalisten über 50

Es ist falsche Schamhaftigkeit, das Publikum nicht in eigener Sorgensache belästigen zu wollen. Es setzt den traditionellen Kapitalfehler fort, überall Transparenz zu fordern, ohne sie vorbildlich über sich selbst zu üben. Das erschwert den Mediennutzern die Einordnung – eine Hauptqualität des klassischen Nachrichtenjournalismus. Seine Konsumenten aber sind die potenziellen Hoffnungsträger für den Fortbestand der gefährdeten Demokratien.

Bei Puls4/ATV setzt der von den Berlusconis gekaperte Mutterkonzern ProSiebenSat.1 eine Hungerkur scheibchenweise fort. 2023 wurden 35, 2025 neun Stellen abgebaut. Ähnliches ist im Red Bull Media House der Familien Yoovidhya und Mateschitz zu befürchten, dem ServusTV gehört. Weitere Einschnitte folgen. Wie bei ORF und Print. KI, die Speerspitze der Digitalisierung, ist gnadenlos. Sie zwingt, tabulos zu denken: Im ORF ist die Quote der Job-Streichungen am kleinsten. Er kann sie am leichtesten bewältigen, weil sein Generationswechsel am größten ist. Zur Einordnung: Laut Studie von 2019 war damals ein Drittel der 5.300 hauptberuflichen Journalisten über 50. Heute sind 1.000 arbeitslos.

Logik und Risiko von Kooperation

Schon aufgrund des geringeren Unternehmensalters haben ServusTV und Puls4/ATV im Schnitt viel jüngere Mitarbeiter. Für letztgenannte Sendergruppe werden sie aber künftig keine aktuellen Online-Textberichte mehr produzieren. Der ORF hingegen wurde bereits 2024 per Gesetz zur Einschränkung seiner schriftlichen Digital-Nachrichten gezwungen.

Unterdessen scheitern die meisten Medien verlegerischer Herkunft kontinuierlich daran, wettbewerbsfähige Bewegtbild-Angebote zu etablieren. Kooperationschancen für einen nationalen Medien-David gegen die globalen Digital-Goliaths liegen also auf der Hand.

Gegen solche Zusammenarbeit spricht aber die Befürchtung weiteren Vielfaltsverlusts. Das wäre Öl ins Feuer der Brandstifter, die von parteilich gesteuerten „Systemmedien“ fantasieren, weil diese das System Demokratie verteidigen. Diese unsinnigen Vorwürfe zu zerstreuen und trotzdem Kooperation zu ermöglichen, ist heute die größte Aufgabe der Medienpolitik. Medien müssen ihr und sich durch Transparenz in eigener Sache helfen.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir: pp@plaikner.at

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 09/2026 erschienen.

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