Die Wirtschaftswissenschaftlerin Sigrid Stagl ist die österreichische Expertin für ökologische Ökonomie. Im NEWS-Gespräch erklärt sie, wie und warum die Wirtschaft von entschlossener Klimapolitik profitiert und warum die Aussage, dass Österreich nur zu 0,2 Prozent am CO2-Ausstoß beteiligt ist, kein Argument für Nichthandeln ist.
Die große Hitze ist vorbei und mit ihr die Betroffenheitskundgebungen der Politik. Jetzt herrscht wieder Alltag: Bremsen bei Klimamaßnahmen, Kleinreden unseres 0,2-Prozent-Anteils an den Treibhausgasemissionen, Klimapolitik dürfe der Industrie „nicht die Luft zum Atmen nehmen“. Lernen wir es nie?
Aus Sicht der Wissenschaft ist seit 50 Jahren klar, was zu tun ist, und die ökonomische Analyse untermauert das: Es ist rationaler und ökonomisch vorteilhafter, adäquate Klimapolitik zu machen. Die Kosten des Nichthandelns sind drei bis fünfmal so hoch wie die Kosten der Transformation. Es ist ein Irrglaube, dass keine Kosten entstehen, wenn wir nichts tun. Diese Option gibt es nicht, denn die Umwelt ändert sich, und das hat Rückwirkungen auf uns.
Zu sagen, Klimaschutz koste x Prozent des BIP, ist einfach falsch. Die Bruchlinie verläuft nicht zwischen Wirtschaft und Umwelt, sondern innerhalb der Wirtschaft. Da gibt es auf der einen Seite Unternehmen, die sehr gut vorbereitet sind und von ambitionierter Klimapolitik profitieren würden. Auf der andere Seite aber jene, die die Sache schleifen haben lassen und gerne ihre alten Geschäftsmodelle nützen würden. Die kommen unter Zugzwang.
Wie löst man diesen Konflikt?
Indem man schaut, was der Wirtschaft insgesamt nützt. Klare, vorausschauende Klimapolitik nimmt die Unsicherheit raus, die Investitionen hemmt, und macht klare Vorgaben, um Innovationen anzustoßen. Das nützt der Wirtschaft mehr als ein Zickzackkurs.
Lauter sind die Bremser, sie finden in der Politik mehr Gehör. Warum?
Das frage ich mich auch oft. Man sieht es bei Windkraftanlagen. Ganz viele Menschen sehen Windräder positiv bis neutral. Am lautesten sind aber die, die dagegen sind.
Dieser Effekt wird durch eine False Balance in Medienberichten befördert: Man holt eine Pro- und eine Contrastimme, auch wenn die Gegner eine kleine Minderheit sind.
Die BBC hat vor einigen Jahren explizit entschieden, das nicht mehr zu tun. Davor haben sie Klimawissenschaftlern immer Klimawandelleugner zur Seite gestellt und den Eindruck erweckt, dass das gleichwertige Perspektiven wären. Aber ganz grundsätzlich: Es gibt einfach Gruppen, die sind gut im Mobilisieren, während andere zwar sehr vernunftorientiert argumentieren, sich aber nicht die Mühe machen, zu mobilisieren.
In Ihrem neuen Buch bringen Sie zum Thema Technologieoffenheit, die von manchen Politikern eingefordert wird, das Beispiel synthetischer Treibstoffe, die einfach viel teurer sind und kein Massenprodukt. Wie viele Mythen und falsche Behauptungen sehen Sie in der Klimapolitik?
In Österreich wird die Milchmädchenrechnung gemacht, wir seien nur für 0,2 Prozent der Emissionen verantwortlich. Das spiele keine große Rolle. Dabei kommen insgesamt rund 40 Prozent der globalen Emissionen von kleinen Ländern wie Österreich. Zudem: Wenn ein chinesischer Bezirk mit neun Millionen Einwohnern so viel emittiert, erwarten wir, dass er das reduziert, weil er Teil eines großen Staates ist.
Aber weil wir ein kleines Land sind, tun wir so, als wäre das nicht wichtig. Das ist eine Ausrede – und zwar eine jämmerliche. Ein weiterer Fehler ist, dass wir versuchen, Erfahrungen aus der Vergangenheit zu extrapolieren und daraus etwas abzuleiten. Aber die Bedingungen haben sich so sehr verändert – siehe letzter Sommer –, dass wir nicht nur unser Verhalten ändern müssen, sondern unsere gesamten Strukturen und Marktregeln, sodass nachhaltiges Handeln leichter wird.
Oft hat man versucht, die Verantwortung dem Einzelnen umzuhängen: der CO2-Fußabdruckrechner von BP, Kompensationszahlungen für Flugtickets bis hin zu Politikern, die sagen, Klimapolitik geht nicht, weil es die Leute nicht akzeptieren. Ist der Einzelne verantwortlich? Oder ist das der Job der Politik?
Menschen handeln konditional kooperativ. Sie sind bereit, zum großen Ganzen beizutragen, wenn es die anderen auch tun. Ist das der Fall, ist man bereit, Veränderungen vorzunehmen, und stellt irgendwann fest, dass es nicht nur notwendig ist, sondern uns auch noch guttut. Die individuelle Komponente und die gesellschaftliche sind miteinander verbunden. Dazu muss man sich aber auf Marktregeln einigen, Infrastrukturen anpassen und so weiter.
Die Politik muss also Regeln erlassen, z. B. Tempolimits runtersetzen, um uns zu helfen, uns klimafreundlich zu verhalten. Oft scheut sie das. Dabei wäre es Leadership.
Genau. Dafür gibt es einen ganzen Werkzeugkasten. Es geht nicht darum, ob man für oder gegen Technologieoffenheit oder für oder gegen Verbote ist, sondern es kommt auf die Situation an. Zu Beginn eines Innovationsprozesses spielt Technologieoffenheit eine große Rolle, weil man noch nicht weiß, welche Lösung sich durchsetzen wird.
Aber dann ist es – vor allem, wenn es um eine infrastrukturelle Komponente geht – aus ökonomischer Sicht vorzuziehen, sich für eine Technik zu entscheiden. Also etwa für batteriebetriebene Fahrzeuge. Parallel mehrere Technologien laufen zu lassen, ist ökonomisch ineffizient und verschwendet gesamtgesellschaftliche Ressourcen. Verbote wiederum haben einen schlechten Ruf, aber sie sind fair, weil sie für alle gelten – Tempolimits zum Beispiel Wenn man sich Europa ansieht, gelten überall unterschiedliche Limits.
Ich hätte noch nie gehört, dass es in Ländern mit sehr niedrigem Tempolimit Proteste gibt. Würde man es also in Österreich senken, gäbe es am Anfang ein Problem, aber dann lebt man damit, weil der Zeitverlust ist minimal, die Co-Benefits wie mehr Sicherheit, weniger Luftverschmutzung, bessere Gesundheit sind groß. In den Werkzeugkasten gehören überdies marktliche Instrumente wie die CO2-Steuer zur Beanreizung von innovativen Lösungen.
Wenn wir nicht wissen, welche Kosten durch unser Tun für die Gesellschaft entstehen, treffen wir systematisch falsche Entscheidungen
Die deutsche Automobilindustrie ist so angeschlagen, weil man die klare Entscheidung nicht treffen wollte?
Das ist ein klares Beispiel für ein soziales Dilemma. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht war es für deutsche Autobauer zunächst rational, das Geschäftsmodell mit den Verbrennermotoren, wo sie bestens verdient haben, weiterzuführen. Systemisch war das aber letztendlich nicht optimal. Man hat zu lange versucht, eine veraltete Technologie zu retten. Es hat auch früher schon Technologien gegeben, die uns nahe waren, wie etwa Füllfedern, die einfach irgendwann abgelöst wurden. Man muss das emotionslos sehen.
Die Frage ist nur: Wie schafft man die Transformation so, dass es wirtschaftlich möglichst wenig Disruption verursacht, die Leute umgeschult werden können und die betroffenen Regionen neue Möglichkeiten sehen? Es wäre verantwortungsvoll von der deutschen Politik gewesen, zu sagen: „Der Zug der Zeit geht in diese Richtung, wir verlangen, dass ihr mitgeht.“ Stattdessen hat man einen Schulterschluss für den Verbrenner gemacht und hat jetzt die Kosten dafür.
Wir finanzieren heute die konventionellen Lebensmittel über unsere Steuern, die als Subventionen ausbezahlt werden … und über unsere Krankenkassenbeiträge, weil die Gesundheitskosten dieses Systems hoch sind
In Ihrem Buch fordern Sie Kostenwahrheit bei allem, was wir so konsumieren, etwa Lebensmitteln. Dadurch würden klimafreundliche Produkte billiger. Wie geht das?
Wenn wir nicht wissen, welche Kosten durch unser Tun für die Gesellschaft entstehen, treffen wir systematisch falsche Entscheidungen. Bei Lebensmitteln wird das Signal gesendet: Bio ist teuer, konventionell-industriell hergestellte Produkte sind billiger. Würde man alle Kosten hineinrechnen, wäre es genau umgekehrt. Wir zahlen nicht nur an der Supermarktkasse, sondern auch als Steuerzahlerinnen und -zahler: 82 Prozent der Subventionen aus der gemeinsamen Agrarpolitik fließen in tierische Produkte, die sonst so teurer wären, dass sich viele Menschen Fleisch nicht leisten könnten.
Fleisch billig zu halten, führt aber dazu, dass sehr viel gekauft wird. So viel, dass Ärzte sagen, das ist nicht gesund. Das verursacht Kosten im Gesundheitssystem. Dazu kommen Umweltprobleme durch den hohen Energiebedarf. Und: Wenn das Fleisch exportiert wird, werden auch die Subventionen exportiert, während die Emissionen der Rinderproduktion bei uns bleiben. Wenn man das alles reinrechnet, sind Bioprodukte billiger.

Krisenfest – Wie nachhaltige Wirtschaft unsere Zukunft sichert: Energie, Ernährung, Arbeit & Zusammenhalt neu denken: Wie wir unsere Wirtschaft verändern können, um unsere Zukunft zu sichern
In ihrem neuen Buch "Krisenfest. Wie wir unsere Wirtschaft verändern können." erklärt Sigrid Stagl u.a., wie Kostenwahrheit ökologisch verantwortungsbewusstes Handeln einfacher und billiger macht.
Müsste man da nicht das Steuer- und Abgabensystem komplett umbauen?
Ganz genau. Wir finanzieren heute die günstigen konventionellen Lebensmittel über unsere Steuern, die als Subventionen ausbezahlt werden, die in Strafzahlungen fließen, wenn wir die Emissionsziele verfehlen, über Krankenkassenbeiträge, weil die Gesundheitsfolgen dieses Systems hoch sind. Diese Zusatzkosten könnten wir uns ersparen. Und: Bauern könnten dann faire Preise für ihre hochqualitativen Produkte bekommen. Keiner will Subventionsempfänger sein.
Parteien, die den Klimawandel leugnen, gewinnen Wahlen. Frustriert Sie das?
Das ist eine gesellschaftlich frustrieren de Situation, auch weil es starke Inkonsistenzen gibt. Von einer Partei, die auf Regionalität und Heimat setzt, würde ich erwarten, dass sie die Nutzung heimatlicher Ressourcen, wie die Windkraft, unterstützt. Von einer Partei, die sich für den kleinen Mann einsetzt, würde ich erwarten, dass sie fiskalische Vorschläge macht, die Niedrigverdienenden zugute kommen. Das Gegenteil passiert.
Kann so eine Partei an der Macht Klimamaßnahmen zurückdrehen?
Man sieht am Beispiel der USA, dass es der Trump-Administration nicht gelungen ist, Kohlegruben zu retten, weil sich diese betriebswirtschaftlich einfach nicht mehr rechnen. Heute bezahlt Trump Windkraftbetreiber mit Steuergeld, dass sie genehmigte Projekte nicht bauen. Er verhindert die Umstellung des Energiesystems auf die günstigste Form, mit den geringsten Stromgestehungskosten, und gibt dafür auch noch Steuergeld aus. Das wird die amerikanische Wirtschaft mittelfristig leider spüren. Er beschädigt das Land. Ähnliches wäre bei FPÖ und AfD zu erwarten.

Steckbrief
Sigrid Stagl
Die Waldviertlerin ist auf dem Bauernhof ihrer Eltern aufgewachsen. Sie hat an der Wirtschaftsuniversität Wien studiert und sich früh mit Umweltfragen beschäftigt. Danach promo vierte sie am Rensselaer Polytechnic Institute in Troy (New York) als erste Person weltweit im Bereich der Ökologischen Ökonomie. Nach Forschungsjahren an den Unis Leeds und Sussex kehrte sie 2008 als Professorin an die WU zurück. 2014 gründete sie dort das Institut für Ökologische Ökonomie.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 38/2026 erschienen.
