ABO

Wie kriegen wir unsere Schulen hitzefit?

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
14 min
Artikelbild

Christian Kühn

©Matt Observe

Jede Hitzewelle zeigt: Österreichs Schulbauten sind dafür nicht gerüstet. Diesen Juni meldeten viele Schulen Innentemperaturen von über 30 Grad, die Personalvertretung der Pflichtschullehrer in Wien sogar bis zu 39 Grad in manchen Klassenzimmern. Die Regierung hat nun Hitzeschutzmaßnahmen angekündigt. Österreichweit gibt es laut Statistik Austria 5.935 Schulstandorte. News fragte den Schulbau-Experten Christian Kühn von der Technischen Universität (TU) Wien, wie diese hitzefit gemacht werden könnten.

News auf Google bevorzugen

Österreichs Schulen wurden in den verschiedensten Epochen gebaut – manche Gebäude stammen aus dem 19. Jahrhundert, andere wurden eben erst fertiggestellt. Welche Schulbauten sind für hohe Außentemperaturen am schlechtesten gerüstet?

Die Schulen aus den 1950er- und frühen 1960er-Jahren. Damals hat man sehr wenig an das Thema Verschattung gedacht. In absoluten Zahlen fallen diese Schulen aber weniger ins Gewicht. Der große Bauboom kam in den 1970er-Jahren. Da wurde oft mit geringer Wärmedämmung ohne Rücksicht auf den Energieverbrauch geplant.

In der Ölkrise ist die Heizung dann zu einem enormen Kostenfaktor geworden. Darauf hat man reagiert, mit besserer Dämmung und Wärmerückgewinnung, aber die sommerliche Überwärmung blieb weitgehend ausgeblendet. In den 1950er-Jahren gab es allerdings auch nur fünf Hitzetage pro Jahr mit Temperaturen über 30 Grad, und die großteils in den Ferien. Heute sind es 30 Hitzetage.

Welche Fehler werden hinsichtlich Hitzefitness beim Neubau von Schulen immer noch gemacht?

Keine heute neu gebaute Schule wird mehr ohne Maßnahmen gegen die Überhitzung geplant und errichtet, was auch in den Bauordnungen konsequent eingefordert wird. Es wird aber viel zu wenig bedacht, dass es nicht nur ums Gebäude geht, sondern auch um den Umraum. Die Schule in der Nacht zu lüften, ist eine sehr wirksame Maßnahme, aber die funktioniert nicht mehr, wenn draußen Tropentemperaturen herrschen, wie wir das immer öfter erleben. Grüne, entsiegelte Freiflächen mit Baumbestand können da helfen. Da kann dann auch Unterricht stattfinden.

Das Ziel untertags muss sein, die Strahlungshitze gar nicht ins Haus zu lassen, am besten über außenliegenden Sonnenschutz. Das ermöglicht neue Fassadenlösungen, die gut nutzbare Balkone und Terrassen mit herausklappbaren Markisen kombinieren. Das Architekturbüro Fasch & Fuchs Architekten hat viel Erfahrung im Schulbau und solche Lösungen in zahlreichen Projekten eingesetzt, zuletzt etwa beim Wienerwaldgymnasium in Tullnerbach. Dort gibt es viel Glas und helle Räume, aber keine Überhitzung.

Sind Freiflächen vor Klassenzimmern aber dann nicht wiederum ein potenzielles Sicherheitsproblem?

Solche Sicherheitsbedenken halte ich für überzogen. Das Kuratorium für Verkehrssicherheit schätzt in einer Studie, dass in Österreich jährlich ein bis zwei Kinder bei Stürzen aus dem Fenster oder vom Balkon tödlich verunglücken. Aus dem Bildungsbereich ist mir aber kein einziger Fall bekannt. Auch hier spielt laut der Studie übrigens der Klimawandel eine Rolle: Da schon früher im Jahr gelüftet wird, steigt die Zahl der Unfälle.

Mit welchen rückwirkenden Maßnahmen können Schulen grundsätzlich hitzefit gemacht werden?

Außenliegender Sonnenschutz ist da immer der wirksamste erste Schritt. Er sollte beweglich sein, damit die Tageslichtversorgung auch in der dunklen Jahreszeit gegeben ist. Bei Folien ist das nicht der Fall. Die lassen zwar nur zehn Prozent der Wärmestrahlung durch, aber auch nur 30 Prozent des Lichts. Das kann im Herbst und Winter ziemlich deprimierend werden.

Blurred image background

Wie macht man den Sommer in dicht verbauten Gebieten erträglich? Wie kann man alte Gebäude nachrüsten, wie baut man sinnvoll neu? Damit beschäftigt sich Christian Kühn an der TU Wien.

 © Matt Observe

Wie sieht es mit Fassadenbegrünungen aus?

Sie verbessern sicher das Mikroklima. So effizient wie Bäume sind sie aber in der Regel nicht. Bäume sind ja dreidimensionale Schattenwerfer und Feuchtigkeitsspender und kommen im Unterschied zur grünen Fassade meist ohne aufwendige Bewässerung aus.

Was bedeutet hitzefit eigentlich: Welche Temperatur sollte in Innenräumen nicht überschritten werden?

Bei durchgängig 26 Grad spricht man schon von einer Belastung. Ab 28 Grad sinken Konzentration und Leistungsfähigkeit deutlich. Ab 30 Grad ist ein seriöser Schulbetrieb nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Was in der öffentlichen Debatte als Erstes genannt wird, sind Klimaanlagen. Sie haben diese Lösung noch gar nicht angesprochen.

Natürlich sind Klimaanlagen Teil der Lösung. Dabei verstehe ich unter dem Begriff nicht nur Klimamaschinen, die gekühlte Luft in den Raum blasen, sondern auch Systeme, bei denen die Kühlung in den Böden und Wänden erfolgt, die sogenannte Flächenkühlung oder „stille Kühlung“, die ohne Kaltluftgebläse komfortabel, geräuschlos und zugfrei temperiert.

In Kombination von Bauteilaktivierung, Wärmepumpen und Erdsonden, die sich die Kälte aus dem Boden holen und dort gleichzeitig Wärme für den Winter speichern, sind das höchst effiziente und ökologisch hochwertige Lösungen. Auch für die Nachrüstung sind sehr gute Lösungen verfügbar. So wie sich die Temperaturen momentan entwickeln, ist abzusehen, dass technische Kühlung in Schulen so selbstverständlich wird, wie es heute die Heizung ist.

Man könnte, um das nachhaltiger zu gestalten, zum Beispiel am Schuldach eine Photovoltaikanlage installieren.

Genau. Intensiver Sonnenschein und intensiver Kühlbedarf treten gleichzeitig auf. Kälte aus der Sonne ist mit der Kombination aus Photovoltaik, Pufferbatterien und effizienten Kältemaschinen längst möglich. Kühlung stellt dann kein energetisches oder ökologisches Problem dar, wenn die Energiewende bis 2040 tatsächlich gelingt und es grüne Energie im Überfluss gibt.

Wichtig bleibt aber die soziale Dimension: Die häufigste Form der Kältemaschinen gibt die Abwärme unter Geräuschentwicklung konzentriert an die Außenluft ab. Hier muss man durch umsichtige Wahl des Gerätetyps und des Aufstellorts sicherstellen, dass nicht Aufenthaltsbereiche im Außenraum entwertet werden.

Bei welcher Art von Gebäuden wird man um den Einbau von Klimaanlagen gar nicht herumkommen?

Am Anfang sollten immer die Maßnahmen stehen, die den Kühlbedarf senken: Sonnenschutz, Wärmeschutz, Außenraumbegrünung und -beschattung, Lüftung. Da verlangen die unterschiedlichen Gebäudetypen nach unterschiedlichen und unterschiedlich intensiven Maßnahmen. Wird diese Hausaufgabe gemacht, kann die technische Kühlung kostengünstig, baulich und sozial sanft erfolgen. Ganz zu vermeiden wird sie, zumindest im städtischen Umfeld, auf Dauer in keinem Gebäudetyp sein.

Die Energiefrage ist einer der Zielkonflikte, wenn es darum geht, die Temperatur in Gebäuden zu drosseln. Ein anderer ist der Denkmalschutz, unter den auch manche Schulgebäude fallen. Wie ließe sich dieses Problem lösen?

Bei vielen Gründerzeitschulen, die sehr hohe Räume haben, wird es möglich sein, die bisherige Fassadenästhetik zu erhalten. Grundsätzlich ist es für den Denkmalschutz aber nichts Neues, dass neue technische Möglichkeiten und Herausforderungen in den historischen Bestand integriert werden müssen.

Alle so hitzefit zu machen, dass es in den Schulen im Sommer nicht nur erträglich ist, sondern ein gutes Arbeiten möglich ist, würde wohl einige 100 Millionen Euro kosten

Christian Kühn

Die öffentliche Hand muss aktuell sparen. Welche Hitzeschutzmaßnahmen ließen sich recht kostengünstig umsetzen?

Die außen liegende Verschattung ist nicht wahnsinnig teuer und bewirkt viel.

Wie viel Geld wird man hier österreichweit insgesamt mindestens in die Hand nehmen müssen?

Das kann ich nicht seriös beantworten. Es gibt rund 6.000 Schulstandorte in Österreich. Alle so hitzefit zu machen, dass es in den Schulen im Sommer nicht nur erträglich ist, sondern ein gutes Arbeiten möglich ist, würde wohl einige 100 Millionen Euro kosten.

Ist das Problem in Österreich hier grundsätzlich vor allem zu wenig Budget – oder fehlt es eher an Planung und Prioritätensetzung?

Fehlendes Geld würde ich als Antwort nicht zulassen. Was ich in Österreich vor allem beobachte: Es gibt eine Sanierungsideologie, die mehr auf Reparieren ausgelegt ist als auf Transformieren. Da müsste sich etwas ändern.

Stichwort Planung: Ist so eine Sanierung während laufendem Schulbetrieb durchführbar – oder müssen Schulen während der Bauzeit in Ausweichquartiere?

Auch wenn Überhitzung der Anlass ist: Bei der Transformation von Schulbauten müssen alle neuen Anforderungen mitgedacht werden. Je nach Umfang der nötigen Sanierung entscheidet sich, ob eine Schule für ein, zwei Jahre an einem Ersatzstandort untergebracht werden muss oder nicht. Das ist aber projektabhängig.

Blurred image background

In Spanien denkt man beim Schulbau schon länger die Hitze mit. Hier das Vorzeigeprojekt Reggio Schule in Madrid.

 © JOSE HEVIA BLACH

Was braucht es noch, um einen Schulbau an die aktuellen Bedürfnisse anzupassen?

Es geht um das Layout der Schule, das Verhältnis der Schüler und Schülerinnen und Lehrpersonen zueinander, dass sie Räume vorfinden, um in Teams zu arbeiten. In neueren Raumkonzepten gibt es mehr Flexibilität, Klassen öffnen sich zu einer gemeinsamen Mitte, Gänge können als pädagogische Flächen benutzt werden. Da reicht es manchmal, ein paar Zwischenwände zu entfernen.

Gibt es auch Schulbauten, wo es günstiger wäre, diese abzureißen und neu zu bauen?

Vor zehn Jahren hätte man oft gesagt: Klar, wir reißen ab und leisten uns einen Neubau. Aus pädagogischer Perspektive wäre es auch sinnvoll, manche Gebäude abzureißen. Inzwischen gibt es hier aber einen massiven ideologischen Schwenk in Richtung Erhaltung der Substanz aus ökologischen Gründen. Bauschutt macht heute 30 Prozent des Müllgewichts in Europa aus. Architekten sagen daher, wir wollen nichts Neues mehr bauen, es gibt ja viel Bestand, und den zu erhalten, ist die ökologischste Lösung überhaupt.

Die Devise lautet: Refuse, also nichts Unnötiges bauen; Reduce, also den Aufwand möglichst reduzieren; Reuse, wiederverwenden, und erst in letzter Konsequenz Recycle. Das ist dann meist ein Downcycling, da wird die Schule geschreddert und zu Material für eine Auto­bahn. Das gilt aber eben nicht mehr als State of the Art.

Gibt es in Europa Länder mit ähnlichen klimatischen Verhältnissen wie Österreich, die den Schulbau bereits hitzefit umgebaut haben?

Das muss man dynamisch betrachten. Das Klima in Wien wird in 20 Jahren so sein wie in Skopje heute. Man müsste also in den Süden gehen und sich ansehen, was dort passiert. Wir haben uns gerade eine neue Schule in Madrid angesehen, die Reggio Schule, geplant von Andrés Jaque vom Office for Political Innovation, wo sehr viel richtig gemacht wurde.

Ein grünes Gewächshaus bildet da den Kern der Schule, darum bildet sich ein Kranz von Klassenräumen. Frontalunterricht gibt es in den südseitigen Klassen, dort findet sich auch in jedem Raum eine Klimaanlage – aber in den Räumen, wo dies nicht notwendig ist, nicht. Wo der Wind durchblasen kann, kann man Räume nach außen komplett öffnen. Das ist für mich ein Best-Practice-Beispiel.

Blurred image background

Die Klassenräume in der Reggio Schule sind um ein großes Gewächshaus angeordnet.

 © JOSE HEVIA BLACH

Steckbrief

Christian Kühn

Christian Kühn ist Professor für Gebäudelehre an der Technischen Universität (TU) Wien. Er ist Experte für Bildungs- und Schulbau, war unter anderem Mitglied der OECD Working Group for Educational Facilities und wirkt seit vielen Jahren als Juror und Fachberater bei Wettbewerben und Projekten im Schulbau.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 33+34/2026 erschienen.

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER