Mehr als 80 Werke zeigen, wie Herbert Boeckl und Hans Josephsohn den menschlichen Körper in Malerei und Skulptur neu interpretierten.
Erstmals stellt das Leopold Museum in Wien Werke des österreichischen Malers Herbert Boeckl und des Schweizer Bildhauers Hans Josephsohn einander gegenüber. Die Ausstellung „Herbert Boeckl / Hans Josephsohn. Archetypen des Figuralen“ versammelt mehr als 80 Gemälde, Skulpturen und grafische Arbeiten.
Im Zentrum der Schau steht die Frage, wie sich der menschliche Körper in eine allgemeingültige und zeitlose Form übertragen lässt. Obwohl Boeckl von der Malerei und Josephsohn von der Bildhauerei ausging, zeigen ihre Arbeiten auffällige Gemeinsamkeiten. Beide beschäftigten sich mit Figur, Material und menschlicher Existenz und hielten zeitlebens an der Gegenständlichkeit fest.
„Dieser wahlverwandtschaftliche Dialog eröffnet assoziative Interpretationsräume und ermöglicht ein Einlassen auf neue formale wie inhaltliche Perspektiven“, erklärt Leopold Museum-Direktor Hans-Peter Wipplinger, der die Ausstellung kuratiert hat.
Menschen aus dem persönlichen Umfeld als Modelle
Für beide Künstler war die unmittelbare Begegnung mit Menschen ein wichtiger Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Boeckls bedeutendste Muse war seine Frau Maria, die ihm wiederholt als Modell diente. Josephsohn arbeitete ebenfalls bevorzugt mit Personen aus seinem Umfeld. Dazu gehörten seine erste Frau Mirjam Abeles, seine Partnerin Ruth Jacob und seine zweite Frau Verena Wunderlin.
Auch Freunde und Menschen, die sein Interesse weckten, fanden Eingang in Josephsohns Werk. Ein Beispiel dafür ist der Arbeiter Ernst Baumann. Dabei ging es dem Bildhauer nicht um eine detailgetreue Wiedergabe, sondern um die verdichtete Wahrnehmung eines Gegenübers.
Boeckl war in die österreichische Kunstszene seiner Zeit eingebunden. Josephsohn blieb dagegen lange ein Einzelgänger. Erst im Jahr 2000 wurde der damals bereits 80-Jährige von einer Galerie in ihr Programm aufgenommen. Heute gilt er neben Alberto Giacometti als einer der bedeutendsten Schweizer Bildhauer des 20. Jahrhunderts.
Archaische Figuren und geschlossene Formen
Die Ausstellung kombiniert Gemälde und Arbeiten auf Papier von Boeckl mit Skulpturen aus Gips und Messing von Josephsohn. Dabei treten formale Parallelen hervor, die trotz der unterschiedlichen Entstehungszeiten und künstlerischen Techniken erkennbar sind.
Beide Künstler bezogen sich auf vormoderne, antike und mittelalterliche Bildwelten. Josephsohn begann in den späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren, den menschlichen Körper auf kompakte, blockhafte Formen zu reduzieren. Seine stelenartigen Figuren erinnern an ägyptische, griechische und etruskische Skulpturen.
Boeckl entwickelte ab den 1920er-Jahren eine eigenständige Malerei, in der die Wirkung der Farbe zunehmend an Bedeutung gewann. Wie Josephsohn setzte er sich mit Paul Cézanne und dem französischen Bildhauer Aristide Maillol auseinander. Besonders die geschlossene Form des menschlichen Körpers wurde für beide zu einem zentralen Bezugspunkt.
In der Gegenüberstellung erscheinen Boeckls Landschaften mitunter wie Körper, während Josephsohns liegende Figuren an monumentale Bergformationen erinnern.
Farbe wird zur plastischen Masse
Eine besondere Verbindung zwischen den Künstlern zeigt sich im Umgang mit dem Material. In Boeckls Schlüsselwerk „Gruppe am Waldrand“ aus dem Jahr 1920, das sich in der Sammlung des Leopold Museum befindet, ist die Farbe so dick aufgetragen, dass die Oberfläche beinahe reliefartig wirkt. Der Künstler stellte sich darin gemeinsam mit seiner jungen Frau Maria dar.
Boeckl verwendete die Farbpaste wie eine plastische Masse. Teilweise trug er sie direkt aus der Tube auf den Bildträger auf und modellierte daraus die Figuren. Josephsohn ging beim Aufbau seiner Skulpturen ähnlich vor. Seine dreidimensionalen Kompositionen entstanden zunächst als Gipsmodelle in seinem Zürcher Atelier.
Auch Boeckls „Porträt Josef von Wertheimstein“ aus dem Jahr 1921 reduziert den Dargestellten auf wenige bildgebende Elemente. Die Figur scheint aus dem dunklen und pastosen Bildgrund hervorzutreten. Vergleichbar damit konzentrierte sich Josephsohn weniger auf individuelle Details als auf eine umfassende, körperliche Präsenz.
Künstlerische Antworten auf Krieg und Verlust
Die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts hinterließen im Werk beider Künstler deutliche Spuren. Boeckl erlebte als junger Mann den Ersten Weltkrieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er mit seinen „Metamorphosen“ eine neue Schaffensphase. Unter dem Eindruck abstrakter Experimente zerlegte er seine Motive zunehmend in farbige Flächen und Flecken.
Josephsohn floh als Sohn jüdischer Eltern vor der nationalsozialistischen Verfolgung über Italien in die Schweiz. Seine Eltern wurden in einem Konzentrationslager ermordet. Zwischen 1951 und 1953 schuf er unter dem Eindruck des Koreakriegs stark abstrahierte und geometrisch reduzierte Flachreliefs.
Eine biografische Deutung seiner Kunst im Zusammenhang mit der Shoah lehnte Josephsohn zwar stets ab. Krieg, Verlust und existenzielle Bedrohung prägten jedoch die Lebenswege beider Künstler.
Im Spätwerk begann Josephsohn einen weiteren Abstraktionsprozess. Statt seine Figuren nur zu vereinfachen, überformte er sie durch den gezielten Aufbau von Material. Anatomische Einzelheiten und natürliche Proportionen traten hinter einer archetypischen Formensprache zurück.
Rund 700 Gäste bei der Eröffnung
Zur Eröffnung der Ausstellung kamen nach Angaben des Leopold Museum rund 700 Gäste. Unter ihnen waren Mitglieder der Familien Boeckl und Josephsohn, Vertreterinnen und Vertreter österreichischer Museen und Galerien sowie zahlreiche Kunstschaffende.
Begleitend zur Ausstellung ist im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König ein deutsch- und englischsprachiger Katalog erschienen. Er enthält Beiträge von Matthias Boeckl, Lili-Vienne Debus, Ulrich Meinherz und Hans-Peter Wipplinger.

