Der neue ORF-General will auf Umbau, Digitalisierung und Sparmaßnahmen setzen. Gleichzeitig mehren sich die Forderungen nach einer Entpolitisierung und Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.
Sagenhafte 15 Stunden hat die Sitzung des ORF-Stiftungsrats zur Bestimmung des neuen ORF-Generaldirektors gedauert. Am Ende stand das fest, was vorher schon von allen Seiten prophezeit wurde. APA-CEO Clemens Pig wird die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt ab 2027 führen.
Der designierte ORF-Chef erhielt 21 von 35 Stimmen und kündigte unmittelbar nach seiner Wahl an, die neue Aufgabe „mit Dankbarkeit und Demut“ anzunehmen.
„Herausforderungen sind groß, vielfältig und gleichzeitig“
„Ein langer Tag geht zu Ende, und ein neuer Morgen für den ORF bricht an“, sagte Pig bei einer Pressekonferenz kurz nach der Entscheidung. Zugleich betonte er, dass er bereits ab sofort einen engen Austausch mit der aktuellen ORF-Chefin Ingrid Thurnher anstrebe. Die Herausforderungen seien „groß, vielfältig und gleichzeitig“.
Im Mittelpunkt steht für Pig zunächst die wirtschaftliche Situation des öffentlich-rechtlichen Medienhauses. Als drängendstes Problem bezeichnete er die Finanzierungslage des ORF. Ab 2027 muss der Sender mit jährlich 93 Millionen Euro weniger auskommen, nachdem die Bundesregierung entsprechende Zuschüsse streicht.
Neue Direktionsstruktur geplant
Mit der Wahl beginnt nun die Suche nach dem künftigen Führungsteam. Neben neun Landesdirektoren sollen vier zentrale Direktionen eingerichtet werden. Der Stiftungsrat hat Pigs Konzept bereits gebilligt.
Vorgesehen sind eine Direktion für Finanzen, eine für „Technologie & Innovation“, eine für „Programm & Brands“ sowie eine für „Audience & Plattformen“. Die bisherige Radiodirektion entfällt. Die Gesamtverantwortung für Strategie, Budget, Auftrag und Information will Pig direkt beim Generaldirektor ansiedeln.
Die Informationsangebote sollen bewusst keiner eigenen Direktion unterstellt werden. Laut Pig werde damit die „sensibelste publizistische Kernaufgabe des ORF direkt an die Gesamtverantwortung des Generaldirektors gebunden“.
Im Bereich „Programm & Brands“ plant Pig eine zentrale Programmplanung und prüft zudem eine stärkere organisatorische Einbindung von ORF III. Die Direktion „Audience & Plattformen“ soll unter anderem digitale Angebote, Podcasts, ORF ON, ORF Sound sowie Zielgruppen- und Nutzungsanalysen bündeln. Die Technologie-Direktion soll sich mit Themen wie Streaming, Künstlicher Intelligenz, Produktionssystemen und Cybersicherheit befassen.
Für die Besetzung der Führungsfunktionen kündigte Pig ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis an. Auch seine bisherigen Mitbewerberinnen und Mitbewerber könnten sich für Direktionsposten bewerben.
Forderungen nach Entpolitisierung
Mit der Wahl Pigs ist die Debatte um die Zukunft des ORF allerdings keineswegs beendet. Unmittelbar nach der Entscheidung wurden erneut Forderungen nach einer grundlegenden Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks laut.
NEOS-Mediensprecherin Henrike Brandstötter erklärte, die Wahl müsse „die letzte ihrer Art gewesen sein“. Nun gelte es, den ORF und seine Gremien grundlegend zu reformieren. Ziel sei ein „transparenter, unabhängiger, politikferner und zukunftsfitter“ ORF.
Auch die Grünen sehen Reformbedarf. Mediensprecherin Sigrid Maurer sprach von einem „Weckruf für die Politik“ und forderte, parteipolitische Einflüsse aus den ORF-Gremien zurückzudrängen. Die Wahl zeige aus ihrer Sicht die Schwächen des bestehenden Systems.
Die Regierungsparteien verwiesen auf die im Regierungsprogramm angekündigte ORF-Reform. ÖVP-Mediensprecher Nico Marchetti kündigte an, den ORF „schlanker, digitaler, transparenter, bürgernäher, regionaler und nachhaltiger“ gestalten zu wollen. SPÖ-Bundesgeschäftsführer Klaus Seltenheim erinnerte daran, dass Medienminister Andreas Babler im Herbst einen Reformprozess starten werde.
Deutlich schärfer fiel die Kritik der FPÖ aus. Generalsekretär Christian Hafenecker sprach von der Fortsetzung bestehender Machtstrukturen und forderte eine „ORF-Totalreform“.
Medienkonvent im Herbst
Auch abseits der Parteipolitik wurden Reformforderungen erhoben. Die IG Autorinnen Autoren sprach sich für eine Entpolitisierung des ORF und eine ausreichende Finanzierung aus. Die Initiative #aufstehn kritisierte den Eindruck parteipolitischer Einflussnahme bei der Besetzung zentraler Führungsfunktionen.
Für Pig beginnt damit eine anspruchsvolle Vorbereitungsphase. Neben der Bestellung seines Führungsteams wird er sich mit dem Sparkurs des ORF sowie den politischen Reformplänen auseinandersetzen müssen. Im Herbst will Medienminister Andreas Babler bei einem Medienkonvent die Diskussion über Auftrag, Struktur und Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks starten.
Bis zu seinem Amtsantritt Anfang 2027 bleibt damit wenig Zeit, um die Weichen für den künftigen Kurs des ORF zu stellen.






