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Hans-Peter Profunser: „Ich tu’ einfach und schau’, was passiert“

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©Patrick Schuster

In seiner skulpturalen Arbeit sucht Hans-Peter Profunser nach dem perfekten Torso: Aus seinem Innersten schöpfend, ist er durch formale Fragmentierung versucht, durch Minimales das Maximale auszudrücken.

Atelierbesuch bei Hans-Peter Profunser

© VGN | Osama Rasheed

„Selbstgemacht“, offeriert Hans-Peter Profunser ein Glas eiskalten Aroniasaft. „Wie eigentlich fast alles, das irgendwie im Möglichen liegt.“ Und möglich ist im Falle des Künstlers so einiges. Vom Schatten der alten Ulme aus, unter der er an heißen Tagen wie heute am liebsten Zuflucht findet, deutet der gelernte Maschinenbauer in Richtung seines Ateliers. „Die Stahlblechfassade habe ich auch selbst gemacht.“ Seit ziemlich genau zehn Jahren ist der architektonische Kubus dahinter – ein gelungenes Zusammenspiel aus Sichtbeton, oxidiertem Cortenstahl und großzügigen Glasfronten – Inkubator seiner skulpturalen Ideen. Ein Geschenk an sich selbst: „Zum 60er“, so der heute 70-Jährige. „Meine gleichaltrigen Freunde, zumindest die Nicht-Künstler, haben damals alle bloß noch von ihren Pensionsvisionen gesprochen. Da habe ich eben ein Zeichen gesetzt, das mir jeden Tag aufs Neue zeigt: Es geht weiter.“

Tut es tatsächlich. Wenn um fünf Uhr morgens der Wecker läutet, wird hier um sechs Uhr die Maschinerie angeworfen. Spätestens aber um halb sieben. Problem ist das keines, wenn etwa das schrillende Quietschen des Steinbohrers das letzte Dunkel der Nacht vertreibt. „Das ganze ­Areal ist nämlich Gewerbefläche“, erklärt Profunser. „Im Umkreis von weit über einhundert Meter gibt es keine Nachbarn.“ Ein weiterer Vorteil des neuen Ateliers: „Früher habe ich in einem Nebengebäude unseres Wohnhauses gearbeitet“, zeigt er auf das Hochplateau vis-à-vis des Reißkofels, Profunsers Hausberg im Kärntner Berg im Drautal. „Und wenn du arbeitest, wo du wohnst, ist immer irgendetwas zu tun, das dich vom Arbeiten abhält.“ Rund eine halbe Stunde braucht er von dort oben ins Atelier. Mit dem Fahrrad, wohlgemerkt. „Damit ich noch irgendwie zum Sporteln komme“, schmunzelt Profunser. Dem Extrem­sport kehrte er mit der Geburt seines Kindes den Rücken.

Von ersten Gehversuchen

Damals war Profunser gerade 30 Jahre alt: „Gut möglich, dass die Bildhauerei da eine unterbewusste, aber willkommene Alternative war, um dem Drang nach körper­licher Verausgabung nachzukommen“, sinniert der Künstler, dessen gewichtige Materialien zwischen Eisen, Beton und Gestein oszillieren. Denn sie, die Bildhauerei, fand analog dazu Einzug in sein Leben. Und sollte es ebenso nachhaltig verändern wie die Geburt seines Kindes. „Ich habe damals in der Schweiz eine Ausstellung besucht“, erinnert er sich an den einen der beiden positiven Wendepunkte. Gezeigt wurden abstrakte Granitskulpturen, die das Feuer einer bis dato ungebrochenen Begeisterung entfachten. Ein inneres Gefühl machte sich breit: „Ich wusste sofort, dass hier Potenzial für mehr ist.“

Zurück in Berg im Drautal folgte der gebürtige Lienzer seiner Intuition. Aus Schwemmholz modellierte er mit einem alten Stemmeisen erste Skulpturen ab­strakter Natur. „Dazu habe ich aber nie so recht einen Zugang gefunden – die Ab­straktion hat mir einfach nicht entsprochen.“ Kurz darauf kaufte er im Baumarkt Spitzmeißel und Fäustel, um sich auf narrative Suche zu begeben. Das rohe Arbeiten mit den Händen liegt ihm. Bereits als Kind habe er immer gerne gebastelt. Um handwerklich aktiv zu sein, erlernte er zunächst den Beruf des Maschinenschlossers, der ihm technische Fertigkeiten erschloss, die später die Basis seiner Bildhauerei schaffen sollten. Als er sich mit seinen neuen Werkzeugen selbstsicher ans Gestein wagte, veränderte sich der formale Ausdruck grundlegend und dauerhaft. Der Mensch ist als Zentrum seiner künstlerischen Auseinandersetzung fortan wortwörtlich in Stein gemeißelt. Seine Kunst wurde zur immerwährenden Suche nach dem perfekten Torso: „Ich bin ein stetig Suchender.“

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Der Serpentin für Profunsers Torsi stammt vom Fuße des Großvenedigers

Das Wagnis einfach zu tun

Denn in der Kunst findet er Erfüllung. Sein formales Forschen ist dabei treibende Kraft – dessen Ende käme einem „absoluten Alptraum“ gleich. Schließlich fühle er sich immer dann am wohlsten, wenn er gerade etwas zu tun hat. Schließlich habe ihn das Tun immer schon mehr interessiert als die Theorie: Profunser ist Auto­didakt. „Das entspricht einfach viel eher meinem Wesen“, hält er fest. Zum besseren Verständnis seines Naturells zieht er den Vergleich: „Ich habe immer vom Segelfliegen geträumt“, holt er aus. Der Segelflugschein selbst oder gar der obligate Beitritt in einen Segelfliegerclub hatten dabei nie Reizvolles. Ganz im Gegenteil. Es war lediglich die Idee vom Tun, die ihn faszinierte. „Also habe ich mir kurzerhand einen Segelflieger bestellt, eine Seilwinde zum Starten gebaut und einen benachbarten Bauern gefragt, ob es in Ordnung wäre, wenn ich von seiner Alm aus starte.“ Wenig begeistert, erteilte ihm dieser die Erlaubnis – „aus Angst, dass ich mir einen noch schlechteren Ort dafür suchen würde“. Nach einmaligem Mitfliegen im Zweisitzer eines Bekannten, wagte Profunser seine ersten Flugversuche. Mit Erfolg, wie sich unschwer feststellen lässt. „Und genauso verhält es sich in meiner Kunst – ich tu’ einfach und schau’, was passiert.“

Ebenso faszinierend ist für den Künstler das Tun Gleichgesinnter. „Ich wollte immer wissen und verstehen, wie es die anderen in der Kunst schaffen“, erinnert er sich an seine Anfänge, die alles andere als leicht waren. „Deren Geschichten helfen dir, Mut zu schöpfen und dranzubleiben.“ Die zahlreichen internationalen Symposien, die er über die Jahre besuchte, waren für seine Kunst ebenso hilfreich wie die Freundschaft zum Salzburger Künstler Josef Zenzmaier. „Sein kompromissloser Einsatz für die Kunst hat mir wahnsinnig imponiert“, schwärmt er vom Zugang des Älteren. Es seien genau diese Erlebnisse, die einen im Leben weiterbringen. Und eben auch in der Kunst. Das Spannende aber: „Keine Lebensgeschichte ist gleich – somit muss letztendlich jeder seinen eigenen Weg finden.“

Fragmentierte Figuration

Da die abstrakte Suche eine wenig erfolgreiche war, führt sein Weg über die Figuration: „Der Mensch bietet die für mich befriedigendste Form der künstlerischen Auseinandersetzung“, so Profunser. So recht begründen lässt sich das nicht. Seit 40 Jahren ist der Akt für den Künstler eine Selbstverständlichkeit. Inspiriert von den Arbeiten Giacomo Manzùs und Alberto ­Giacomettis sei das Figurale ohnedies unumgänglich gewesen. Außerdem schien sein Weg vom Schicksal vorgezeichnet: „Jahre nachdem ich die Ausstellung in der Schweiz, die mich für die Bildhauerei sensibilisiert hat, besucht habe, habe ich festgestellt, dass das Museum ausgerechnet in der Geburtsgemeinde Giacomettis gelegen ist“, verweist der Künstler auf seine stelenartigen Betonmenschen, die in ihrer Ästhetik entfernt an jene Giacomettis erinnern. Mit dem grundlegenden Unterschied: Profunsers Torsi sind, so sie überhaupt ein Haupt tragen, gesichtslos.

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Profunsers fragmentierte Serpentin-Torsi sind Symbiose aus Vision und Zufall.

Schließlich ist seine Suche eine rein formale. Sein Vokabular ist dabei Ausdruck seines Innersten. Das Ergebnis des konsequenten In-sich-Hineinhorchens des steten Dialogs mit sich selbst, der während des künstlerischen Prozesses seinen Werkstoff mit einschließt und sich darauf überträgt. Somit sei der Torso aus narrativer Sicht völlig ausreichend. „Er erlaubt Offenheit im Endergebnis – ohne zu viel vorzugeben.“ Schließlich gehe es darum, dass die Betrachtung jedes Einzelnen eine individuelle Interpretation des Gesehenen zulässt; eine Vollendung der Geschichte. Aus ebendiesem Grund ist Profunsers Formensprache eine fragmentierte. „Ein anhaltender Versuch, immer weiter zu reduzieren.“ Sein Bestreben: „Durch das Minimalste das maximal Mögliche auszudrücken.“Profunsers fragmentierte Serpentin-Torsi sind Symbiose aus Vision und Zufall

Über Umwege ans Ziel

Der künstlerische Prozess dahinter ist ein emotional-intuitiver. „In der Kunst halte ich es wie früher am Berg: Eine ungefähre Route im Kopf, aber nicht wissen, wohin der Weg genau führt.“ Die Berge sind seit klein auf wesentlicher Eckpfeiler im Leben Profunsers. „Sie haben zwar keinen unmittelbaren Einfluss auf mein Schaffen, aber fest steht: Beim Gehen kommen die besten Ideen.“ Dabei sei es jedoch wichtig, sich nicht zur Gänze der Euphorie des erleuchtenden Augenblicks zu ergeben. Erst, wenn die Idee einer zweiten, kritischen Prüfung standhält, geht sie in die Umsetzung: Aktuell bearbeitet Profunser, der mit Beton, Eisen und Stein – für sich alleine aber oftmals auch kombiniert – arbeitet, Osttiroler Serpentin vom Fuße des Großvenedigers. „Schau“, zeigt er sein Steindepot im Freien. „Die Wahl des Rohmaterials folgt schon im Steinbruch immer einer Vision.“ Während er erklärt, zeichnet er mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand Umrisse auf das grob gebrochene Gestein, ohne es dabei zu berühren. Seine Stimme begleitet: „Schultern, Rücken, Gesäß und Schenkel“, wird die Anatomie sichtbar. „Ich mag es, wenn die Natur und der Zufall die Vorarbeit leisten.“ Bei geschnittenen Steinblöcken würde man schnell zu kopflastig. Profunsers Geheimzutat ist indes Bauchgefühl.

Im nächsten Schritt findet die Skizze ihren Weg direkt auf den Brocken, ehe der Künstler mit Meißel und Fäustel zur Tat schreitet und seine Vision auch für Betrachtende visuell nachvollziehbar wird. Dabei sei es entscheidend, auch mal von der Route abzuweichen, Umwege zu gehen, Zufälle zuzulassen und dabei nicht zu versteift am Ziel festzuhalten. „Ich mag es, überrascht zu werden – im positiven Sinne.“ Es gehe darum, auf das Material zu hören; auf das Unmittelbare vor sich zu reagieren. „Wenn Stücke wegbrechen, hat das direkten Einfluss auf den formalen Ausdruck – dann gilt es, den Ist-Zustand neu zu beurteilen und einfach zu schauen, was passiert.“

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Profunser nutzt seine Kunst als Ventil für Kritik: Die skulpturale Instal­lation „Die Vergessenen“ thematisiert politische Gefangene weltweit und ist Zeichen gegen das Vergessen

Kunst als Ventil für Kritik

Wichtig sei es, dass eine fertige Arbeit im Betrachtenden letztendlich ein Gefühl evoziere. „Ich sage immer, wenn ich etwas spüre, dann lebe ich und bin imstande zu erleben. Und genau darum geht es ja im Leben – deshalb möchte ich durch meine Arbeit Erlebnisse schaffen.“

Ganz uneigennützig ist Profunsers Kunst aber nicht: Während der letzten Jahre fand die Auseinandersetzung mit gesellschaft­lichen Verwerfungen und politischen Irrwegen immer stärkeren Einzug ins Œuvre. „Einen positiven Ausgang kann ich mir bei bestem Willen nicht mehr vorstellen“, zeigt er sich in Anbetracht der negativen Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit konsterniert. „All diese vergeudeten Möglichkeiten, die sich aus dem Fortschritt ergeben könnten, stimmen mich zutiefst betroffen.“ Längst dient ihm die nonverbale Artikulation im formalen Ausdruck seiner Skulpturen als persönliches Ventil. „Ich weiß, dass es im Großen und Ganzen nichts verändern wird – aber es hilft mir, meiner Sorge Ausdruck zu verleihen und die Last für einen kurzen Augenblick zu minimieren. Und wenn es mir dann auch noch gelingt, zum Nachdenken anzuregen, ist mein bescheidender Beitrag geleistet.“

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