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Im Zentrum des Buches, das immer wieder in erratischen Passagen und Beobachtungen den Verlauf der Nachrichtenlage, die Reaktionen der Politik und die Auswirkungen auf die Menschen beschreibt, steht der an einem Wiener Gymnasium unterrichtende junge Grazer Geschichtslehrer Paul. Er wird angesichts der Pandemie und der daraufhin verhängten Maßnahmen mit Dingen konfrontiert, auf die er nicht vorbereitet ist und von denen er sich überfordert fühlt. Unterstützt von seinem Direktor versucht er als Klassenvorstand dennoch das Beste - und muss feststellen, dass die Bruchlinien bald allen Zusammenhalt zu sprengen drohen.
Rainer zeichnet Entwicklungen nach, an die sich Eltern schulpflichtiger Kinder noch immer mit Schaudern erinnern: Lockdowns, Online-Unterricht, der Verlust von sozialen Kontakten, die im Klassenverband immer größer aufgehende Kluft bei der Aneignung des Lernstoffs, die Sorge der Eltern und immer widersprüchlichere und kaum umsetzbare Verordnungen. Unter den Eltern seiner Klasse bilden sich bald zwei Fraktionen, die einander zunehmend konfliktreich gegenüberstehen: die Besorgten, Übervorsichtigen, und die Unverständigen, die eine Verschwörung wittern und den Staat für überschießende Maßnahmen, die sie als Repressalien empfinden, verantwortlich machen.
Rainer wechselt immer wieder die Fronten - und wie ein Kriegsbericht mutet bald auch der Roman an. Paul könnte Verstärkung gut gebrauchen, doch der an sich gutmütige Direktor Baumgartner ist ihm keine Hilfe. Im Gegenteil. Als sich die Beschwerden beider Seiten über die Art und Weise, wie der Lehrer seine Klasse durch die Krise zu bringen versucht, mehren, macht er ihm unmissverständlich klar: So kurz vor der Pensionierung will er keine Schwierigkeiten bekommen und Partei ergreifen. Paul muss sehen, wo er bleibt. Der Selbstmord eines Schülers eskaliert die Lage dramatisch.
"Bruchlinien" wirkt wie ein Zeitdokument, eine Chronik, in der sich viele wiederfinden können. Aber auch wie ein Menetekel. Denn anders als der Arzt, der weiß, dass Brüche auch wieder heilen (freilich mitunter schlecht), lautet der Befund des Autors: "Brüche heilen nicht, sie warten. Und dann kriechen sie durch die Oberfläche - wie Frost in einer Winternacht, der das Holz sprengt, das ihn so lange getragen hat", schreibt er in einem Prolog. Nimmt man die unbestrittenen Covid-Nachwirkungen auf Politik und Gesellschaft, muss man konstatieren: Pessimistisch, aber vermutlich realistisch.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - Gernot Rainer: "Bruchlinien", Kremayr & Scheriau, 264 Seiten, 25 Euro)
WIEN - ÖSTERREICH: FOTO: APA/Kremayr & Scheriau





