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V-Mann an der Uni: Luca Kiesers "Simsalabim, Simon Brenner"

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Der dritte Roman von Luca Kieser
©Blessing Verlag, APA
Bei einem Buch mit dem Titel "Simsalabim, Simon Brenner" würden sich die meisten wohl ungeschaut einen neuen Wolf-Haas-Krimi erwarten - doch ätsch, reingefallen: Der in Wien lebende deutsche Autor Luca Kieser spielt in seinem dritten Roman ein Doppelspiel und reflektiert damit auch in Stil und Namensgebung sein Thema: Es geht um einen jungen Polizisten, der sich als verdeckter Ermittler in die linke Studierendenszene an der Uni Heidelberg einschleichen soll.

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Kieser, 1992 in Tübingen geboren und offenbar mit einer sehr lebendigen Erinnerung an seine Studienzeit in Heidelberg, Leipzig und Wien ausgestattet, hat schon in seinen ersten beiden Romanen überrascht. In seinem Debüt "Weil da war etwas im Wasser" verwendete er 2023 die zehn Arme eines Riesenkalmars als Erzähler und schaffte es auf Anhieb auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis. Ein Jahr später ließ er dem mit "Pink Elephant" ein vergleichsweise konventionell erzähltes Jugendbuch folgen. Konventionell ist am neuen Buch höchstens das Was, aber nicht das Wie.

Was? Das ist der studentische Alltag des Jahres 2010, in dem Diskussionen und Demonstrationen, Solidaritätscamps und Vernetzungstreffen wichtiger sind als das Studium. In Heidelberg, Tübingen, Berlin, Brüssel und Stuttgart geht es um Ausländerpolitik, Atomkraft, Faschos und um das umstrittene Bahnhofsprojekt "Stuttgart 21". Wenig, was da erzählt wird, ist neu oder überraschend. Für seine Erzählweise hat sich Luca Kieser jedoch gleich mehrere originelle Ideen einfallen lassen.

Die größte Überraschung ist, dass vieles davon gar nicht erfunden ist: Tatsächlich hatte sich 2010 ein V-Mann unter dem Namen Simon Brenner für ein Studium in Heidelberg eingeschrieben, um die linke Szene zu infiltrieren. Nachdem der Polizist aufgeflogen war, klagte einer der Ausgespitzelten und erhielt beim Verwaltungsgericht in Karlsruhe Recht: Der Einsatz war rechtswidrig. Luca Kieser greift nicht nur die typische Erzählweise der Brenner-Krimis auf und lässt seine Hauptfigur während seiner gefakten Studentenzeit mit immer größerer Bewunderung die Bücher von Wolf Haas lesen - was zu etlichen sehr lustigen Passagen Anlass gibt -, sondern schreibt sich auch selbst hinein: Der falsche Simon Brenner heißt nämlich Luca Kieser, doch das klingt komplizierter als es ist.

Natürlich bekommt der Sprössling einer sehr korrekten deutschen Beamtenfamilie, in der alle Angehörigen systemerhaltend wirken, Gewissensbisse, je näher er seine Zielpersonen und deren Umfeld kennenlernt und dabei feststellen muss, dass die Kommilitonen, auf die er angesetzt wurde, keine gewaltbereiten, grimmigen Staatsfeinde sind, sondern harmlose junge Menschen mit Idealen. Er sieht, was unangemessene Polizeigewalt physisch und psychisch auslöst. Vor allem bekommt er aber zunehmend Probleme, seine zwei Identitäten sauber auseinander und versteckt zu halten. Diese immanente Schizophrenie bildet Kieser, der Autor, im Wechsel zwischen Ich-Erzähler und dritter Person sehr durchdacht ab - und liefert auch so manche kabarettartige Einlage, etwa bei der psychologischen Betreuung seines Einsatzes.

Schon von den ersten Seiten an ist klar, dass er enttarnt wird. "So endet der Einsatz", ist da gleich zu lesen. Ein paar Seiten weiter beginnt mit dem Zeitsprung "Achtzehn Monate zuvor" die eigentliche Geschichte, die nun das Problem hat, dass man ihren Ausgang kennt. Über viele Seiten schafft es der Roman, mit den reichlich unbeholfenen Versuchen des Polizisten, sich als glaubwürdiger Student und Sympathisant zu etablieren, zu unterhalten und zu amüsieren, doch dann beginnen die Mühen der Ebene - und damit das Warten auf den großen Knall. Dreißig Sekunden können ziemlich lang werden, heißt es am Ende. Das gilt auch für 300 Buchseiten, die sich eben nicht "simsalabim" einfach weglesen lassen. Dennoch muss man neidlos zugeben: das vermutlich witzigste Sujet des bisherigen Bücherherbstes.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Luca Kieser: "Simsalabim, Simon Brenner", Blessing Verlag, 336 Seiten, 24,70 Euro, https://lucakieser.de/ )

Simsalabim Simon Brenner von Luca Kieser

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