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2nd Opinion: Merzschmerz

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Michael Fleischhacker

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Nach der desaströsen Wahl in Sachsen-Anhalt ist der deutsche Bundeskanzler angezählt. Friedrich Merz sieht das anders: Er möchte jetzt die Reformen, die er nicht begonnen hat, noch konsequenter fortsetzen.

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Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, die am Sonntag einen fulminanten Sieg der AfD knapp an der absoluten Mandatsmehrheit brachte, hat die deutschen Christdemokraten von der CDU darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich in existenzieller Gefahr befinden.

So wie übrigens auch ihre österreichische Schwesterpartei, aber in Österreich stehen die Landtagswahlen, die das offiziell feststellen werden, noch aus.

Milieuplünderer

Der Grund für die existenzielle Bedrohung der Christdemokraten ist in beiden Ländern der gleiche: Die Rechtspopulisten von AfD und FPÖ plündern das nächste Milieu. Den Sozialdemokraten haben sie die Arbeiter abspenstig gemacht, was keine große Kunst war, weil die europäische Sozialdemokratie sich aus Sorge, in den großen Städten von den Grünen überrannt zu werden, entschlossen hat, Identitätspolitik und Antikapitalismus für wichtiger zu halten als die Betreuung des aufstiegsorientierten Arbeitermilieus.

Jetzt nehmen sie den Christdemokraten die Konservativen weg, was auch keine besondere Kunst ist, weil sich die Christdemokraten entschlossen haben, nicht mehr konservativ zu sein. Dieser Beschluss, so informell er gewesen sein mag, ist darauf zurückzuführen, dass es den von der 1968er-Revolution inspirierten Führungsriegen im Bildungssektor und in den Medien gelungen ist, den ideologischen Diskurs so weit zu verschieben, dass konservativ gleich rechts ist, rechts gleich rechtsextrem – und damit alles, was nicht links ist, faschistisch.

Was tun?

All das ist nicht neu und sollte deshalb auch niemanden überraschen, es sei denn, er hätte die vergangenen zehn Jahre auf einer einsamen Insel verbracht und sich nach dem Vorbild des August Engelhardt ausschließlich von Kokosnüssen ernährt. Einseitige Ernährung kann auch kognitiv problematisch werden, aber bei deutscher Hausmannskost und italienischer Edelküche, wie sie in den deutschen Koalitionsparteien üblich sind, hätte man alles kommen sehen können, was gekommen ist. Hat man ja auch.

Das wirklich Erstaunliche an den aktuellen Vorgängen in Deutschland und Österreich ist eben, dass Sozialdemokraten und Christdemokraten, die seit vielen Jahren sehen, was passiert – sie müssen es sehen, sonst könnten sie nicht so überzeugt behaupten, dass es nicht passiert –, jetzt auch noch so tun, als hätte sie ein unvorhersehbares Naturereignis getroffen.

Vielleicht hat man einfach darauf vertraut, dass die Kumpels in den großen Medien das schon richten und dem Wahlvolk die rechten, die nationalen, die „völkischen“ Flausen austreiben würden. Nikolaus Blome, früher Bild-Zeitung, hat es immerhin versucht und vorgeschlagen, den doofen Ossis den Geldhahn zuzudrehen, wenn sie falsch wählen.

Halb zurechnungsfähige Ostproleten

Im Zentrum des Geschehens steht jetzt naturgemäß Friedrich Merz, der CDU-Vorsitzende und Bundeskanzler. Er hatte sich in der Woche vor der Wahl mit der Bemerkung hervorgetan, dass man Sachsen-Anhalt nicht zum „Experimentierfeld von Wutbürgern“ machen dürfe.

Auf Deutsch: Wir können es nicht zulassen, dass ein paar halb zurechnungsfähige Ostproleten unser segensreiches Wirken infrage stellen. Und jetzt, wo man es doch zugelassen hat – warum eigentlich? –, erklärt der Kanzler, der sich um sein Land kaum kümmern kann, weil er mit der Verwaltung seiner Großartigkeit vollbeschäftigt ist, das Ergebnis habe seine Partei, die CDU, „bis in die Grundfesten erschüttert“.

Über die Führungskompetenz Kommunikationssicherheit verfügt Friedrich Merz nicht einmal in Spurenelementen

Die Konsequenz aus dieser Grunderschütterung wurde auch schon angedeutet: Friedrich Merz will noch konsequenter an dem Reformkurs festhalten, den er nicht eingeschlagen hat, er will genauso friedrichmerzhaft erscheinen wie bisher, nur emotionaler und empathischer – eigentlich auch schön, dass manche Menschen einen Empathieregler eingebaut haben, den sie je nach Bedarf betätigen können.

Es muss selbstverständlich auch personelle Konsequenzen geben, unter denen er seinen Nichtrücktritt für die wichtigste hält. Dabei weiß fast jeder außer ihm, dass er längst hätte zurücktreten müssen, weil er alles versprochen, aber nichts gehalten hat, und weil er über eine der wichtigsten Führungskompetenzen, nämlich Kommunikationssicherheit, nicht einmal in Spurenelementen verfügt.

Mitleid gewiss

Die Durchhalteparolen des CDU-Spitzenpersonals samt der besonders dummen Behauptung, man habe zwar das richtige getan, es aber nicht ausreichend vermitteln können, folgt wohl der Devise, man wolle die Menschen in Zukunft stärker in ihren emotionalen Bedürfnissen abholen: Mitleid ist ihnen gewiss.

Möglicherweise greift man in der allgemeinen Verzweiflung aber auch zur Wunderwaffe des Verbotsverfahrens. Man kann nur hoffen, dass irgendwo in den kollektiven neuronalen Netzen der Berliner Republik noch Reste von Vernunft lauern, um das zu verhindern.

Es wäre keine gute Idee, in einem immer noch einigermaßen funktionierenden und wohlhabenden Land eine Partei zu verbieten, weil man ihr argumentativ nicht mehr beikommt. Wenngleich man ernst nehmen sollte, dass wir uns politisch, medial, technologisch und ideologisch in einer Art Endspiel-Situation befinden. Nicht auszuschließen, dass in absehbarer Zeit der Letzte von uns das Licht ausmacht.

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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 37/2026 erschienen.

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