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Derzeit betreut Neustart 12.600 Personen in der Bewährungshilfe. Vom Justizministerium bezahlt bekommt man 11.500, wie Nachbaur im Interview mit der APA betont. Den Überhang habe man bisher aus vereinseigenen Rücklagen finanziert. Das sei auf Dauer allerdings nicht möglich. "Dass wir so viele Klientinnen und Klienten in der Bewährungshilfe haben, ist natürlich ein schönes Zeugnis für uns. Wenn die Gerichte entscheiden, dass jemand Bewährungshilfe bekommt, ist das ein Zeichen von Vertrauen seitens der Justiz. Aber die hohen Zahlen bringen uns halt ein bisschen ins Stolpern, weil es muss natürlich klar sein, dass mit weniger Ressourcen nicht die gleiche Qualität gehalten werden kann."
Neustart wird sich daher "auf die Standzahlen beschränken müssen, die uns tatsächlich finanziert werden", kündigt Nachbaur an. Bei Personen, bei denen das Rückfallrisiko gering ist und bei denen die Betreuung gut verläuft, "werden die Durchlaufzeiten gezwungenermaßen kürzer werden. Sobald wir das verantworten können, werden wir anregen, dass die Gerichte diese Bewährungshilfe aufheben". Im Betreuungsverhältnis selbst werde man sich "auf den engen gesetzlichen Auftrag" konzentrieren und darüber hinausgehende Leistungen kappen müssen.
Auch die Entwicklung von innovativen Programmen, mit denen sich Neustart einen Namen gemacht hat und die von der Strafjustiz gern genutzt werden, steht zur Disposition. "Mit knappen Ressourcen, wenn man schauen muss, wie man überhaupt den Alltag bewältigt, ist natürlich sehr viel weniger möglich, als es in der Vergangenheit der Fall war", erläutert Nachbaur. Ob es ausreichend Ressourcen gibt, um auch in Zukunft Modelle wie "Dialog statt Hass" - ein Programm, das Strafgerichte in Verfahren wegen Verhetzung Beschuldigten auferlegen können - oder "sicher.net § 207a" - ein spezialisiertes sozial- und sexualpädagogisches Programm für Jugendliche, bei denen Missbrauchsdarstellungen auf Handys gefunden wurden - zu entwickeln, steht in den Sternen.
Mit Interesse hat man bei Neustart die Vorschläge von Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ) zur Entlastung der überbelegten Gefängnisse verfolgt. Die Ausweitung des elektronisch überwachten Hausarrests sei zu begrüßen - schon aus Kostengründen. Während ein Hafttag 180 Euro kostet, schlägt sich die Fußfessel mit 40 bis 50 Euro pro Tag zu Buche. "Sie ist also bei weitem günstiger. Und obendrein für die jeweiligen Inhaftierten sehr, sehr viel besser, weil sie mit der Fußfessel schon ein eigenverantwortliches Leben führen und darauf trainiert werden, diszipliniert zu sein, genau zu sein und sich an Regeln zu halten", hält Nachbaur fest.
Speziell bei Jugendlichen sieht Nachbaur in der Fußfessel "ein viel, viel besseres Mittel als jede Form von Haft". Anzudenken wäre "Hausarrest übers Wochenende", ein Modell, das vorsieht, dass man von Freitag ab 18.00 Uhr bis Montag um 6.00 Uhr in der Früh entsprechend überwacht zu Hause sein muss: "Bei uns in Österreich ist es dagegen unglaublich rigide. Das könnte man natürlich lockern, damit mehr Menschen die Möglichkeit bekommen, diese Vollzugsform in Anspruch zu nehmen."
Für die Resozialisierung ist es förderlich, wenn bedingte Entlassungen in Haft gut vorbereitet werden. Überall dort, wo Bedarf besteht, sollte Bewährungshilfe angeordnet werden, fordert Nachbaur: "Es ist unsere Überzeugung, dass das besser funktioniert. Hier müsste investiert und nicht gekürzt werden." Dem von Sporrer angekündigten Bau einer weiteren Justizanstalt kann die Neustart-Geschäftsführerin wenig abgewinnen. Eine Entlastung für den Strafvollzug sei damit nicht zu erwarten, "weil Justizanstalten haben leider die Tendenz, dass sie sich füllen".
Grundsätzlich sei "eine vernünftige und evidenzbasierte Kriminalpolitik" wünschenswert, betont Nachbaur: "Es ist kriminologisch gesichert, dass eine höhere Strafandrohung in keinster Weise abschreckend wirkt. Das Einzige, was abschreckend sein könnte, ist die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden."
Das Herabsetzen der Strafmündigkeitsgrenze auf unter 14 Jahre wäre für Nachbaur "absolutes Unrecht. Das wäre wirklich eine Bankrotterklärung für Österreich". Um Jugendliche von kriminellen Handlungen abzuhalten, brauche es Prävention und Bindung: "Bindung an nahe Bezugspersonen ist entscheidend. Eine gute Integration im sozialen Umfeld ist ein großer Präventionsfaktor. Zum Beispiel Training in einem Sportverein oder ehrenamtliches Engagement, im ländlichen Bereich etwa bei der Feuerwehr. Diese Bindung an die Gemeinschaft reduziert das Risiko von Straffälligkeit."
Aus Sicht der Neustart-Geschäftsführerin wäre eine verpflichtende Schul- oder Berufsausbildung als Primärstrafe für straffällig gewordene Jugendliche eine weitere Möglichkeit, die Haftzahlen zu senken: "Eine Ausbildung eröffnet eine Perspektive und ein Selbstbewusstsein, dass man etwas bewirken kann, dass man etwas bewegen kann, dass man sich ändern kann."
Zum Thema der angeblich explodierenden Jugendkriminalität verweist man bei Neustart auf justizielle Verurteilungsstatistiken, die das Gegenteil belegen. Demnach wurden 2024 bei einer gestiegenen Population um 37 Prozent weniger Jugendliche gerichtlich verurteilt als 2005. Der mediale und politische Diskurs ist allerdings von einzelnen aufmerksamkeitserregenden Straftaten geprägt, die von wenigen Jugendlichen einzeln oder in kleineren Gruppen in einer Faktenvielzahl begangen werden, die sich in der polizeilichen Anzeigenstatistik entsprechend niederschlägt. Dem gelte es, "mit seriösem Zurechtrücken entgegenzutreten", appelliert Nachbaur.
