25 Jahre 9/11. Am 11. September 2001 verübte das islamistische Terrornetzwerk al-Qaida vier Anschläge auf die USA. Nach dem Einschlagen der Flugzeuge ins World-Trade-Center in New York war klar, man werde nur noch von einer Welt vor und nach dem Attentat sprechen. Warum es anders gekommen ist und er damals Chilenen für die Täter hielt, erklärt der Schriftsteller Robert Menasse. Ein Gespräch über die Verbrechen der USA, was Israel nach dem Attentat der Hamas falsch gemacht hat und den Zynismus westlicher Werte.
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Wie die meisten von uns, erinnert sich auch der Schriftsteller Robert Menasse noch genau, wie und wo ihn die Nachricht vom Attentat auf die Twin Towers am 11. September 2001 erreicht hat. In einem Mainzer Fernsehstudio war es, während des Fernsehinterviews zu seinem Roman „Die Vertreibung aus der Hölle“. Ausgerechnet in dem Moment, als das Gespräch auf Inquisition und Terror kam, wurde er von den Monitoren ausgeblendet und von einem Video verdrängt. Es zeigte ein Flugzeug, das auf das World-Trade-Center in New York zusteuerte.
25 Jahre nach den Terroranschlägen auf die Twin Towers erscheint beim Verlag Droschl Menasses Band „Der 11. September – Überblendungen“.
Herr Menasse, als just in dem Moment, in dem Sie Ihren Roman „Die Vertreibung aus der Hölle“ präsentierten, die Hölle auf Erden ausbrach – was war da Ihre erste Empfindung?
Meine erste Reaktion: Ich war verständnislos verärgert. Ich dachte, dass der Trailer eines neuen amerikanischen Katastrophenfilms zu früh eingespielt wurde und den Beitrag über meinen Roman abrupt unterbrach, und ich ärgerte mich über die Wirkungsmacht amerikanischer Blockbuster-Filme.
Aber sehr schnell war klar, was da gerade geschah und dass es wirklich geschah. Der Schock machte sprachlos, außer die Fernsehkommentatoren, die sehr schnell erste Mutmaßungen verbreiteten, wer für dieses Attentat verantwortlich war. Und ich dachte: Chilenen. Das waren Chilenen.
Wie kamen Sie darauf?
Wegen des Datums. Der 11. September war der Jahrestag des Putschs in Chile. Das war übrigens der Tag, der mich politisiert hat. Ich bin ja aufgewachsen in diesem von Eltern und Schule geprägten Klima der Dankbarkeit gegenüber den USA, weil sie Hitler besiegt hatten, die Demokratie verteidigen, Führungsmacht der freien Welt sind, und durch die Popkultur waren sie der Inbegriff einer lässigen freien Zukunft. Beim Vietnamkrieg glaubte ich als Schüler noch den Kommentaren von Hugo Portisch, dass es da um die Verteidigung der freien Welt ging.
Aber dass die USA Salvador Allende, den demokratisch gewählten Präsidenten des souveränen Staats Chile wegputschten und einen faschistischen Diktator, Augusto Pinochet, an seine Stelle setzten, und noch dazu „Experten“ schickten, die der chilenischen Militärpolizei beibrachten, wie man richtig foltert, das hat mich, einen damals naiven Studenten, geschockt. Abertausende Regimegegner, Antifaschisten, Widerstandskämpfer wurde damals ermordet, es wurde eine große Zahl von Waisenkindern produziert.
Daher mein Gedanke: Jetzt sind sie in dem Alter und haben wohl auch die Befähigung, einen solchen Racheanschlag zu organisieren und durchzuführen. Mich wunderte, dass beim Datum 11. September niemand an Chile dachte, keinem Kommentator ist aufgefallen, dass es der Jahrestag dieses großen Verbrechens war, das die USA begangen haben.
Warum? Weil die USA nicht daran erinnern wollten?
Der Schock war, dass ein solches Attentat erstmals die USA auf ihrem eigenen Territorium traf. Das war das Unvergleichliche. Chile war einfach amerikanische Außenpolitik, nichts weiter. Es galt da ja nie das Völkerrecht, sondern das im Westen akzeptierte Gewohnheitsrecht, dass die USA überall in der Welt ihre Interessen durchsetzen dürfen, in letzter Konsequenz militärisch.
Alleine die Tatsache, dass Lateinamerika als Hinterhof der USA bezeichnet wurde, Hinterhof, wo sie nach Belieben für Ordnung in ihrem Sinne sorgen dürfen, und dass der Begriff Hinterhof ein völlig unreflektiertes Vokabel in den Kommentaren der Transatlantiker wurde, die uns erklärten, dass die Militärdiktaturen im Hinterhof im Interesse der freien Welt wären, ist eine so unfassbare Ungeheuerlichkeit, dass es mich wundert, dass erst jetzt schön langsam in Europa klar wird: der US-amerikanische Kapitalismus hat sein ideologisches Kapital verspielt.
Sie vergleichen in Ihrem Buch die Reaktionen auf 9/11 mit einem anderen US-amerikanischen Trauma, der Ermordung von John F. Kennedy anno 1963.
Ja, der Unterschied ist interessant. Kennedys Ermordung war ein globaler Schock, er verband weltweit Menschen in Trauer, für die Kennedy ein Versprechen für die Welt war: Weltfrieden, Freiheit, in Berlin und überall, menschlicher Fortschritt. Das Fernsehen war noch Schwarz-Weiß, und man glaubte, die Bilder in Pastellfarben zu sehen. Durch diesen globalen Schock hatte die Weltöffentlichkeit zum ersten Mal so etwas wie eine Weltinnerlichkeit. Die Menschen fühlten sich über nationale Grenzen hinweg verbunden.
Bei 9/11 in New York war es schon ganz anders. Es war ein nationaler Schock, dass in den USA ein Terroranschlag auf die USA möglich ist, und sofort wurde Solidarität mit der verwundeten Nation USA eingefordert. Aber niemand außerhalb der USA sagte, wie es bei Kennedy der Fall war: Dieser Anschlag auf die USA hat meine Zukunftshoffnungen und -vorstellungen zerstört, meine Hoffnungen auf eine bessere Welt, auf Weltfrieden in Freiheit. Im Gegenteil, die Konsequenz auf diesen Anschlag, und das wusste jeder, war Krieg.
Das Buch
In seiner frühen Erzählung „Die amerikanische Brille“ über die Bedeutung des Mords an John F. Kennedy und im gleichnamigen Essay über die Terroranschläge vom 9. September blickt Robert Menasse auf die USA. Nachzulesen in „Der 11. September – Überblendungen“. Droschl € 18,–
Innerhalb kürzester Zeit gingen Bilder um die Welt, wo Menschen sich in USA-Flaggen hüllten, um ihre nationale Trauer oder weltweit ihre Solidarität mit den USA als Nation zu zeigen. So ist aus einem globalen Schock ein nationaler geworden. Das ist schon etwas ganz anderes. Gleichzeitig wurde die Empathie, die bei 9/11 medial eingefordert wurde, von den Medien selbst aufgehoben, indem am unteren Rand dieser schockierenden Bilder von den Flugzeugen, die in die Twin Towers rasten, die Aktienkurse vorbeizogen.
Man hatte 2001 also auch Sorgen um die Zukunft wie bei Kennedys Ermordung, aber es ging jetzt nicht um die Menschen, sondern um die Finanzmärkte. Und die Tatsache, dass in den Medien und in den Reaktionen verschiedener Staatenlenker ununterbrochen Solidarität mit den USA gebieterisch eingefordert wurde, zeigte ja, dass sie spontan nicht entstanden war. Der Schock war, dass dieser Anschlag möglich war, aber nicht, dass dieser Anschlag weltweit Hoffnungen zerstört hätte.
Kann man es Ironie der Geschichte nennen, dass 9/11 nach 25 Jahren fast genauso aus dem Gedächtnis der Menschen im Westen verschwunden ist wie der Putsch in Chile?
Das ist interessant. Nach 2001 war monatelang davon die Rede, 9/11 sei eine welthistorische Zäsur, man werde in Zukunft die Geschichte in vor 9/11 und nach 9/11 einteilen. Aber das ist tatsächlich nicht der Fall. Also ich kenne keinen Welterklärer in den Intelligenzblättern, der sagt, dass wir im Jahr 25 nach 9/11 leben.
Weshalb? Weil es so viele andere Krisen und Kriege heute gibt?
Die USA hatten 2001 nicht mehr den Nimbus wie zu Zeiten der Ermordung von Kennedy. Und sie hatten auch nicht mehr diesen im Westen anerkannten Freibrief wie bei der Ermordung von Allende, jederzeit ein anderes Land bombardieren zu können. Global hat man Amerika bereits 2001 als Supermacht im Abstieg gesehen. Es war zwar zu Recht verpönt, es explizit auszusprechen, aber irgendwie schwang es mit, jetzt hat’s die endlich einmal selbst erwischt. Und im Verlauf der letzten 25 Jahre hat sich ja objektiv immer deutlicher gezeigt, dass die USA nicht mehr diese globale Bedeutung und Glaubwürdigkeit genießen.
Wäre das bei einem anderen Präsidenten auch so, oder liegt das an Trump?
Trump ist doch nur der aktuelle Ausdruck davon, die Erscheinungsform des Seins.
Könnte man nicht sagen, es gibt eine Zeit vor dem 7. Oktober 2023, also vor dem Anschlag der Hamas auf Israel, und eine danach? Statt weltweiter Betroffenheit herrscht seither grenzenloser Antisemitismus.
Betroffenheit, Empathie und Solidarität hatten nach dem 7. Oktober keine Chance, es wäre menschlich logisch gewesen, wurde aber politisch verhindert. Zunächst gab es das Tabu im Hinblick auf Israel, nach der Shoah, nach dem Nationalsozialismus durfte man in der westlichen Welt Israel und seine Politik nicht infrage stellen.
Und da wird durch diesen Terrorakt der Hamas das größte Verbrechen seit dem Holocaust an den Juden begangen, und bevor es überhaupt noch möglich ist, politisch, gesellschaftlich, emotional Konsequenzen daraus zu ziehen, dass die Juden wieder einmal Opfer des Antisemitismus und des Judenhasses wurden, hat die israelische Regierung viel zu schnell die Umkehr gemacht, nämlich vom Opfer zum Täter zu werden.
Hätte sich denn Israel nicht wehren sollen?
Die Frage ist: Wie? Natürlich muss Israel sich wehren. Wenn aber die israelische Regierung gesagt hätte, das Wichtigste ist, dass die Geiseln freikommen, das hätte die Welt verstanden, voller Abscheu gegen diese Geiselnahmen und bestialischen Morde, die die Hamas an den Juden begangen hat. Ich bin sicher, jeder hätte der israelischen Regierung zugestimmt.
Israel hätte den Druck der Weltöffentlichkeit an seiner Seite gehabt. Und auch die linken Intellektuellen und die linken Nicht-so-Intellektuellen hätten, sofern sie zu menschlichen Gefühlen imstande sind, gesagt, dass man da nicht mehr solidarisch mit den Palästinensern sein kann, wenn sie Jüdinnen vergewaltigen, Schwangeren den Bauch aufschneiden, Juden entführen, in Kellern gefangen halten, foltern, da hört sich diese Free-Palestine-Solidarität auf. Es wäre interessant gewesen zu sehen, was der globale Druck auf die solidaritätsgewohnte Hamas bewirkt hätte.
Auch wenn Phänomene wie die FPÖ oder die AfD bei genauer Betrachtung völlig lächerlich sind, so werden sie doch keine Farcen, sondern wieder nur Tragödien produzieren
Aber dadurch, dass die israelische Regierung sofort mit Flächenbombardements auf Gaza begonnen hat und dann die Bilder von den sterbenden Kindern um die Welt gingen, hat sich der Schock über die Hamas-Verbrechen in ein Entsetzen über das Elend der vielen Tausenden Unschuldigen, die in Gaza leben, transformiert. Und schon waren die Juden nicht mehr Opfer, sondern Täter.
Und daraus ist das nächste Problem entstanden, nämlich, dass weltweit die Differenzierung zwischen dieser faschistischen israelischen Regierung und Juden im Allgemeinen, also israelischen Bürgerinnen und Bürgern und Juden in aller Welt vollkommen verschwunden ist. Es ist eine Schande, dass es die Regierung in Israel geschafft hat, dass man weltweit wieder gehasst wird, nur weil man Jude ist.
Kommen wir noch einmal auf das Datum zurück. Können Sie der Reihe 1963, 1973, 2023 etwas abgewinnen?
Diese Zahlenmagie in der Geschichte ist sicherlich nur Zufall, aber sie löst dann doch, gerade in dieser Zufälligkeit, assoziativ eine Reihe von Überlegungen aus. Zum Beispiel, dass die Zahl der Todesopfer beim Anschlag auf die New Yorker Twin Towers etwa gleich hoch ist wie die Zahl jener, die nach dem Putsch in Chile im Stadion von Santiago zu Tode gefoltert wurden. Das ist ja irgendwie gespenstisch.
Man soll das nicht gegeneinander aufrechnen, aber interessant für mich waren bei dieser Frage doch die radikal unterschiedlichen öffentlichen Reaktionen im Hinblick auf drei oder vier große, politische, menschliche Katastrophen. Das hat mir gezeigt, es lohnt sich, darüber nachzudenken, was ist der Mensch in der jeweiligen Situation und Nationalität? Das ist viel zu wenig in der Beurteilung dieser Katastrophen reflektiert worden. Das sind Momente, in denen sich zeigt, dass die westlichen Werte, die ja auf den Menschenrechten beruhen, immer wieder Zynismus offenbaren.
Inwiefern?
Dass Verbrechen gegen westliche Mächte evident einen anderen Stellenwert haben als Verbrechen durch westliche Mächte.
Ihr Essay und Ihre Erzählung zum Thema „9/11“ tragen den Titel „Die amerikanische Brille“, inspiriert durch die Sonnenbrille Ihrer Mutter. Wie hat sich der Blick durch diese Brille verändert?
Wenn ich heute durch die amerikanische Brille schaue, sehe ich sicher die Dinge anders als 1963 oder 2001. Meine Eltern, also die Nachkriegsgeneration, haben durch die amerikanische Brille eine Zukunft in Freiheit und Wohlstand gesehen, unter amerikanischer Führung in der freien Welt. Heute schauen wir nicht mehr durch die amerikanische Brille. Das macht nur noch der Europäer, der NATO-Generalsekretär ist, oder alte weiße Transatlantiker, die noch Leitartikel schreiben dürfen, das ist so aus der Weltrealität gefallen, als würde man Torberg zitierend für ein Brecht-Verbot eintreten.
Nein, man schaut nicht mehr durch die amerikanische Brille, sondern auf sie und sieht die brillengläserverschmierte Blindheit, die der amerikanische Blick auf die Welt heute zeigt. Wir leben heute in einer zunehmend nachnationalen Welt. Europa wäre, wenn es das begreifen würde, Avantgarde. Aber der Glaube der USA, dass Globalisierung auch nur ein Trend sei, bei dem sie sich als große Nation an die Spitze kämpfen müsse, ist nur noch trübsinnig retro und gefährlich.
In Ihrem Essay schreiben Sie, dass heute Tragödien nur noch weitere Tragödien generieren und keine Farcen. Macht Ihnen das Angst?
Na ja, zumindest eine innere Unruhe. Das Marx’sche Aperçu, dass sich in der Geschichte alles wiederholt, einmal als Tragödie, dann als Farce, ist natürlich witzig, aber heute empirisch leider nicht bestätigt. Ich sehe im Moment nur den Wiederholungszwang von Tragödien.
Man kann Trump gut karikieren, er ist auf eine Weise lächerlich, dass einem das Lachen vergeht, aber die Konsequenzen seiner Politik sind todernst. Und zu Hause? Auch wenn Phänomene wie die FPÖ oder die AfD bei genauer Betrachtung völlig lächerlich sind, so werden sie doch keine Farcen, sondern wieder nur Tragödien produzieren. Ihre Wähler werden es wollen, werden dann aber nicht dabei gewesen sein. Wir leben im Echoraum eines Höllengelächters.

Steckbrief
Robert Menasse
Robert Menasse wurde am 21. Juni 1954 in Wien geboren. Nach dem Studium der Germanistik und der Philosophie in Wien lehrte er als Gastdozent an der Universität von São Paulo, Brasilien, Literatur. Seine Essays über österreichische Innenpolitik und Europa sind bedeutende Analysen der Gegenwart. 2017 erschien der erste Teil seiner Romantrilogie über Europa, „Die Hauptstadt". 2022 folgte Teil zwei, „Die Erweiterung". Menasse ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt in Wien und im Waldviertel.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 37/2026 erschienen.
