ABO

Debatte über Kleidungsstil von Popstar Olivia Rodrigo

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
7 min
Musikerin erhält Rückendeckung von Kolleginnen
Olivia Rodrigo ist eine der aktuell besten Songwriterinnen im Pop. Doch das gerät gerade etwas in den Hintergrund. Denn die 23-Jährige, die bald ihr neues Album veröffentlicht, verursacht vorab mit ihrer mädchenhaften Ästhetik Diskussionen. Bei öffentlichen Auftritten trägt sie derzeit bevorzugt ein Babydoll - also ein extrem kurzes, ausgestelltes Nachthemd. Und das gefällt manchen Leuten nicht, die ihr vorwerfen, sie inszeniere sich bewusst kindlich.

von

Schaut man genauer hin, steckt hinter der Debatte mehr als eine Stilfrage. Es geht darum, wie weibliche Popstars wahrgenommen und bewertet werden - und warum ihr Äußeres so oft lauter spricht als ihre Kunst.

Auf Instagram präsentierte Rodrigo ihren mehr als 40 Millionen Followern kürzlich das Cover des neuen Albums "you seem pretty sad for a girl so in love", das am 12. Juni erscheint. Es zeigt sie auf einer Schaukel, gekleidet in eine Art knappe Schuluniform. Für viele Fans ist das ein Verweis auf das derzeit angesagte Popkultur-Phänomen "Girlhood": eine verspielte, solidarische Feier des Mädchenseins, wie sie etwa auch Filmemacherin Sofia Coppola oder Popstar Sabrina Carpenter inszenieren.

Coppola hat diese "Girlhood" schon vor gut 20 Jahren mit Filmen wie "The Virgin Suicides" populär gemacht. Es geht dabei um eine Art ästhetisierte Inszenierung des Mädchenseins, die sich durch nostalgische, verspielte und hyperfeminine Bildwelten - etwa Schleifen, Pastelltöne, Glitzer, Tagebuchästhetik oder analoge Fotografie - ausdrückt und zugleich Gemeinschaft, Emotionalität und Selbstfindung symbolisiert.

Diesen Look bedient Rodrigo in ihrem neuen Musikvideo zur Single "drop dead", wo sie in Rüschen-Shorts durch Versailles tanzt. Daran entzündete sich Kritik. Rodrigo, die einst mit Disney-Produktionen bekannt wurde, betreibe eine gefährliche "Infantilisierung", hieß es. Kritiker werfen ihr vor, ein Frauenbild zu bedienen, das Weiblichkeit bewusst kindlich, dabei gleichzeitig sexy inszeniert - und damit patriarchale Fantasien eher zu reproduzieren als zu hinterfragen.

Andere sehen gerade darin jedoch ein bewusstes Spiel mit solchen Zuschreibungen: Rodrigo eigne sich stereotype Bilder von "Mädchenhaftigkeit" an, überzeichne sie und mache sie damit sichtbar. Ähnliche Debatten gab es in der Vergangenheit auch über Popstar Sabrina Carpenter, die ebenfalls gern in Babydoll-Kleidern auftritt.

Carpenter und Rodrigo erzählen etwas darüber, wie Frausein im Pop verhandelt wird. Weibliche Popstars werden bis heute stark über ihr Äußeres definiert. Im Gespräch über sie geht es dann nicht mehr um ihre Kunst.

"Das Problem ist doch nicht, dass eine Frau ein kurzes, verspieltes Kleid trägt", sagt die Musikwissenschaftlerin Penelope Braune der dpa zu der Debatte. "Das Problem ist viel eher eine Kultur, die weibliche Körper permanent sexualisiert und anschließend Frauen für genau diese Sexualisierung verantwortlich macht."

Viele Künstlerinnen spielen inzwischen bewusst mit dieser Objektifizierung: Sie überzeichnen Schönheitsideale ironisch, brechen sie - oder machen die eigene Körperlichkeit demonstrativ selbst zum Thema.

Das wird oft als "Reclaiming" bezeichnet - was so viel bedeutet wie sich eine Zuschreibung anzueignen und dadurch Kontrolle zurückzugewinnen. Darin liegt aber auch eine Ambivalenz, wie Braune sagt. Denn die Grenze zwischen Zuschreibung und Selbstverantwortung verschwimmt, sobald etwas in der Welt ist.

"Pop(kultur) findet nicht im luftleeren Raum statt, das ist ein Fakt", sagt sie. "Hinter jedem Look steht eine Industrie, stehen Plattformlogiken, Aufmerksamkeit, Vermarktung usw., und genau deswegen ist Reclaiming auch nie völlig frei von Ambivalenz: Es kann empowernd gemeint sein und trotzdem in einer Bildökonomie zirkulieren, die vom Male Gaze geprägt ist."

Mit Male Gaze (auf Deutsch: männlicher Blick) wird die historisch dominante Tendenz in Medien und Kunst bezeichnet, Frauen aus der Perspektive eines (heterosexuellen) Mannes darzustellen.

Rodrigo selbst bezieht sich mit ihrer Kleidung auf einen Trend der "Riot Grrrl"-Bewegung der 90er Jahre, wie sie in einem Interview der "Vogue" erzählte. Musikerinnen wie Courtney Love trugen damals bewusst mädchenhafte Outfits, die sie mit Springerstiefeln, wütenden Lyrics und verzerrten Gitarren kontrastierten - und so Rollenbilder durcheinanderbrachten.

Diese Musikerinnen seien ihr Vorbild, sagte Rodrigo im Interview des "New York Times"-Podcasts "Popcast". Die Kritik an ihren Babydoll-Kleidern mache sie "wirklich wütend", führte sie aus. "Das zeigt, wie wir Pädophilie in unserer Kultur normalisieren. Und es ist auch genau diese Rhetorik, die uns als Mädchen von klein auf eingetrichtert wird: 'Trag das nicht, denn dann wird ein Mann deinen Körper sexualisieren und es ist deine Schuld.' Das ist so seltsam."

Entscheidend sei, so Braune, "ob wir Olivia Rodrigo als handelnde Künstlerin ernst nehmen, oder aber, ob wir ihr sofort unterstellen, sie reproduziere bloß fremde (männliche) Fantasien?"

Ernstzunehmen ist Rodrigo als Künstlerin auf jeden Fall. Sie hat bereits eine ganze Reihe eingängiger Hits mit beeindruckenden Harmoniefolgen geschrieben, die hörbar mit der Pop- und Rockgeschichte der 80er und 90er Jahre spielen - also genau mit jener Ästhetik, auf die sich ihre visuelle Inszenierung bezieht. Ihre neue Single "the cure" startet als intime Akustikfolk-Ballade und steigert sich im Verlauf zu einem mitreißenden Rocksong mit anschwellenden Streichern und gewaltiger Dynamik.

Interessanterweise äußern sich Musikerinnen und Musiker aus jener Zeit deutlich wohlwollender über Rodrigo als viele anonyme Kritiker im Netz. The-Cure-Sänger Robert Smith etwa lobte ihre Songs und performte schon gemeinsam mit Rodrigo, auch Courtney Love verteidigte sie gegen Vorwürfe.

Am Ende bleibt Olivia Rodrigo vor allem einer der derzeit erfolgreichsten Popstars der Welt. Ihre Single "drop dead" ist das vierte Lied, das direkt auf Platz 1 der Billboard-Charts gelandet ist. Die Termine ihrer weltweiten Tour sind längst ausverkauft.

Über die Autoren

Logo
Monatsabo ab € 21,75
Ähnliche Artikel
2048ALMAITVEUNZZNSWI314112341311241241412414124141241TIER