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2nd Opinion: Politische Kränkung

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Michael Fleischhacker

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Vieles von dem, was wir tun, tun wir unbewusst. Wir sollten die wenigen Momente der Klarsicht benutzen, um uns gegen den Konsum von Politiker-Interviews zu entscheiden. Über Künstliche Intelligenz, Kopernikus, Darwin, Freund und Andreas Babler.

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Zu den wichtigsten und gleichzeitig von uns Menschen am meisten unterschätzten Entscheidungen, die wir im Lauf unseres Lebens zu treffen haben, gehört die Entscheidung, was wir in jedem Moment unseres irdischen Daseins mit der uns gerade zur Verfügung stehenden Zeit anfangen.

Gewohnheiten eines Gesellschaftstiers

Meiner Erfahrung nach treffen wir diese Entscheidung immer schnell und oft falsch. Das hat damit zu tun, dass es sich genau genommen nicht um einzelne Entscheidungen in dem Sinn handelt, dass wir im Schnellverfahren und unter Zuhilfenahme nachvollziehbarer Kriterien zwischen den sich uns darbietenden Möglichkeiten a, b oder c entscheiden. Stattdessen folgen wir Gewohnheiten, die sich im Laufe unseres Lebens gebildet haben, unmittelbaren Notwendigkeiten und tatsächlichen oder eingebildeten Sachzwängen, vor allem aber den Erwartungen, die andere Menschen an uns haben.

Der Mensch ist bekanntlich ein Gesellschaftstier, und was er will und was ihm wichtig ist, sagen ihm sehr oft die anderen. Obwohl wir wissen, dass wir in jedem Moment unseres Lebens leben, leben, leben sollten, weil das Leben jederzeit aus und wir dann sehr lange tot sein könnten, entwickeln wir in der Regel einen Habitus, der eher danach aussieht, als würden wir gelebt, anstatt zu leben.

Bewusstheit und Klarsicht

Umso wichtiger ist es also, die wenigen Momente der Bewusstheit und Klarsicht zum Zweck des Gewinns von Nettolebenszeit zu nutzen, und sich zum Beispiel gegen das Ansehen der Politiker-Sommergespräche im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu entscheiden.

Es gibt ja nur zwei Gründe, sich ein öffentliches Gespräch mit einem Politiker anzusehen, nämlich die Erwartung, dass man etwas Neues oder Relevantes erfahren wird, und/oder die Erwartung, dass man Zeuge eines Gesprächs wird, das unabhängig von allen Inhalten sehenswert ist, weil es uns etwas über die Gesprächspartner, das Niveau des politischen Diskurses oder über die Welt erzählt.

Beides ist nicht der Fall, was man bei Frau Gewessler und Frau Meinl-Reisinger nach wenigen Minuten Stichprobe feststellen und beim allzeit ablösegefährdeten Vizekanzler schon in Vorhinein wissen konnte. Spätestens aber, als sich Andreas Babler für das „nette Gespräch“ bedankt hatte, müsste es sogar dem Voglkeuschn-Pepi sein lediger Bub verstanden haben.

Kränkungen

Gegen mein eigenes Argument muss ich gestehen, dass mir das Babler-Sommergespräch etwas klar gemacht hat, allerdings auf eine sehr idiosynkratische Art und Weise, die mit meiner aktuellen Lektüre zu tun hat. Ich beschäftige mich unoriginellerweise gerade mit unterschiedlichen Blickwinkeln auf das gegenwärtige und das zukünftige Verhältnis zwischen uns Menschen und der Künstlichen Intelligenz. Um mich ein wenig vom freudlosen Besserwisserpessimismus des neuen Universalauskunftgebers Yuval Harari zu erholen, lese ich Rüdiger Safranskis eleganten Essay „Die Vierte Kränkung“.

Safranski bezieht sich dabei auf Freuds nicht ganz uneitle Rede von den drei „großen Kränkungen der Menschheit“ in einem Aufsatz aus dem Jahr 1917: Zuerst die kopernikanische Kränkung, also die Entfernung des Menschen aus dem Zentrum des Universums durch Kopernikus’ Erkenntnis, dass nicht die Sonne um die Erde kreist, sondern umgekehrt. Dann die darwinistische Kränkung, also die Entfernung des Menschen aus dem Zentrum des Schöpfungsgeschehens durch Darwins Erkenntnis, dass der Mensch nicht als Sonderwesen erschaffen wurde, sondern im Rahmen der Evolution entstanden ist. Drittens die der Menschheit durch Freud selbst zugefügte psychologische Kränkung, gewissermaßen die Entfernung des Menschen aus seiner eigenen Steuerzentrale durch die Erkenntnis, dass wir nicht Herr im eigenen Hause sind, sondern über weite Strecken vom Unbewussten gesteuert werden.

Safranski sagt, man könnte die KI als vierte Kränkung verstehen, insofern, als das menschliche Bewusstsein, das sich „souverän dünkt“, nicht nur vom triebhaft Unbewussten bedrängt werde, sondern auch vom Nichtbewusstsein der Künstlichen Intelligenz, „die menschliche Intelligenzleistungen nachahmt und überbietet“.

Was in aller Welt haben Kopernikus, Darwin, Freud und Safranski mit Andreas Babler zu tun?

Abgesehen davon, dass wir meiner Einschätzung nach noch nicht wissen, ob die Künstliche Intelligenz jemals so etwas wie Bewusstsein hervorbringen wird, stellt sich natürlich die Frage, was in aller Welt Kopernikus, Darwin, Freud und Safranski mit Andreas Babler zu tun haben sollen.

Es ist eine gute Frage, und die Antwort ist: Vieles von dem Bullshit, mit dem wir in der sogenannten politischen Debatte zu tun haben, hat mit der dreieinhalbten Kränkung der Menschheit zu tun, nämlich mit der Erkenntnis von Politikern, dass ihre Behauptung, sie würden den Lauf der Dinge und das Wohlergehen der Menschen entscheidend beeinflussen, nicht aufrechtzuerhalten ist. Andreas Babler gehört zu denen, die sich dieser Erkenntnis durch Flucht in die unfreiwillige Selbstironie entziehen, indem sie behaupten, dass alles ganz einfach wäre, wenn man sie nur mal machen ließe, ohne Koalitionspartner und lästige Medien.

Ich muss gestehen, dass ich eine gewisse Schwäche für diesen Move habe. Was ich an Kindern am meisten mag, ist ihr Glaube, dass man sie nicht sehen kann, wenn sie die Augen zumachen.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 35/2026 erschienen.

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