Befragung unter 2.200 Schuldirektor:innen: Forderung nach mehr Unterstützungspersonal, digitalen Lösungen, rechtlichen Anpassungen. Wiederkehr zeigt sich "sehr, sehr offen".
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Schon seit Jahren finden sich immer weniger Interessenten für den einst prestigeträchtigen Job als Schulleiter. Eine mögliche Erklärung liefern die Ergebnisse einer am Donnerstag veröffentlichten Befragung von über 2.200 Direktorinnen und Direktoren. Die Zufriedenheit mit dem Job ist im Schnitt zwar hoch. Viele Befragte kämpfen laut der Studie aber mit Überlastung, Personalmangel und überbordender Bürokratie. Pädagogische Aufgaben kämen dadurch zu kurz.
Über 90 Prozent berichten, dass der Aufgabenbereich der Direktionen in den vergangenen fünf Jahren (viel) größer geworden ist. Gleichzeitig finde die große Mehrheit der Befragten die gesetzlichen Regelungen für Schulleitungen nicht zeitgemäß und reformbedürftig, fasste Studienleiter Stephan Gerhard Huber von der Uni Linz die Ergebnisse des "Schulleitungs-Barometer" 2024 zusammen. An der Online-Studie haben knapp die Hälfte aller Schulleitungen teilgenommen.
Viel Stress, viele Überstunden
Ein großer Teil der Direktoren und Direktorinnen ist laut der Erhebung durch den Job in seiner aktuellen Form überlastet. 41 Prozent berichten gleichzeitig von großem Stress, hoher beruflicher Belastung und geringer Zufriedenheit mit ihrer Arbeit. Ein Drittel fühlt sich im Job ständig überfordert, rund die Hälfte hat nur selten das Gefühl, einmal richtig abschalten zu können.
Der Studie zufolge arbeiten die Direktoren im Schnitt deutlich länger als vertraglich vorgesehen, fast die Hälfte kommt in einer typischen Schulwoche auf 40 bis 50 Stunden, ein Viertel auf bis zu 60. In der unterrichtsfreien Zeit sind es bei 40 Prozent bis zu zehn, bei einem Drittel bis zu 20 Wochenstunden. Zwei Drittel berichten von bis zu 100 nicht kompensierten Überstunden pro Schuljahr, beim Rest sind es noch mehr.
Der Haupttreiber: Vielfach als sinnlos erlebte, gleichzeitig zeitintensive Verwaltungsaufgaben. Sie machen je nach Schultyp knapp 40 bis 50 Prozent der Arbeitszeit aus. Gleichzeitig gebe es immer mehr Erwartungen von Eltern und Behörden an die Schulleitungen, während Unterstützung weiter fehlt.
Zu wenige Sekretariatskräfte
Laut Schulleiterbefragung gibt es bei den Sekretariatskräften an allen Schulformen eine Unterversorgung. An den AHS, berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) liegt man etwas unter dem eigentlichen Bedarf (18 bis 24 Prozent). Die in der Regel deutlich kleineren Volks-, Mittel-, Sonder- und Polytechnischen Schulen würden allerdings laut Erhebung eigentlich doppelt bis fast dreimal so viel Unterstützung benötigen, wie sie bekommen.
In einzelnen Bundesländern ist die Versorgung besonders schlecht, vor allem an den vielen Volksschulen mit sehr wenigen Klassen in den Flächenbundesländern. In Kärnten, der Steiermark, Ober- und Niederösterreich gibt es dort nur an einem Fünftel bis der Hälfte eine Sekretariatskraft. Im Burgenland ist die Lage mit fünf Prozent laut Studie "besonders prekär". "Die Bildungsdirektionen agieren hier relativ unterschiedlich", kritisierte Georg König – Mitautor der Studie, Ex-AHS-Direktor und Mitglied der Vereinigung pädagogischer Führungskräfte – im Gespräch mit der APA.
Insgesamt hat die Hälfte der Schulen bis zu 10 Stunden Unterstützung im Sekretariat, bei einem Drittel sind es mehr. Mit dem Unterstützungspersonal, das seit 2020 über ein Langzeitarbeitslosen-Projekt zur Verfügung gestellt wird, sind die Schulen generell zufrieden. Große Zustimmung gibt es für das ab Herbst geplante "Mittlere Management" an den Pflichtschulen, bei dem die Schulen Zusatzstunden bekommen, damit Lehrkräfte die Schulleitung etwa bei Elternarbeit oder der Verbesserung der Schulqualität unterstützen sollen. 87 Prozent der Befragten wünschen sich aber zusätzlich eine fixe Stellvertretung, die auch Teile ihrer Leitungsaufgaben übernehmen kann.
Wegen des teilweise anhaltenden Lehrermangels geht in den Direktionen laut Befragung auch viel Zeit für Krisenmanagement und das Stopfen kurzfristiger Personallücken drauf. 45 Prozent der Befragten haben an ihrer Schule aktuell zu wenige Lehrkräfte, vor allem an den Volksschulen, in der Sonderpädagogik, bei ganztägigen Angeboten und in den Fächern Physik, Chemie, Sport und Musik. Kompensiert wird durch Überstunden oder indem nicht ausgebildete oder fachfremde Lehrkräfte in der Klasse stehen, teilweise fallen auch Stunden aus oder Klassen werden zusammengelegt.
Mehr Zeit für eigentliche Tätigkeit
Für eine Verbesserung der Lage wäre entscheidend, dass die Direktoren wieder mehr Zeit für ihre eigentliche Leitungstätigkeit bekommen, betonte Mitstudienautor König. An kleinen Volks- und Mittelschulen müssten die Leitungen von ihrer Verpflichtung, zu unterrichten und als Supplierung einzuspringen, entlastet werden. Außerdem bräuchte es – wie international üblich – flächendeckend Sekretariate auch an den Pflichtschulen und beim geplanten "Mittleren Management" mehr Stunden auch für kleinere Standorte.
Viel gewonnen wäre auch durch verbesserte Digitalisierung. Derzeit gebe es in der Lehrerverwaltung zu einzelnen Themen bis zu 27 verschiedene Formulare, so König. Teilweise dürften Daten nicht digital weitergegeben werden, in anderen Fällen gebe es einfach keine notwendigen Schnittstellen, weshalb die eine Stelle die Daten ausdrucken muss, damit die andere sie händisch wieder in den Computer eingibt.
Als Maßnahme gegen den Lehrermangel plädieren die befragten Schulleiter vor allem für höhere Gehälter, mehr Unterstützung durch Schulpsychologie, Schulsozialarbeit, Freizeitpädagogik und gezielte Maßnahmen für Standorte, an denen besonders viele Kinder und Jugendliche aus Familien mit wenig Geld bzw. Migrationshintergrund kommen. Außerdem müsse die Ausbildung attraktiver werden.
Minister offen für rechtliche Anpassungen
Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) zeigte gegenüber der APA grundsätzlich Verständnis für die Kritik der Schulleitungen. Deren Aufgaben seien "viel komplexer geworden", sagte er am Rande des Österreichischen Schulleitungskongresses in Wien. Mit der laufenden Entbürokratisierungsoffensive "Freiraum Schule" sollen die Schulen deshalb entlastet werden, gleichzeitig bekämen sie mit dem neuen "Mittleren Management" ab Herbst mehr Unterstützung. "Ich bin aber auch sehr, sehr offen, das Schulrecht dahingehend weiterzuentwickeln, dass wir es an die Anforderungen der heutigen Zeit anpassen."
Grünen-Klubvize Sigrid Maurer erkannte in einer Aussendung einen unüberhörbaren Hilfeschrei. Die Direktoren brauchten endlich echte Umsetzung ihrer Forderungen. Versprechungen allein würden keine Personalstellen füllen. FPÖ-Bildungssprecher Hermann Brückl sah ein "historisches Zeugnis des Scheiterns" des österreichischen Bildungssystems. Es brauche einen konsequenter Abbau der Bürokratie, klare Regeln im Schulalltag, eine verpflichtende Deutschförderung vor dem Regelunterricht sowie eine Bildungspolitik, die Leistung wieder in den Mittelpunkt stelle.






