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Politikerporträts: Erwin Wurm macht Sobotka zur Skulptur

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Wolfgang Sobotka war von 2017 bis 2024 Erster Präsident des österreichischen Nationalrats. Heute leitet er die politische Akademie der ÖVP.

©Trend Lukas Ilgner

Der frühere Erste Präsident des Nationalrats, Wolfgang Sobotka, bekommt, wie jeder seiner Vorgänger, ein Porträt im Hohen Haus. Geschaffen wird es vom erfolgreichsten österreichischen Künstler: Erwin Wurm. Und, so viel lässt sich sagen: Es wird außergewöhnlich. Warum uns Porträts von Politikerinnen und Politikern heute noch faszinieren und was sie uns sagen können.

News auf Google bevorzugen

Wer sich vor Erwin Wurms Kamera begibt, ist zu Einigem bereit. Stühle, Stifte, Obst und Gemüse kommen oft mit aufs Bild, die dargestellte Person wird zur Kenntlichkeit – nein, nicht entfremdet, vielmehr verdichtet. „Ich habe alles getan, was Wurm vorgeschlagen hat“, sagt Wolfgang Sobotka, „und ich habe es gerne getan.“

Wurm mache die Person zur Skulptur, stelle sie in den Alltag und in die Gesellschaft hinein und die Absurdität, die dabei entstehe, hinterfrage Normen und Strukturen. „Sie kennen ja meine Rezeption in den Medien. Da bin ich der Laute, der Polternde. Mich hat interessiert, ob es auch einen anderen Zugang zu mir gibt. Ich bin sehr begeistert, wie Wurm sein Werk anlegt.“

Zwischen Demut und Selbstironie

Wie alle Nationalratspräsidenten – und die wenigen Präsidentinnen – bekommt Sobotka ein künstlerisches Porträt im Parlament. Er hat sich Wurm als ausführenden Künstler gewünscht. Das Fotoshooting dafür hat bereits stattgefunden. Sobotka zeigt News im Vertrauen, was dabei herausgekommen ist. Vier wunderbare Sujets, sie zeigen den Politiker zwischen Demut und Selbstironie. Welches der Bilder Wurm auswählen wird, weiß der ÖVP-Mann noch nicht.

Doch eines weiß er: So kommt das Parlament doch noch zu einem Wurm. Sobotka hatte zwei raumhohe Skulpturen von ihm angekauft. Eigenmächtiges Handeln wurde ihm da vorgehalten. Sein Nachfolger, FPÖ-Politiker Walter Rosenkranz, ließ den Kauf rückabwickeln. „Zum Schaden der Republik“, wendet Sobotka ein. 120.000 Euro pro Stück und vor Steuern hatten die Figuren gekostet. „Jetzt hat eine davon einen Preis von 250.000 Euro erzielt.“

Den derzeit international erfolgreichsten österreichischen Künstler ins Hohe Haus zu bringen, war nicht das alleinige Motiv des kunstsinnigen Politikers. „Wurm fängt mit seinen Photografic Sculptures die Dimension nicht nur des Menschen, sondern ihn in seiner Umgebung und seiner Zeit ein. Das schien mir der richtige Zugang zu sein. Denn“, so Sobotka, „die Porträts der Präsidenten spiegeln auch die Kunstgeschichte und die Entwicklung der Republik wider.“

Sobotkas Ärger

Was Sobotka ärgert: Dass eine Gratiszeitung, deren Eigentümerin Kunstsammlerin ist, Wurm „quasi als Gurkenkünstler bezeichnet“ und sich über den Preis für dessen Werk mokiert. Mit 30.000 Euro ist es im vorgesehenen Budget und im Rahmen dessen, was frühere Präsidentenporträts gekostet haben. Und: Dass kaum thematisiert wird, dass der heutige Präsident ein Werk des Malers und begeisterten Nazis Rudolf Herrmann Eisenmenger in seinem Büro freilegen ließ, das Sobotka, der überzeugte Antifaschist, verhängt hatte.

Aber zurück zu den Politikerporträts: Sind die noch zeitgemäß? „Ja!“, sagt Sobotka. „Sie sind ein Dokument ihrer Zeit.“ Der Nationalratspräsident sei „ein Spiegelbild der demokratischen Verfasstheit des Parlaments“. Und, drittens, werde eine Person gezeigt, die das Haus in ihrer Zeit gestaltet hat. „Diese Geschichte zu erzählen, hat seine Berechtigung. Die Demokratie lebt von ­Parteien und ihren Repräsentanten. Ohne sie gibt es keine liberale Demokratie.“

Porträts sind das Anstrengendste meiner künstlerischen Arbeit, weil sie höchste ­Konzentration verlangen. Man muss dem Menschen Raum geben, damit er sich entspannt, andererseits muss er meinen Anweisungen folgen

Eva SchlegelFoto-und Objektkünstlerin
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Barbara Prammer: Eva Schlegel bei der Präsentation des Porträts der verstorbenen Nationalratspräsidentin. Sie hat später auch Heinz Fischer proträtiert.

 © APA-Images, APA, HERBERT PFARRHOFER

Freiraum und Kontrolle

Ein Besuch im Atelier der Künstlerin Eva Schlegel. Sie hat die Porträts von Barbara Prammer als Nationalratspräsidentin und Heinz Fischer als Bundespräsidenten (sein Nationalratspräsidenten-Porträt hat Xenia Hauser gemalt) geschaffen und erzählt, wie sie sich den beiden Personen künstlerisch angenähert hat. Das Bild Prammers entstand nach deren Tod, Schlegel musste also mit bereits vorhandenen Fotos der SPÖ-Politikerin arbeiten.

„Ich habe mich für ein Bild entschieden, das sehr direkt war. Sie schaut klar und angstfrei in die Kamera. Sehr selbstbewusst. Ich wollte sie unbedingt auf Blei verewigen und habe ein ganz helles, sehr goldenes Blei ausgesucht.“ Blei sei ein sehr schwerer Werkstoff, „es hat etwas Ewiges.“ Es ist einerseits giftig und gefährlich, andererseits schützend, etwa vor radioakti­ver Strahlung. „Es reflektiert das Licht und leuchtet auf, wenn man an dem Bild vorbeigeht. Es spricht mit einem“, beschreibt Schlegel seine Wirkung. „Barbara Prammer war so eine helle, klare Person, da fand ich dieses Material passend.“

Ganz anders war die Vorgangsweise bei Heinz Fischer. „Fischer ist volksnah, aber auch ein sehr gebildeter, belesener Mensch, der viel weiß, die Zusammenhänge erforscht – wie ein Renaissance-Mensch.“ Darum habe sie mit dem damaligen Bundespräsidenten das Kunsthistorische Museum besucht, um Renaissance-Porträts zu betrachten. Es sollte ein Bild werden, das die Person erhöht, das aber auch einen Blick in die Welt richtet. Schlegel fotografierte im Kunsthistorischen den Hintergrund für das Fischer-Porträt. Durch ein Fenster sieht man über das Grün des Maria-Theresien-Platzes auf das Naturhistorische Museum als Speicher des Wissens. Vor diesem Bildausschnitt ließ sie Heinz Fischer in ihrem Atelier Platz nehmen. Hunderte Fotos entstanden, aus denen sie dann eines auswählte.

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Angela Merkel: Die frühere deutsche Kanzlerin geht auch bei ihrem Porträt eigene Wege. Sie beauftragte den jungen Künstler Jérémie Queyras und bezahlte das Bild bis zur letzten Farbtube selbst © APA-Images, AFP, TOBIAS SCHWARZ
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Donald Trump: Der US-Präsident im Moment nach dem Schussattentat auf ihn im jüngsten Wahlkampf. Gemalt hat das Bild der Russe Nikas Safronow. Es ist ein Geschenk Putins. Früher wohl ein No-Go im Weißen Haus © APA-Images, AFP, KENT NISHIMURA

„Porträts sind das Anstrengendste meiner künstlerischen Arbeit“, sagt Schlegel, „weil sie höchste ­Konzentration verlangen. Man muss dem Menschen Raum geben, damit er sich entspannt, andererseits muss er meinen Anweisungen folgen und ich muss die Kontrolle haben. Ich bin danach richtig ausgelaugt.“ Bei Fischer habe sie zu Beginn gespürt, „er macht das jetzt nicht gern“, nach einer Tasse Tee habe man dann Vertrauen gefunden.

Was ein gutes Porträt ausmacht? Selbst Personen, die man gar nicht kennt, könnten einen ansprechen, meint Schlegel und nennt es „psychologische Kontaktaufnahme“. Allerdings meint sie auch: Das Porträt als Kunstgattung sei ein bisschen aus der Zeit gefallen. „Manchmal sind die Farben ein bisschen verschoben, aber so richtig zeitgenössisch ist es nie.“

Letztendlich sind wir ja alle eitel und wollen in einer bestimmten Art und Weise wahrgenommen werden

Guido MesslingExperte für deutsche Malerei im KHM

Bilder mit Aussage

Im Wiener Rathaus gibt es ebenfalls eine „Ahnengalerie“. Die Bürgermeister werden nach ihrem Tod im Stadtsenatssitzungssaal aufgehängt. Der Letztverstorbene erhält den Ehrenplatz an der Stirnseite. Das Bild Helmut Zilks dominiert den Raum, was sowohl am Charisma des früheren Bürgermeisters als auch an der Darstellung durch die große Maria Lassnig liegt. Es ist nach dem Briefbombenattentat entstanden, zeigt den SPÖ-Politiker aber mit intakten, überproportional großen Händen. Einerseits steht das für seine zupackende Art, Politik zu machen. Andererseits sendet es ein deutliches Signal: Der Terror zwingt ihn nicht in die Knie.

Im Berliner Bode-Museum ist das Porträt Angela Merkels ausgestellt, das bald im deutschen Kanzleramt hängen soll. Merkel hätte jeden berühmten deutschen Maler für ihr Bild haben können, doch sie entschied sich für den jungen, wenig bekannten Jérémie Queyras, der sich schriftlich bei ihr um den Auftrag beworben hatte. In einigen Sitzungen entstand ein schlichtes, zurückhaltendes Porträt. Noch dazu hat es die Ex-Kanzlerin zur Gänze aus eigener Tasche bezahlt. Typisch Merkel.

Und noch ein letztes, schrilles Beispiel: Donald Trump. Der hat im Weißen Haus einige Bilder von sich selbst aufund einige seiner Vorgänger abhängen lassen. Ins Auge sticht jenes Bild, das den Wahlkämpfer Trump blutend nach einem Schussattentat zeigt. Gemalt hat es der russische Künstler Nikas Safronow und ausgerechnet Wladimir Putin hat es Donald Trump zum Geschenk gemacht.

Die Wahl, von wem man sich als Politiker oder Politikerin abbilden lässt und wie, ist auch ein Politikum. Und war es immer schon.

Eine Feierstunde, wenn das Bild enthüllt wird? Das brauche ich nicht. Das soll einfach aufgehängt werden. Es geht ja nicht um mich.

Wolfgang SobotkaEhemaliger Erster Nationalratspräsident

Ein Blick in die Geschichte

Ein Besuch im Kunsthistorischen Museum. Guido Messling ist Experte für deutsche Malerei. Wie liest man ein historisches Porträt? Oft wisse man heute gar nicht, wo sich Porträts ursprünglich befunden haben, erklärt er. Hingen sie in einer privaten Stube, waren sie als Geschenk an andere Herrscherhäuser gedacht, sollten sie eine Ehe anbahnen oder das Volk beeindrucken?

Für alle gilt: „Letztendlich sind wir ja alle eitel und wollen in einer bestimmten Art und Weise wahrgenommen werden“, sagt Messling und führt zu einem Porträt eines unbekannten Mannes, 1529 gemalt von Barthel Beham. Der Dargestellte rechnet, scheint ein Gelehrter zu sein, trägt aber auch Statussymbole wie einen Ring mit noch nicht identifiziertem Wappen, einen Degen und einen Paltrock. Das Bild seiner Frau zeigt diese im Pelz. Messling: „Um diese Zeit gab es im Gebiet des Deutschen Reiches Hunderte Kleiderordnungen. Nichts, was eine dargestellte Person trägt, ist zufällig. Aber manchmal wollte man für ein privates Porträt diese Kleiderordnungen überschreiten und zeigen, dass man sich zu Höherem berufen fühlt.“

Wenige Schritte weiter hängt ein Bildnis Kaiser Maximilians von Albrecht Dürer. Die Inschrift und das Wappen mit dem doppelten Reichsadler machen klar, wer hier abgebildet ist. „Zeitgenossen hätten den Kaiser auch an seiner charakteristischen Nase erkannt“, erklärt Messling. Dürer zeigt Maximilian würdevoll, aber ohne Insignien seiner Macht. Keine Krone, kein Zepter, nur einen Granatapfel hält er in Händen. Dieser Granatapfel könnte ein Hinweis auf den Schwiegervater von Maximilians Sohn Philipp sein, Ferdinand von Aragon, der 1492 die Mauren aus Granada vertrieben hat. Der Kaiser hatte Dürer in die Pfalz gerufen, gleich nach dem Tag seiner Ankunft. „Er wusste wohl, dass es mit ihm zu Ende ging.“ Kurze Zeit später starb Maximilian. Wie dieses letzte Bild von ihm ausgefallen ist, hat er wohl mitentschieden.

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Guido Messling

 © Matt Observe

Messling nennt einen Maximilian Dürers auch als Beispiel für ein abgelehntes Porträt. Der Künstler wollte es Maximilians Tochter, Margarethe von Österreich, die Statthalterin in den Niederlanden war, 1521 übergeben. „Sie hat es nicht akzeptiert, weil sie es nicht gelungen fand.“ Was daraus wurde, weiß man nicht. Man kennt es nur aus der Literatur.

Messling seine Bedeutung. Noch rasch ein Blick auf Karl V., gemalt von Jakob Seisenegger. Das erste ganzfigurige und lebensgroße Bild eines Herrschers. An seiner Seite ein Hund, der ergeben zu ihm aufblickt. „Der folgsame Untertan, vielleicht“, erklärt Rapide zurück in die Gegenwart. Wolfgang Sobotkas wird auf jeden Fall das außergewöhnlichste im Parlament sein. Eine Feierstunde, wenn das Bild enthüllt wird? „Nein!“, sagt er vehement. „Das brauche ich nicht. Das soll einfach aufgehängt werden. Es geht ja nicht um mich.“ Wie bei all diesen Bildern – sie gelten dem Amt, nicht der Person.

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 41/2026 erschienen.

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