Im Fußball akzeptieren wir, dass Erfolg seinen Preis hat. Dass Leistung zählt. Dass Veränderung notwendig ist. Außerhalb des Stadions vergessen wir das erstaunlich schnell – und wundern uns noch nicht mal über schwindende Wettbewerbsfähigkeit.
In Österreich geht bekanntlich viel. Wenn man nicht muss. Aber kann. Aus Spaß. Aus Freude. Aus Leidenschaft. Weil oder wenn es um viel geht – und am Ende doch um nichts. Fußball verbindet. Setzt Kräfte frei – und lässt Unbeteiligte verwundert die Augen reiben. Plötzlich wird groß gedacht. Es werden Visionen formuliert. Ziele ausgegeben. An das Unmögliche geglaubt. Und Unsinn geredet.
Leistung macht einen Unterschied
Ja, beim Fußball sind überraschend viele bereit, sich in den Dienst der Sache zu stellen. Noch bemerkenswerter ist, was wir auf dem Rasen letztlich akzeptieren: Wettbewerb. Hierarchie. Disziplin. Harte Entscheidungen. Über Aufstellungen und Taktik wird gestritten. Über die Logik des Wettbewerbs nicht.
Wir wissen, dass Leistung einen Unterschied macht. Niemand fordert beim Nationalteam: Gewinnen ja, aber beim Training brauchen wir uns nicht überanstrengen. Ganz im Gegenteil: Reinbeißen, durchbeißen, festbeißen lautet die selbstverständliche Devise, um auf dem Platz nicht mit Mittelmaß unterzugehen.
Das große Aber
Im echten Leben, also dort, wo der Wohlstand des Landes das Maß aller Dinge ist, führen wir Debatten oft genau umgekehrt. Wir wollen Wohlstand. Eher mehr als weniger. Zumindest behaupten wir das. Und die Politik behauptet es gleich mit. In Sonntagsreden. In Social-Media-Posts. In den überhandnehmenden Macher-Videos vom Kanzler abwärts, wo das wohlhabende Land Österreich einen Hauch zu rosarot dargestellt wird.
Dort ist immer von Leistung die Rede. Von Wettbewerb. Von Zusammenhalt. Von Chancen und Aufstieg. Von Arbeit, die sich wieder lohnen müsse. Nur sobald diese Begriffe Konsequenzen haben könnten, beginnt das große österreichische Aber. Sobald aus den Schlagworten konkrete Politik werden soll, endet die Einigkeit meist abrupt.
Wir wünschen uns Reformen, aber ohne Reformdruck. So, als könnte man ein Fußballspiel gewinnen, ohne vorher zu trainieren
Natürlich ist ein Land keine Fußballmannschaft. Das eine Ziel gibt es nicht. Unterschiedliche Interessen gehören zur Demokratie. Trotzdem gilt auch hier: Wer wirtschaftlich stark sein will, muss die Voraussetzungen dafür schaffen. Verbreitet ist aber: Reformen ja, aber bitte zuerst bei den anderen. Sparen ja, aber nicht bei mir.
Veränderung gerne –, solange sie den eigenen Schrebergarten verschont. Auf dem Fußballplatz muss man sich Erfolg erarbeiten. In der Politik und in unserem Alltag hingegen soll möglichst alles bleiben, wie es ist – und gleichzeitig besser werden. Wir wünschen uns Reformen, aber ohne Reformdruck. So, als könnte man ein Fußballspiel gewinnen, ohne vorher zu trainieren. Training bedeutet bekanntlich ja auch Verzicht.
Das Ergebnis zählt
Im Fußball wird Leistung am Ergebnis sichtbar. Wer nicht läuft, verliert. Oder er läuft – und muss am Ende trotzdem erkennen, dass andere besser sind. Ein schlechter Pass kostet ein Tor. Eine schlechte – oder noch schlechter: gar keine – Reformpolitik kostet Wachstum. Im Fußball genügt ein Blick auf die Tabelle, um zu wissen, wo man steht. Auch Volkswirtschaften werden vermessen – mit ähnlich ernüchternden Ergebnissen.
Im neuen „World Competitiveness Ranking“ der Schweizer Wirtschaftshochschule IMD steht Österreich auf Platz 29 von 70 untersuchten Ländern. Im Jahr 2007 lag Österreich auf Platz 11. Früher war Österreich stolz darauf, zu den Besten zu gehören. Heute heißt es zu oft: die Umstände! Die Anderen! Oder überhaupt: So schlecht stehen wir doch gar nicht da. Es fehlt der entscheidende Nachsatz: natürlich nur im Vergleich zu noch schlechteren Ländern.
Standort- und Anspruchsprobleme
Das ist ein Standortproblem. Vor allem aber ein Anspruchsproblem. Wo bleibt der Aufschrei? Besorgniserregend ist die Gelassenheit, mit der das hingenommen wird. Wer aufhört, an sich zu arbeiten, lebt eine Zeit lang von der Vergangenheit – und irgendwann von der Substanz. Das passiert auf Kosten jener, die später übernehmen müssen.
Und ja, auch die Spieler auf der Ersatzbank haben eine Verantwortung. Beispielsweise die Landeshauptleute, für die noch immer jede auch nur angedachte Reform eine Zumutung darstellt: Sollen doch erst mal die anderen liefern. Wohl wissend, dass auch Nichtstun Kosten verursacht. Am Ende sogar die höheren. Für jede nicht reformierte Pension. Jede nicht reformierte Verwaltung. Jedes nicht beschleunigte Verfahren.
Glück allein reicht nicht
Befreit aufspielen können im Fußball jene Mannschaften, die wissen: Der Aufstieg ist geschafft, das Weiterkommen gesichert. Zu lange war der Erfolg dieses Landes selbstverständlich. Man gewöhnte sich daran, dass soziale Sicherheit gewissermaßen naturgegeben ist. Doch Volkswirtschaften funktionieren nicht wie Naturgesetze. Und natürlich auch nicht wie ein Fußballmatch, wo Glück und Verzweiflung nahe beieinander liegen – und über Sieg oder Niederlage entscheiden können. Mit Glück allein werden wir freilich die Wirtschaftswende nicht schaffen.
Hätte die Nationalmannschaft einfach weitergemacht wie früher, wäre sie nie dort angekommen, wo sie heute steht. Im Fußball akzeptieren wir, dass Veränderung notwendig ist. Außerhalb des Stadions vergessen wir das erstaunlich schnell. Warum wir glauben, dass für das Land Österreich andere Regeln gelten, bleibt ein Rätsel.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 26/2026 erschienen.







