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Shelly Kupferberg: Schreiben gegen das Vergessen

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©IMAGO/opale.photo

Die jüdisch-deutsche Autorin und Journalistin Shelly Kupferberg spricht mit News über ihren aktuellen Roman „Stunden wie Tage“, ihren Wiener Urgroßonkel, Antisemitismus und wie Schreiben ihr Leben verändert hat.

Mit dem Namen Kupferberg verband man bis vor zwei Jahren wohlfeilen Schaumwein aus Deutschland. Seit 2024 ist das anders. Damals hat die deutsche Radiomoderatorin Shelly Kupferberg „Isidor“ gefertigt, ihren ersten Bestseller. Mit der Sektkellerei verbinde sie lediglich der Name, stellt sie im Gespräch mit News klar. In den 1980er-Jahren sei sie noch oft darauf angesprochen worden. Heute zögere sie mitunter, ihren Namen zu nennen, denn er mache sie als Jüdin kenntlich. „Der Antisemitismus zeigt sich unverblümter, lauter. Da liegt eine gewisse Schwere über der eigenen Identität, die man nicht mehr so einfach preisgeben würde“, sagt sie.

Das aber ist bei ihr ohnedies nur begrenzt möglich, da sie als Radiomoderatorin zur öffentlichen Person geworden ist, und seit zwei Jahren auch als Autorin eines Bestsellers. „Isidor“ dokumentiert das Leben ihres Urgroßonkels, der es in Wien zur Zeit der Monarchie zum hohen Beamten brachte und von den Nazis ermordet wurde. Philipp Stölzl dramatisierte das aufwühlende Werk für das Akademietheater.

Jetzt legt Shelly Kupferberg mit dem furiosen Roman „Stunden wie Tage“ nach. Darin verknüpft sie zwei Leben: das der Berliner Hausbesorgerin Martha und das der Widerstandskämpferin Liane Berkowitz, Tochter von Marthas jüdischen Arbeitgebern. Beide Frauen haben tatsächlich existiert. Martha lavierte sich mit Nichtauffallen durch die Zeit des Unsagbaren und konnte so sogar das Eigentum der jüdischen Hausbesitzer retten, nicht aber deren Kind.

Antwort auf den Antisemitismus

Der Roman klingt wie die Antwort auf die heutige Zeit, auf den immer ärger werdenden Antisemitismus, Boykottmaßnahmen gegen Israel oder Rechtsextremismus. „Das ist mir beim Schreiben nicht so bewusst gewesen“, sagt die Autorin. Das Buch über den Urgroßonkel war gerade in der Endfertigung, als sie auf Marthas und Lianes Geschichte stieß: „Man beginnt eine Geschichte in einer Welt und dann endet man in der Politik.“

In die eine Welt führten sie ihre Recherchen über eine mysteriöse, betagte Dame, die in abgerissenen Kleidern durch den Berliner Bezirk Schöneberg strich. Gerüchten zufolge sei sie eine Millionärin, die ihren Reichtum verborgen halte. Manche erzählten, sie hätte sich das Haus über die Beziehung zu einem Nazi angeeignet. Aber nichts von alldem stimmte.

Bis in ihre letzten Jahre hatte die tief religiöse Martha ihre Geschichte verschwiegen. Shelly Kupferberg sprach mit Hausbewohnern, die Martha noch gekannt hatten. In ihrer Wohnung hatte sie einen Altar, an dem zwei Fotos hingen: eines von Papst Johannes Paul II., eines von Liane Berkowitz mit einer schwarzen Schärpe darstellend. Den Nachbarn gegenüber sprach sie zuweilen von ihrem „armen Lianchen“, sagte aber nicht, was es damit auf sich hatte. Die Geschichte übersteigt das Fassbare.

Martha kümmerte sich um die kleine Liane wie um ein eigenes Kind, wenn die Eltern keine Zeit hatten. Als die Nazis an die Macht kamen, gelang dem Vater die Flucht nach England. Liane war schon ein Teenager und schloss sich einer Widerstandsgruppe an. Als sie Flugzettel gegen das Regime verteilte, wurde sie festgenommen. Als werdende Mutter kam sie in ein Spezialgefängnis für Frauen. Nach der Geburt ihrer Tochter wurde Liane Berkowitz enthauptet.

Kupferberg wollte wissen, wer die Verantwortlichen waren, die Scharfrichter, die das Urteil sprachen und vollstreckten. Die Recherchen seien so hart gewesen, dass sie Pausen einlegen musste, beschreibt sie ihre Arbeit.

Steckbrief

Shelly Kupferberg

Shelly Kupferberg, 1974 in Tel Aviv geboren, wuchs in Berlin auf. Sie ist Journalistin und moderiert für Deutschlandfunk Kultur und RBB radio3. Ihr Buch über ihren Großonkel Isidor, einen Wiener Juden, wurde ein Bestseller. Philipp Stölzl dramatisierte es für das Akademietheater. Shelly Kupferberg lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Mit dem Grauen aufgewachsen

Dabei waren ihr die Gräuel nicht fremd. Als Tochter jüdischer Eltern in Tel Aviv geboren, hatte sie schon als Kind gelernt, mit dem Grauen umzugehen. Erzählungen über die Vernichtung der Juden begleiteten ihre Kindheit. Eine harte Lehre sei das gewesen. „Es gibt diejenigen, die gar nicht anders können, als sich damit zu befassen, weil sie damit aufwachsen sind und schauen müssen, wie sie das in ihr Leben integrieren, wo sie das abspeichern. Vielleicht packen sie es auch in einen Tresor, den sie nur bei Bedarf aufschließen, um damit umgehen zu können. Es gibt auch jene, die glauben, sie müssten sich damit nicht befassen, weil es für ihr Leben keine Rolle spielt. Ich glaube, da verläuft eine große Trennung“, skizziert sie die Lebensoptionen der Nachgeborenen.

„Was Isidor anlangt, wusste ich alles. Diese dunklen Seiten waren mir bekannt. Damit hatte ich einen Modus, emotional damit umzugehen“, blickt sie auf ihr erstes Buch zurück. Und was empfindet sie, wenn sie durch Wien oder Berlin geht? „Im Vergleich zu Wien ist Berlin protestantisch, preußisch. In Wien wirkt alles vollkommen übertrieben, aber diese üppige Schönheit mit dem Abgründigen dahinter ist auch für mich, je älter ich werde, so etwas wie ein Faszinosum.“

Und weiter: „Das Abgründige zeigt sich für mich eher über einen ganz persönlichen Schmerz, den ich wahrscheinlich über diesen Wiener Zweig der Familie vererbt bekam. Diese Ambivalenz, die Sehnsucht nach dieser Schönheit, die habe ich bei meinem Großvater immer gespürt: dass er sich wahnsinnig zurückgesehnt hat in diese unglaubliche Üppigkeit.“

Hat das Schreiben als Kulturjournalistin ihr Leben verändert? „Ich sehe viel mehr Geschichten in der Welt. Wie sagt meine Freundin Donna Leon so gerne? Everything is material. Also alles kann Material sein.“ Je mehr, desto besser, wenn es an eine Autorin wie Shelly Kupferberg gerät.

Das Buch

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Das Buch

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 15/2026 erschienen.

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