Die vom Bildungsminister bekannt gegebenen Pläne zur Reduktion des Latein-Unterrichts wurden anders aufgenommen, als der Politiker erhofft hatte. Soeben geht eine Petition in Umlauf: Drei Nobelpreisträger, Spitzenmediziner und die künstlerische Elite protestieren einmütig. Unterschreiben auch Sie!
Die Petition an den Bildungsminister könnte man im Grund auf zwei Worte in Frageform reduzieren: Was nun? Oder, etwas wortreicher: Auf welche Klientel kann der Bildungsminister verzichten? Seit nämlich Christoph Wiederkehr (35, NEOS) bekannt gegeben hat, den Lateinunterricht in den Gymnasien erheblich reduzieren zu wollen, spricht man endlich über das, was Bildung sein könnte, würde sie nicht permanent in die Richtung geistlosen Funktionierens nach neoliberalem Konzept reformiert .
Und jetzt also die „tote Sprache“ (Wiederkehr). Mehr als ein paar knöcherne Lehrergewerkschafter würden ihr nicht nachweinen, hört man.
Jetzt Petition unterzeichnen
Die Petition kann hier unterzeichnet werden: mein.aufstehn.at/petitions/latein-ist-kein-luxus-es-ist-bildung
Die Elite erhebt Einspruch
Um das mit Glück zu falsifizieren, verständigte sich der Autorenvertreter Gerhard Ruiss mit der Kulturmanagerin Nina Hoppe (sie hat schon eine erfolgreiche Petition zur Erhaltung des Radiosymphonieorchesters verabschiedet). Und binnen vier Tagen kam eine Liste von (bei Redaktionsschluss) 88 Proponenten zustande. Drei der vier österreichischen Nobelpreisträger (Eric Kandel ist hochbetagt und in den USA schwer erreichbar) stehen da, alle nicht in Lehrerpersonalvertretungskreisen aktiv. So wenig wie der Rektor der MedUni Wien, Markus Müller, der Genetiker Markus Hengstschläger oder die Spitzenmediziner Christoph Zielinski, Siegfried Meryn und Lukas Weseslindtner.
Von Vergreisung ein Stück entfernt sind zudem z. B. Besteller-Autorin Vea Kaiser, 37, und der Schauspieler Felix Kammerer, 30 („Im Westen nichts Neues“). Oder gar die Schüler der Wiener Gymnasien, deren Zuschriften Sie auf meiner Leserbriefseite finden.


Bestsellerautorin Vea Kaiser ist eine der prominenten Unterzeichnerinnen der Petition.
© Bild: Matt ObserveDas sagt Elfriede Jelinek
Oder Sie möchten es lieber von der Nobelpreisträgerin? „Also ich denke mir, daß das Schreiben von Zeitungsartikeln oder Bewerbungsschreiben leicht nach der Matura erlernt werden kann. Ich aber sehe die Basis fürs spätere Leben im Erlernen der alten Sprachen, auf deren Denken und Logik unsere ganze Zivilisation aufbaut. Wenn man in der Schule das alles einfach einstellt, dann fallen wir vielleicht nicht gerade ins Bodenlose, aber, eigentlich schlimmer noch, auf einen sehr harten Boden, der uns das Kreuz brechen könnte. Das Denken verwandelt sich dann nicht, wie vielleicht angestrebt, ins Umdenken, sondern in Gedankenlosigkeit.“
Genießen Sie jedenfalls die Liste, auf der die Legenden Heinz Fischer, Franz Vranitzky und Michael Heltau ebenso stehen wie die Elite der österreichischen Literatur, „Jedermann“ Philipp Hochmair oder Wiens wilder Festwochenintendant Milo Rau.
Ein Konzept als Pfusch
Das ministerliche Reform-Ansinnen erweist sich derweil als kompakter Pfusch: Ein nach langer Vorarbeit in Finalisierung begriffener Lehrplan soll nun binnen Wochen umgestoßen werden, die Auswirkungen auf die Matura sind nicht abzusehen. Dabei fallen die vier zu kappenden Stunden einer populistischen Provokation um ihrer selbst willen zum Opfer: Nur drei von ihnen sind überhaupt den Bereichen Medien, Demokratie und KI zugedacht! Die vierte wird einfach gestrichen und soll schulautonom verwendet werden.
Interessant ist, was dann aus dem Lateinunterricht kippen soll: Der grammatikalische Grunderwerb bleibt unbeeinträchtigt. Zu streichen sind nach neoliberaler Logik „Cluster“: Philosophie, Politik, Mythologie etwa. Das also, was aus Befehlsempfängern denkende Menschen macht.
Der Lehrplan
Latein wird derzeit an Gymnasien in Kurz- und Langform geboten. Die Langform (sechs Jahre) umfasst sieben Stunden in der Unterstufe (bleiben unverändert) und zwölf in der Oberstufe (5. bis 8. Klasse).
Die sollen von zwölf auf acht Stunden gekürzt werden. Im, selben Ausmaß auch die Kurzform (5. bis 8. Klasse) – und damit auch die alternative Fremdsprache z. B. Französisch! Im naturwissenschaftlichen Realgymnasium wird Latein dagegen aus technischen Gründen nur von zwölf auf zehn Stunden gekürzt. Chapeau!
Grandios auch der Umgang mit den naturwissenschaftlichen Realgymnasien: Sie behalten zehn ihrer zwölf Stunden Latein, während die auf Spracherwerb gerichteten Gymnasien auf acht gekürzt werden. Warum? Weil sonst die Klassenstruktur zusammenbräche.
Leicht möglich, dass sich der Bildungsminister bei der nächsten APA-Umfrage aus dem Spitzengrüppchen der Kategorie „kenne ich nicht“ empfehlen darf. Aber die Frage nach der Klientel bleibt. Als im Pandemiejahr 2020 die Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek die ihr Anvertrauten erfolgreich gegen sich aufgebracht hatte, endete ihre Amtszeit nach vier Monaten.
Die Petition im Wortlaut
Sehr geehrter Herr Bundesminister Wiederkehr,
die sich verdichtenden Anzeichen einer weiteren Marginalisierung der sogenannten „toten“ Sprache Latein in den Lehrplänen beunruhigt uns ebenso wie der seit Jahren vollzogene Rückbau des Literaturunterrichts zugunsten vorgeblich kompetenzorientierter Textsorten.
Wir sind aufgrund unserer Ausbildung und unseres Wissens davon überzeugt, dass die humanistische Bildung, die den Blick über Jahrtausende der Geistesgeschichte ermöglicht, einen unverzichtbaren Beitrag zur Heranbildung mündiger, selbst denkender Staatsbürgerinnen und Staatsbürger leistet. Das gilt in mindestens ebensolchem Ausmaß für die Literatur, die seit der Jahrtausendwende ihre Bedeutung in den Lehrplänen verloren hat.
Unsere Bitte, die auch als Forderung verstanden werden kann, lautet also: Der Unterricht in den klassischen Sprachen Latein und Altgriechisch soll uneingeschränkt weitergeführt werden. Die beabsichtigten acht (statt bisher zwölf) Lateinstunden sind zur seriösen Aneignung des Gegenstands definitiv nicht ausreichend. Und dass das Kulturland Österreich die Literatur systematisch aus dem Bewusstsein rückt, erscheint widersinnig. Deshalb soll ihr der ihr gebührende Platz in den Lehrplänen wieder eingeräumt werden.
Die 88 prominenten Unterzeichner
Elfriede Jelinek, Nobelpreis für Literatur • Peter Handke, Nobelpreis für Literatur • Anton Zeilinger, Nobelpreis für Physik • Anna Baar, Schriftstellerin • Karin Bergmann, Intendantin • Reinhold Bilgeri, Schriftsteller und Chansonnier • Maria Bill, Schauspielerin, Sängerin • Andrea Breth, Regisseurin • Stefan Büttner, Klassischer Philologe, Universität Wien • Franz Josef Czernin, Autor • Ekaterina Degot, Intendantin Steirischer Herbst • Sabine Derflinger, Regisseurin • Marko Dinic, Schriftsteller • Dimitré Dinev, Autor • Heinz Fischer, Alt-Bundespräsident • Herbert Föttinger, Intendant, Regisseur • Arno Geiger, Autor • Andrea Grill, Autorin • Sabine Gruber, Autorin • HK Gruber, Komponist, Dirigent, Chansonnier • Petra Hartlieb, Autorin, Buchhändlerin • Harald Haslmayr, Musikwissenschafter • Monika Helfer, Autorin • Michael Heltau, Schauspieler, Chansonnier • Markus Hengstschläger, Genetiker • Miguel Herz-Kestranek, Schauspieler, Autor • Markus Hinterhäuser, Intendant der Salzburger Festspiele • Lisz Hirn, Philosophin • Paulus Hochgatterer, Autor • Philipp Hochmair, Schauspieler • Nina Hoppe, Kulturmanagerin • Vea Kaiser, Autorin • Felix Kammerer, Schauspieler • Christian Kircher, Geschäftsführer der Bundestheater-Holding • Michael Köhlmeier, Autor • Christian Kolonovits, Musiker, Komponist • Danny Krausz, Produzent • Sandra Kreisler, Schauspielerin, Diseuse • Hartmut Krones, Musikwissenschaftler • Ludwig Laher, Autor • Chris Lohner, Schauspielerin, Autorin • Helene Maimann, Autorin, Historikerin • Michaela Masek, Gräzistin • Robert Menasse, Schriftsteller • Siegfried Meryn, Mediziner • Lydia Mischkulnig, Autorin • Anna Mitgutsch, Autorin • Ernst Molden, Liedermacher, Schriftsteller • Markus Müller, Rektor MedUni Wien • Stephan Müller, Dekan der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät, Uni Wien • Wolfgang Müller-Funk, Literatur- und Kulturwissenschafter • Olga Neuwirth, Komponistin • Georg Nigl, Opernsänger • Cornelius Obonya, Schauspieler, Regisseur • Riki Pacik, Pädagogin i. R. • Markus Peichl, Medienunternehmer • Martin Prinz, Autor • Carl Pruscha, Architekt • Julya Rabinowich, Autorin • Milo Rau, Regisseur, Intendant • Peter Rosei, Autor • Gerhard Ruiss, IG Autorinnen Autoren • Robert Schindel, Autor • Eva Schlegel, Künstlerin • Ferdinand Schmatz, Autor • August Schmölzer, Schauspieler und Autor • Raoul Schrott, Autor • Gregor Seberg, Schauspieler • Clemens J. Setz, Schriftsteller • Danuta Shanzer, Klassische Philologin • Heinz Sichrovsky, Journalist • Hubert Sielecki, Animationsfilmer • Christiane Spiel, Professorin für Bildungspsychologie und Evaluation • Kristina Sprenger, Schauspielerin • Erwin Steinhauer, Schauspieler • Daniela Strigl, Literaturwissenschafterin • Günter Tolar, Kabarettist • Peter Turrini, Autor • Vladimir Vertlib, Autor • Franz Vranitzky, Alt-Bundeskanzler • Peter Waterhouse, Autor, Übersetzer • Renate Welsh, Autorin • Lukas Weseslindtner, Mediziner • Josef Winkler, Autor • Daniel Wisser, Autor • Hartmut Wulfram, Klassischer Philologe, Universität Wien • Herbert Zeman, Germanist • Christoph Zielinski, Mediziner
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 06/2026 erschienen.






