Auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, warum die Sozialdemokratie in der Krise steckt, schaut man in die jüngere Geschichte der Personen, und dort findet man dann auch schon ungefähr alle Antworten. Die Sozialdemokratie hat ihre Mission, die am 1. Mai 1886 begann, erfüllt, jetzt sind nicht mehr die Vorsitzenden für die Partei da, sondern die Partei ist für die Vorsitzenden da.
Der 1. Mai ist für die internationale Arbeiterbewegung, als deren kulturelle Schwundstufe man die spätmoderne internationale Sozialdemokratie verstehen kann, ein besonderer Tag. Vor genau 140 Jahren begannen am 1. Mai die Massenstreiks amerikanischer Industriearbeiter in Chicago und anderen Städten zur Durchsetzung des 8-Stunden-Arbeitstages.
Wenige Tage später kam es in Chicago zum Haymarket-Massaker, bei dem durch eine detonierende Bombe Demonstranten und Polizisten ums Leben kamen. Die darauffolgende Hinrichtung mehrerer Gewerkschafter fungiert bis heute als eines der blutigen Symbole des Arbeiterkampfes.
Propagandashows
Die wiederkehrenden 1.-Mai-Kundgebungen zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Werktätigen wurden von den sozialistischen Regimen des 20. Jahrhunderts zu Propagandashows umfunktioniert. In Russland wurde der 1. Mai schon unmittelbar nach der Oktoberrevolution zum gesetzlichen Feiertag. In Deutschland und Österreich erklärten der Nationalsozialismus und der Ständestaat zeitgleich, nämlich 1933, den 1. Mai zum Feiertag.
In Deutschland wurden ironischerweise am 2. Mai 1933 die Gewerkschaften verboten, in Österreich kam es im Februar 1934 zum Bürgerkrieg. Nur im Mutterland des 1. Mai legt man bis heute Wert auf Distanz zur sozialistischen Tradition: Der „Labor Day“ wird dort erst im September begangen.
Werner, der Kurs stimmt
Auf dem Wiener Rathausplatz wird am 1. Mai jährlich eine Art öffentliche Wasserstandsmessung der Beliebtheit des mehr oder weniger großen Vorsitzenden durchgeführt. Vor genau 10 Jahren fiel die Wasserstandsmeldung für den damals amtierenden SPÖ-Bundeskanzler Werner Faymann eher ungünstig aus.
Die Pro-Faymann-Plakate mit den Worten „Werner, der Kurs stimmt“ (es ging damals, man staune, um den Kurs der SPÖ in Sachen Migrationspolitik) gerieten vor dem Hintergrund des anschwellenden Pfeifkonzertes zum selbstironischen Desaster, Faymann trat eine Woche später entnervt von allen Ämtern zurück und äußerte sich nie mehr über die österreichische Politik.
Sein Nachfolger wurde Christian Kern, der sich als ÖBB-Chef die Unterstützung etlicher Landesorganisationen gesichert hatte, böse Zungen behaupten, dass dazu auch die Initiative der Staatsbahn zur Generalsanierung der Bahnhöfe in den Landeshauptstädten beigetragen habe. Kern war nach den Wahlen 2017 auch schon wieder Geschichte, sein Versuch, es 10 Jahre später noch einmal zu versuchen, scheiterte an seiner inzwischen sattsam bekannten Mut-Askese.
Hans Peter Doskozil mobbte Pamela Rendi-Wagner und etablierte in der Puszta eine Art Sozialismus in einem Land
Auf Christian Kern, der sich für alles außer für die Rolle des Bundeskanzlers überqualifiziert fühlte, folgte die seinerzeitige Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner. Sie wurde Zeit ihrer Vorsitzendenschaft vom burgenländischen Landeshauptmann Hans-Peter Diskozil gemobbt, der gleichzeitig in der Puszta eine Art Sozialismus in einem Land etablierte.
Es gibt niemanden mit Resten ökonomischen Sachverstandes, der nicht damit rechnet, dass Doskozils Bonsai-Variante des chinesischen Staatskapitalismus in einer Katastrophe enden wird, gegen die sich Jörg Haiders Kärntner Hypo-Drama wie eine Kinderoperette ausnimmt.
Doskozil wollte auf dem Linzer Parteitag 2023 Rendi-Wagners Nachfolge antreten, für zwei Tage tat er das auch, bis sich herausstellte, dass man bei der Auszählung die Stimmen vertauscht hatte und statt Doskozil der Bürgermeister von Traiskirchen, Andreas Babler, neuer SPÖ-Chef war.
Inzwischen ist Andreas Babler nach der Erreichung des schlechtesten Wahlergebnisses in der Geschichte der SPÖ Vizekanzler und Kulturminister, würde heute gewählt, würde die SPÖ unter 20 Prozent bleiben.
Klima, Gusenbauer, Faymann
Gerade ist mir übrigens etwas Interessantes passiert: Ich wollte eigentlich nur mit der kurzen Zusammenfassung der Ereignisse in der SPÖ während der vergangenen zehn Jahre eine Art Hintergrundbild für die Analyse der Gründe für die gegenwärtige Schwäche der nationalen und internationalen Sozialdemokratie zeichnen.
Da fiel mir auf, dass diese Geschichte eigentlich für sich schon ungefähr alles erklärt. Das Selbsterklärungsgewebe der SPÖ-Geschichte würde übrigens durchaus noch dichter, wenn man sich vor Augen führte, dass vor der 8-jährigen Amtszeit Werner Faymanns als SPÖ-Chef und Kanzler ein gewisser Alfred Gusenbauer acht Jahre lang SPÖ-Chef war, und zwar als Nachfolger von Viktor Klima.
Mein Plan war, mich der Frage zu widmen, ob die Krise der SPÖ eher eine personelle oder eine strukturelle Krise ist. Ein kurzer Blick auf die jüngere Geschichte zeigt: Offensichtlich begünstigt die strukturelle Krise, die darin besteht, dass die Sozialdemokratie ihre historische Mission, die, wenn man so will, am 1. Mai 1886 in Chicago begann, erfüllt hat, auch die Entstehung personeller Krisen.
Früher musste ein Vorsitzender für die Partei und ihre Mission da sein. Seit die Mission erfüllt ist, reicht es, wenn die Partei für den Vorsitzenden da ist. Das könnte dann im Grunde jeder sein – und es war eigentlich auch schon jeder. Derzeit heißt dieser Jeder Andreas Babler. Freundschaft.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 18/2026 erschienen.







