Mit John Malkovich begann Fotograf Lukas Beck sein radikales Porträt- Kunstprojekt „ONE HOUR WITH". Es hält fest, was Künstlerinnen und Künstler zeigen, wenn es kein Drehbuch gibt und Sprechen verboten ist
Der Filmstar spielt mit dem Licht. Die Fenster sind verdunkelt, John Malkovich agiert vor schwarzem Hintergrund. Nur ein Spot erhellt den Raum. Er geht darauf dazu, entfernt sich. Lässt sich den Spot ins Auge scheinen. Schließt die Augen. Reagiert auf die Musik, die abgespielt wird. „Es war wie ein Stück Pantomime“, erinnert sich Fotograf Lukas Beck. Nach einer halben Stunde, in der kein Wort gesprochen, nur fotografiert wird, fragt Beck den heute 72-Jährigen, ob er eine Pause brauche. Malkovich schaut entsetzt: „No break, let’s continue.“
Es war so schön. Es hat ur gut getan. Ich würde gern nur so Fotos machen. Herrlich!
Beck schweigt auch den Rest der Stunde. „Er war so unfassbar gut, dass ich wusste, es wird nur schlechter, wenn ich etwas sage.“ Das Shooting war ein Auftrag für Malkovichs Coaching-Programm „Hello Genius“. Als es vorbei ist, weiß Beck: Hier beginnt etwas Neues. „Ich habe mich gefragt: Wenn John Malkovich das kann, können das andere auch?“
Kabarettistin Lisa Eckhart zeigt körpersprachliche Vielfalt
© Lukas BeckRaum für den Wow-Moment schaffen
Sie können. Aus der Begegnung mit Malkovich, bei der es sich einfach ergeben hat, dass nichts gesprochen wurde, wuchs Lukas Becks radikales Porträtprojekt „ONE HOUR WITH“. Die Regeln sind einfach: Ein Mensch, ein Fotograf, eine Stunde. Und die Vereinbarung, nicht zu sprechen. Mehr als 30 Künstlerinnen und Künstler haben sich darauf eingelassen, darunter Josef Hader, Mavie Hörbiger, Dörte Lyssewski, Caroline Peters, Herbert Pixner und die hier Gezeigten. Die jüngste Teilnehmerin, Chormädchen Lili Gutdeutsch, war zwölf Jahre alt, der Älteste, Schauspieler Branko Samarovski, 85 Jahre alt. Das Ergebnis erscheint am 11. September 2026 als Fotoband.
Schauspieler Nicholas Ofczarek beim Spiel mit dem Licht
© Lukas BeckDass das Schweigen zum Prinzip seiner Arbeit wird, ist bei Lukas Beck kein Zufall. Seit Jahrzehnten fotografiert der Wiener Menschen. Bekannt wurde er Anfang der Neunzigerjahre mit einem Fotobuch über Ostbahn Kurti, später standen Kaliber wie Dennis Hopper oder Christopher Lee vor seiner Kamera. Seine Bilder erschienen in internationalen Medien und wurden unter anderem im Leopold Museum gezeigt.
Im Lauf dieser Jahre hat Beck eine Erfahrung gemacht: Je genauer der Fotograf weiß und sagt, welches Bild er will, desto geringer ist die Chance, ein Überraschendes zu bekommen. „Ich habe begriffen: Wenn ich meinen Horizont erweitern möchte, darf ich den Leuten nichts aufzwingen“, sagt Beck.
Schauspielerin Stefanie Reinsperger bedauerte, als die Stunde vorbei war
© Lukas BeckRegie führen mit dem Körper
„ONE HOUR WITH“ treibt dieses Prinzip ins Extrem. Dabei ist der Fotograf mehr als nur Beobachter. Gibt es keine Worte, erhält jede Regung Gewicht. „Das Spektrum der nonverbalen Kommunikation ist riesig und beeinflusst das Gegenüber“, erklärt der Fotograf. Geht er auf die Person zu oder weg? Fotografiert er viel oder wartet er ab? Schaut er durch die Kamera oder die Person an? Alles verändert, was die Porträtierten zeigen, hat Beck gelernt. „Ich gehe vorsichtig damit um, denn wenn ich in einem Moment der Unsicherheit den direkten Blick anwende, verstärke ich die Unsicherheit. Umgekehrt kann ein direkter Blick im richtigen Moment zum Wow-Moment führen.“ So groß ist die Konzentration, dass er während dieser Stunde selbst Rückenschmerzen nicht wahrnimmt.
Eine heilsame Erfahrung für Josef Hader
Und die Menschen vor der Kamera? Manche kommen vorbereitet, wie Nikolaus Habjan mit einer Maske seines Gesichts und inszenieren durchgängig. Manche, die leicht skeptisch waren, wie sich eine Stunde wohl füllen lasse, gehen voll darin auf.
Schauspieler Tobias Moretti rollte auf dem Boden herum und beschreibt, er fühlte sich wie ein Kind. „Es ist ein bisschen wie Therapiestunde. Ich wollte weinen“, sagt Regisseurin Kurdwin Ayub über das Shooting. Für Schauspieler Josef Hader war es heilsam: „Ich brauche einfach nur „ONE HOUR WITH“, wenn der Husten wiederkommt.“
An Lisa Eckhart, deren Bühnenfigur von enormer körperlicher Disziplin lebt, entdeckte Beck eine körpersprachliche Vielfalt, die weit über ihre bekannte Persona auf der Bühne hinausgeht. Bei Vater und Sohn Moretti beobachtete er interessanterweise eine ähnliche Körpersprache.
Zeigt sich in seinen Bildern also der „wahre“ Mensch hinter der öffentlichen Figur? Beck ist klug genug, das nicht zu behaupten. Schauspielerinnen und Schauspieler seien es gewohnt, Figuren zu spielen. Hier bestimmen sie selbst, was sie preisgeben, sagt er: „Was sie zeigen, zeigen sie. Und was sie nicht zeigen, zeigen sie nicht.“
Das Buch
Im Bildband „ONE HOUR WITH“ zeigt Lukas Beck Porträts von mehr als 30 Künstlerinnen und Künstler, die sich eine Stunde lang fotografieren ließen, ohne ein Wort zu sprechen. (Eikon)

Steckbrief
Lukas Beck
geboren 1967 in Wien, ist Fotograf und Filmemacher. Bekannt wurde er 1993 mit seinem Bildband über Ostbahn Kurti und die Chefpartie. Seither porträtiert er vor allem Menschen aus Musik, Theater und Kunst, darunter Willi Resetarits, Elfriede Jelinek und John Malkovich. Für sein Projekt „ONE HOUR WITH“ fotografiert er Künstlerinnen und Künstler jeweils eine Stunde lang, ohne mit ihnen zu sprechen.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 37/2026 erschienen.
