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Schon für ihren 2022 auf Deutsch erschienenen 880 Seiten dicken Buch-Ziegel "Stunden aus Blei", der sich kritisch mit Tschechien, dem einstigen "Bruderland" Sowjetunion und China befasste, wo sie nach einigen Aufenthalten und unerwünschten Kontakten mit einem Einreiseverbot belegt wurde, hatte sie euphorische Kritiken erhalten. Das wird nun wohl nicht anders sein, denn wieder ist "Schokoladenblut" ein gewichtiges Stück Literatur. Es hat 570 Seiten, und sein blauer Umschlag wird von einer qualmenden Dampflokomotive geziert. "Tsu tsu tsu, so zuckelt der Zug", heißt es immer und immer wieder im Text. "Der Zug zuckelt durch das neunzehnte Jahrhundert. Hin und her. Kehrt zu denselben Stationen zurück. Vor dem Fenster kurze Szenenwechsel. Die Bilder fügen sich zu einem Ganzen", verraten schon die ersten Sätze den Bauplan.
Erdöl ist der Treibstoff der industriellen Revolution und wurde vom "Schokoladenblut" zum "schwarzen Gold" eines Zeitalters, das von der Dampfmaschine geprägt und von Schienensträngen durchzogen wurde. "Schokoladenblut" ist ein Jahrhundertroman über das 19. Jahrhundert, in dem viele heutige Probleme nach Ansicht der Autorin ihren Ausgang genommen haben: "Nationalismus, die brutale Form des Kapitalismus, die Plünderung unseres Planeten, die Oligarchen und ihre Kontrolle über die Politik und natürlich die patriarchale Denkweise", sagt Denemarková in einem Verlagsinterview. Dass sie zurecht in ihrer feministischen Sichtweise auf gesellschaftliche Probleme mit Elfriede Jelinek in Bezug gesetzt wird, beweist sie auch in diesem Buch. "Schokoladenblut" symbolisiere auch "Tinte, denn der Roman thematisiert die Bedeutung der unabhängigen Literatur und den Status von Schriftstellerinnen. Künstlerische Freiheit kostete sie oft ihr Leben", erklärt sie. "Schließlich steht es auch für die Menstruation und die Stigmatisierung der Frau als Mensch zweiter Klasse."
Zwei gleichermaßen energisch, aber mit sehr unterschiedlichen Waffen und sehr unterschiedlichem Erfolg um die Emanzipation ihrer Geschlechtsgenossinnen und ihre eigene Unabhängigkeit kämpfende Autorinnen sind zwei der drei Hauptfiguren dieses ungewöhnlichen Buches: Die in Wien geborene tschechische Schriftstellerin Božena Němcová (1820-1862), die lange die zeittypische Unterjochung in der Ehe erleidet und am Ende mit "Babička" (Großmutter) zur gefeierten Nationalliteratin wird, sowie ihre französische Kollegin George Sand (1804-1876), die unter ungleich privilegierteren Voraussetzungen ihr Leben und ihr Schicksal selbst in die Hand nahm. Den beiden stellt sie einen Patriarchen und Kapitalisten gegenüber, der - wie sie selbst sagt - nicht ohne Absicht wie ein unmittelbarer Vorläufer von Donald Trump, JD Vance und seinen Tech-Bros wirkt: John Davison Rockefeller (1839-1937), skrupelloser Unternehmer, der zum ersten Milliardär der Weltgeschichte wurde. "Er war ein Raubtier, dem heutige Raubtiere nacheifern", sagt Denemarková. "Es ist der Traum und das Vorbild aller Diktatoren von heute: Wirtschaftswachstum ohne Demokratie und Menschenrechte."
"Schokoladenblut", teilweise in Graz und Wien entstanden, führt in einem wilden Wechsel zwischen diesen drei Protagonistinnen und Protagonisten über 53 Stationen. Dabei gibt es unzählige Ein- und Ansichten zu gewinnen, Abenteuer zu erleben und Episoden mitzuerleben. Fast unumgänglich scheint es bei der Lektüre, vom Recht Gebrauch zu machen, immer wieder zwischendurch zu unterbrechen und auszusteigen. In der Gegenwart landet man ohnedies immer wieder und oft ganz unvermutet.
Die wichtigsten heute weltweit bekannten tschechischen Autoren seien Franz Kafka und Milan Kundera, schreibt Radka Denemarková. "Der eine schreibt auf Deutsch, der andere auf Französisch. So. Tsu tsu tsu, so zuckelt der Zug." Viele hundert Seiten davor beschreibt sie unvermittelt eine Szene aus dem Jahr 2019. Dem tschechischen Kulturminister will auf die Frage ausländischer Journalisten nach seinen drei liebsten zeitgenössischen tschechischen Autoren kein einziger Name einfallen. Er stottert herum: Erst neulich habe er ein sehr interessantes Buch gelesen, das im Louvre spiele und auch schon verfilmt worden sei. "Aus dem Publikum poltert eine ungläubige Stimme. 'Sakrileg? Dan Brown?' - 'Ja, ja, ja.'" - Der tschechische Gastlandauftritt in Frankfurt verspricht interessant zu werden. Und Radka Denemarková ist definitiv ein Name, den sich künftig nicht nur tschechische Minister merken sollten.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Radka Denemarková: "Schokoladenblut", aus dem Tschechischen von Eva Profousová, Hoffmann und Campe, 572 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 35 Euro, Lesungen am 8.6. im Literaturhaus Graz und am 10.6. in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur in Wien.)





