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Im leisen Buch "Das Land im Winter" brodelt es gewaltig

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Andrew Miller erzählt wunderbar nuanciert
©CHRIS J RATCLIFFE, Afp, APA
Der Winter 1962/63 war einer der härtesten in der Geschichte Englands. Nicht nur deshalb ist es eine belastende Zeit für vier Menschen auf dem Land. Der in Bristol geborene britische Autor Andrew Miller erzählt ruhig, feinfühlig und nuanciert nicht nur deren Geschichte, sondern lässt an ihren Gefühlen und Emotionen teilhaben. Nicht nur dafür wurde sein Roman "Das Land im Winter" auf die Shortlist des Booker Prize 2025 gesetzt.

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"Eine meisterhafte, fesselnde Auseinandersetzung mit den Feinheiten des Lebens", urteilte die Jury. Dem kann man nicht widersprechen. Es ist keine reißerische Story, vielmehr lässt Miller seine Leser am manchmal mehr, manchmal weniger ereignisreichen Alltag der vier Protagonisten rund um Weihnachten teilhaben, an ihren Sorgen, Freuden, Ängsten, Problemen und Geheimnissen. Das grundsätzlich "leise Buch", wie es die "Financial Times" beschrieb, kann mitunter aber ganz schön laut sein, was Ereignisse wie Themen betrifft. Und es brodelt permanent unter der Oberfläche.

Angesiedelt ist der Roman in der Prä-Beatles-Ära. Die Swinging Sixties sind noch entfernt, die Erinnerung an den Krieg noch allgegenwärtig, der Generationenkonflikt spitzt sich zu. Im Zentrum stehen zwei benachbarte Paare - der Landarzt Eric, der eine Affäre hat, und seine schwangere Frau Irene aus gutbürgerlichem Haus sowie Bill, gescheiterter Oxford-Student und Neo-Farmer mit waghalsigen Plänen, der den zwielichtigen Geschäften seines Vaters entkommen will, aber auf dessen finanzielle Hilfe angewiesen ist, und seine Frau Rita, einst Nachtclub-Tänzerin, ebenfalls in anderen Umständen.

Beide Paare plagen Krisen. Dass es ihnen schwerfällt, sich an das Leben fern von London zu gewöhnen und sich von ihrem früheren zu lösen, verschärft die Situation. Während die Distanz zwischen den Eheleuten wächst, fällt unaufhörlich Schnee. Das Land versinkt in weißen Massen, Straßen werden unpassierbar, Zugverbindungen fallen aus - Spannungen entladen sich, bedrückende Kälte statt Melancholie macht sich breit. Ein versöhnliches Ende darf man da nicht erwarten. Das Schicksal der Protagonisten berührt, für jeden von ihnen weckt Miller, der aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven erzählt, Mitgefühl, wenn man auch nicht immer Verständnis haben muss.

Miller verzaubert, selbst wenn es oft sehr gemächlich dahingeht, mit wunderbarer Prosa. Andeutungen, kleine Ereignisse und Nebensächlichkeiten bzw. Nebenfiguren bekommen in dem sich zuspitzenden Drama mitunter große Bedeutung. Im Haus des Arztes und seiner Frau hängt ein Nachdruck der Arnolfini-Hochzeit von Jan van Eyck. So viel Symbolik wie in dem Gemälde versteckt sich auch in "Das Land im Winter". Die Beschreibung einer Weihnachtsparty mit unterschiedlichsten Gästen etwa offenbart gesellschaftliche Gegensätze, Snobismus, Heuchelei und schwarz-weiße Ansichten, verborgen in kleinen Handlungen und Dialogen. Manches im Setting mutet sehr britisch an, aber sich darauf einzulassen, lohnt.

(Von Wolfgang Hauptmann/APA)

(S E R V I C E - Andrew Miller: "Das Land im Winter", aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Luchterhand Verlag, 448 Seiten, 27,50 Euro)

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