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Leitartikel: 43,8 Prozent sind kein Missverständnis

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Kathrin Gulnerits

©Matt Observe

Nach Wahlen in Ostdeutschland wird nicht nur gezählt, sondern vor allem gedeutet. Sachsen-Anhalt zeigt, wie schnell daraus eine Diagnose über „die Ostdeutschen" wird. Das ist ebenso bequem wie herablassend – und verstellt den Blick auf politische Verantwortung

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Für ein paar Tage lernte halb Europa, wie die Menschen in Sachsen-Anhalt heißen: Sachsen-Anhalter. Reporter fuhren nach Stendal, Bitterfeld-Wolfen und Eisleben. Politiker entdeckten Marktplätze und Plattenbauten. Wieder wurde nach dem „zornigen Ostdeutschen“ gesucht, nach Transformation, Russland, Migration und 1990 gefragt. Dann war die Wahl vorbei. Binnen Stunden wurde aus Sachsen-Anhalt wieder eine Geschichte über Friedrich Merz, die Brandmauer, Berlin und die nächste Bundestagswahl 2029.

Sachsen-Anhalt ist wichtig genug, um Deutschland zu erschrecken und aufzuwecken – aber offenbar nicht wichtig genug, um länger über Sachsen-Anhalt zu reden. Dahinter steckt ein erstaunlich langlebiges Missverständnis im deutschen Blick nach Osten: Der Westen gilt als Normalfall, der Osten als Erklärungsfall. Im Westen wird gewählt. Im Osten wird anschließend das Wahlverhalten der Ossis gedeutet. Dabei gibt es an diesem Wahlergebnis nichts kleinzureden. 43,8 Prozent für die AfD. 576.000 Stimmen. Ein Rekordergebnis für die Partei bei einer Landtagswahl. Gewählt wurde ein Landesverband, den der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch einstuft. Das ist nicht einfach so passiert. Das ist kein Missverständnis und keine mediale Überzeichnung.

Jahrelang hieß es, die Demokratie müsse die Nichtwähler zurückholen. Das ist gelungen. Nur anders, als sich die etablierten Parteien das vorgestellt hatten

Weltsprache Russisch

Die Menschen in Sachsen-Anhalt haben gewählt – und sie tragen Verantwortung für ihre Entscheidung für die AfD. Auch das gehört zu diesem Wahlabend: In jenem Teil Deutschlands, in dem 1989 Menschen gegen die SED-Diktatur auf die Straße gingen, gewinnt heute für die AfD ein früherer hauptamtlicher StasiOffizier ein Direktmandat. Ein anderer prägender Kopf der AfD Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider, nennt Russisch eine „Weltsprache“ und forderte eine „groß angelegte Russischoffensive“ an den Schulen. Natürlich sind die Demonstranten von 1989 nicht dieselben Menschen wie die AfD-Wähler von heute. Aber die historische Ironie ist schwer zu übersehen. Und zu ertragen.

Auch die hohe Wahlbeteiligung erzählt eine unbequeme Geschichte. Fast 78 Prozent der Wahlberechtigten gingen zur Wahl. Rund 160.000 Stimmen kommen aus dem Lager früherer Nichtwähler. Jahrelang hieß es, die Demokratie müsse die Nichtwähler zurückholen. Das ist gelungen. Nur anders, als sich die etablierten Parteien das vorgestellt hatten. Die Logik des Denkzettels bringt eine böse Zuspitzung eines politischen Beobachters auf X auf den Punkt: „Die dummen Fressen der Gegenseite am Wahlabend sind besser als jedes Regierungsprogramm.“

Trotzdem werden aus 576.000 AfD-Stimmen schnell wieder „die Ostdeutschen“. Der ostdeutsche Wähler. Die ostdeutsche Seele. Der Sonderweg Ost. Nach einer Wahl in Nordrhein-Westfalen fragt kaum jemand, was das Ergebnis über „die Westdeutschen“ verrät. Wenn Bayern anders wählt als Bremen, entsteht daraus keine Charakterstudie über den Westen. Im Osten dagegen wird aus einer Landtagswahl schnell eine Diagnose über eine ganze Region.

Klein genug zum Ignorieren

Sachsen-Anhalt hat 2,12 Millionen Einwohner, knapp 1,7 Millionen Menschen sind wahlberechtigt. Das reicht für eine eigentümlich herablassende Rechnung aus Westsicht in der Wochenzeitung „Die Zeit“: nur 1,7 Millionen. Nicht der Rede wert. Als wäre ein Wahlergebnis schon deshalb weniger ernst zu nehmen, weil es in einem kleinen Bundesland zustande kommt. Klein genug zum Ignorieren, groß genug für den Weltuntergang. Auch das bleibt nach der Wahl übrig. Und in den Köpfen hängen. Denn schon am Montagmorgen wandert der Blick wieder nach Berlin.

Seltener lautet die Frage: Was bedeutet dieses Ergebnis für die Menschen in Sachsen-Anhalt – für jene, die AfD gewählt haben, aber auch für jene, die es nicht getan haben? Sie verschwinden in der Erzählung über die AfD-Wähler. Stattdessen fällt zuverlässig jener Satz, der nach Wahlerfolgen der AfD im Osten längst zum Ritual geworden ist: Wir müssen den Menschen besser zuhören. Wie oft eigentlich noch? Im 36. Jahr der deutschen Einheit hat auch dieser Satz etwas Herablassendes. Als hätten Ostdeutsche weniger politische Überzeugungen als Sorgen, Kränkungen und Gefühle, die Politiker, Journalisten und Sozialwissenschafter erst entschlüsseln müssten.

Aber vielleicht wollen diese Menschen nicht schon wieder verstanden werden. Vielleicht wollen sie Widerspruch erhalten, überzeugt, vertreten und ernst genommen werden. Umgekehrt lässt sich natürlich nicht jede politische Entscheidung im Osten mit dem Hinweis auf 1990 erklären. Wer AfD-Wähler ausschließlich als Opfer von Treuhand, Transformation, Abwanderung oder mangelnder Anerkennung betrachtet, nimmt ihnen am Ende genau das, was 1989 erkämpft wurde: politische Selbstbestimmung.

Am Ende bleibt eine Frage übrig: Was hat Deutschland eigentlich über seinen Osten gelernt? Offenbar nicht genug. Viel Zeit für neue Erkenntnisse bleibt nicht. Am 20. September wird in Mecklenburg-Vorpommern gewählt. Dann ziehen die Kameras weiter nach Schwerin und Rostock. Wieder wird nach dem „ostdeutschen Wähler“ gesucht, nach seiner Wut, seinen Ängsten, Russland und Migration gefragt. Wieder wird der Osten für ein paar Tage sehr wichtig sein. Bis die Stimmen ausgezählt sind.

Was meinen Sie? Schreiben Sie mir: gulnerits.kathrin@news.at

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 37/2026 erschienen.

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