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Florentina Holzinger: „Der weibliche Körper ist eine Waffe“

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Florentina Holzinger©Photography by Katia Wik

Bei ihren Vorstellungen kollabieren regelmäßig Besucher. Ihre Auftritte absolviert sie immer nackt. Für die einen ist die Wiener Künstlerin Florentina Holzinger die blanke Provokation, für die „New York Times“ der stärkste Magnet. Für die Wiener Festwochen belebte sie Hermann Nitschs Schloss in Prinzendorf. Mit News spricht sie über Schmerz, Provokation und Unterhaltung.

Als auf der höchsten Zinne des turmhohen Hotels Intercontinental eine nackte Frauengestalt sichtbar wird, verstummen die 900 Besucher auf dem Gelände des Wiener Eislaufvereins. Um die Mitte trägt die Frau einen Gurt, der sie mit einem Seil verbindet. Der schutzlose Körper kippt auf 39 Metern Höhe in die Horizontale und steigt waagrecht die Fassade hinab.

So beginnt Florentina Holzinger, begleitet von den Harfenklängen und Schlagwerkrhythmen ihrer entblößten Musikerinnen, ihr „Pfingstspiel“, eine Produktion der Wiener Festwochen und der Nitsch Foundation. Bevor das Publikum mit den 32 Performerinnen per Bus zum Hauptakt auf Schloss Prinzendorf, aufbricht, dreht Florentina Holzinger auf dem Dach eines rasend rotierenden Sportwagens mit einem funkensprühenden Eisenstachel in den Wangen wilde Pirouetten.

Das Prinzip gleicht ihrer Installation „Seaworld Venice“ bei der aktuellen Kunstbiennale, wo sie als lebender Glockenschlägel ihre Performance im österreichischen Pavillon einläutete. Spektakuläre Stunts und das Ausloten von Schmerzgrenzen sind stets Teile ihrer Arbeit. Weshalb, erklärt sie im Gespräch mit News, zu dem man sich im Nitsch Museum in Mistelbach verabredet.

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Seaworld Venice: Florentina Holzinger überflutete den österreichischen Pavillon. Zur vollen Stunde erzeugt eine Performerin auf einem Jetski einen hohen Wellengang.

 © APA-Images / APA / NICOLE MARIANNA WYTYCZAK

Mit dem Pfingstspiel setzten Sie die Tradition Hermann Nitschs fort. Haben Sie ihn persönlich kennengelernt?

Nein leider nie. Als 15-Jährige kam ich auf Valie Export. Sie zeigte sehr scharf, dass der weibliche Körper nicht nur ein leicht konsumierbares Objekt ist, sondern auch als Waffe benutzt werden kann, und hatte dabei Humor.

Was treibt Sie bei Ihren extremen Performances an? Sind die als eine Art feministischer Kampf zu verstehen oder ausschließlich als Kunst?

Das Feministische ist ein Beiprodukt, in dem Sinn, dass wir uns viel Freiheit nehmen, die Dinge zu tun, die man als Frau eigentlich nicht tut. Das wird dann sehr oft feministisch gedeutet. Das stört mich gar nicht. Meine Arbeit hat viel mit Fantasie und Poesie zu tun.

Egal, ob im Theater, in der Oper oder beim Tanz, geht es immer um ein Thema, an dem ich mich abarbeiten will

Florentina Holzinger

Gibt es Momente, in denen Sie sich sagen, jetzt ist es zu viel, ich kann nicht mehr?

Das hatte ich noch nie. Das ist ja der Luxus einer Künstlerin. Man kann sich von Projekt zu Projekt immer selber definieren und überlegen, was man als Nächstes machen will. Ich suche mir nicht etwas aus, das mich quält, sondern Dinge, auf die ich wirklich Lust habe. Die Glocke ist für mich jetzt Teil meines Repertoires. Ich mag es, jede Stunde hochzuklettern und die zu läuten. Das ist für mich keine schmerzvolle Erfahrung. Ich gehe ja auch gern zum Sport und hatte jahrelang Tanzunterricht.

Tragen Sie einen Gehörschutz in der Glocke?

Ich nicht, denn ich bin durch viele Mittel­ohrentzündungen fast taub. Daher empfinde ich das nicht als laut. Aber manche von uns tragen einen Gehörschutz.

Sie arbeiten in der Oper, im Tanz, ihre Performances wirken wie Kompositionen. Ihre Arbeit würde den Begriff Gesamtkunstwerk rechtfertigen. Sehen Sie das auch so?

Warum nicht? Aber egal, ob im Theater, in der Oper oder beim Tanz, geht es immer um ein Thema, an dem ich mich abarbeiten will. In Venedig war das klar. Da geht es ums Wasser, um Ressourcen, um Überflutungen, um die ökologischen Aspekte in Bezug darauf und auch um diese Mechanismen von Ausbeutung und unsere Teilhabe daran. Es geht darum, das sichtbar zu machen, ohne aber jetzt moralisch zu sein. Meine Herangehensweise ist stark choreografisch. Auch der Teil mit dem Jetski ist eine Choreografie.

Haben Sie die Runden, die ihre Performerin im Pavillon damit zurücklegt, genau festgelegt?

Ganz genau. Das ist ein extrem komplexes und vielschichtiges Motiv, eine Art mythologische Aufarbeitung. Im Endeffekt geht es darum, die Oberfläche eines stillen Wassers zu brechen und einen hohen Wellengang heraufzubeschwören. Natürlich geht es auch um die Symbolik des Jetskis, dieses sehr verrufenen, umweltschädlichen, lauten, motorisierten, in dem Kontext bedrohlichen Objekts. In den meisten Teilen Italiens ist dessen Nutzung sogar illegal. Wir zeigen aber auch den Teufelskreis dieser Person, die da in so einem endlosen Loop gefangen ist.

Was hat es damit auf sich, dass alle Performerinnen nackt agieren?

Die Nacktheit im Pavillon ist eine Referenz zum liegenden weiblichen Akt, der in Venedig seine Geburtsstunde hatte und von dort ins Zentrum der europäischen Kulturgeschichte katapultiert wurde.

Sie operieren fast ausschließlich mit lebenden weiblichen Akten. Einen der bekanntesten, Courbets Gemälde „Der Ursprung der Welt“, haben Sie in einer ihrer Arbeiten eingesetzt. Wie sehen Sie als Künstlerin den weiblichen Akt?

Der Unterschied zwischen dem, was wir machen, und jenen Aktmalereien aus der Renaissance und anderen Epochen ist für mich, dass in den Museen stets eine sehr passive Muse dargestellt wird. Speziell in den Venedig-Museen trifft man ständig auf diese nackten Frauen, die in einer kompletten Passivität dargestellt sind. Ein Akt ist das Sinnbild der objektifizierten Frau, die schön anzuschauen ist oder eine Allegorie ist für die Schönheit oder die Natur. Sie ist auch etwas Erotisches. Bei diesen Akten geht es darum, dass diese Muse vom männlichen Betrachter angesehen wird. Die schlummernde Venus ist eine der berühmtesten liegenden Akte und wurde von Giorgione 1510 gemalt. Bei uns wird sie aufgeweckt und selber zur Akteurin, zum Mittelpunkt des Geschehens. Das fasziniert uns definitiv sehr. Wir arbeiten uns ja schon seit 20 Jahren an Nacktheit ab.

Ist die Aktmalerei eine Ausrede für pornografische Darstellungen?

Ja, da geht es natürlich auch um einfach konsumierbare weibliche Körper. Wir machen die Konsumierbarkeit nicht so einfach.

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Provokation im Theater: Szene aus „A divine Comedy“, ruhrtriennale 2021 (Bild links), Courbet paraphrasierend. Rechts: Pfingstspiel in Schloss Prinzendorf

 © Nicole Marianna Wytyczak
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 © Nicole Marianna Wytyczak

Kalkulieren Sie in Ihre Arbeit ein, selbst betrachtet zu werden, oder wollen Sie die Betrachter mit Ihren Lustgefühlen überführen?

Ja definitiv. Wir arbeiten oft mit einer Art überstilisierter Objektifizierung. Wenn man sich zum Beispiel selber als Glockenklöppel präsentiert, ist das für mich ein starkes selbstermächtigendes Bild. Im Endeffekt ist darin auch die Geschichte der Kirche und ihr Frauenbild dargestellt.

Sehen Sie sich da mehr als bildende Künstlerin oder als Regisseurin?

Die Erfahrung mit Theater spielt für mich eine wichtige Rolle, auch in Venedig. Wir alle stellen auch Klofrauen dar, also einen extrem vielschichtigen Archetypus. Die Klofrau ist so ein bisschen die Wächterin zwischen Kultur und Natur. Das heißt, an der Klotür hört die Kultur auf. Dahinter ist der Mensch gleich mit dem Tier, da findet statt, was man draußen nicht sehen soll. Die Klo­frau ist die unsichtbare Dienstleisterin, meistens mit migrantischem Hintergrund. Für mich war es extrem faszinierend, wie sich das Kunstpublikum zu den Klofrauen verhält. Sie nehmen zunächst gar nicht an, dass diese Performerinnen sind und behandeln sie herablassend. Aber wenn sie dann plötzlich verstehen, dass es um Performerinnen geht, lassen sie sie in der Hierarchie viel weiter aufsteigen.

Fragen die Leute dann nach Autogrammen?

Auch das, aber die gängige Frage ist: Wann ist denn die Performance von Frau Holzinger? Und das, während ich ihnen zu Füßen ihre Klobrille schrubbe. Das ist für mich die perfekte Art, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten.

Was Leute provoziert oder auch schockiert, ist eher, dass sie etwas sehen, was sie in so einem Zusammenhang noch nicht gesehen haben

Florentina Holzinger

Wollen Sie mit Ihren Arbeiten provozieren?

Wir sind in den sozialen und überhaupt in den Medien ständig von sehr gewaltsamen, realen Darstellungen von Kriegen und deren Opfern umgeben. Mir können Leute nicht sagen, dass sie von unseren Dingen, die offensichtlich in einem extrem kontrollierten Umfeld vonstattengehen, schockiert sind. Was Leute provoziert oder auch schockiert, ist eher, dass sie etwas sehen, was sie in so einem Zusammenhang noch nicht gesehen haben.

In Venedig ist für den Mainstream schon schockierend, dass da eine lebende nackte Person, die sich bewegt oder sie mit Wasser anspritzt, vor ihnen steht und keine Skulptur. So eine Art von Schock finde ich notwendig, um die Leute mit sich selber und auch mit der Realität zu konfrontieren. Wir müssen alle versuchen, mit der Realität zurechtzukommen, mit beständiger Veränderung und mit einer gewissen Fragilität und im Endeffekt mit unserem eigenen Tod.

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 © Mayra Wallraff

Sie haben schon schwere Unfälle* überstanden. Haben Sie denn keine Angst, wenn Sie sich an einem Haken n der Haut hochziehen lassen oder in einer Glocke schwingen?

Ich bin nicht weniger ängstlich als jede andere Person auch und habe Flugangst wie viele andere auch. Aber ich nehme die Vorbereitung für meine Arbeit sehr ernst. Ich würde nicht in eine Glocke klettern, wenn ich das Gefühl hätte, dass ich das nicht unter Kontrolle habe. Für alles gibt es bei mir ein striktes Protokoll. Niemand soll gequält werden, alle müssen sich gut und auch fit fühlen. Ich bin für ein großes Team verantwortlich und mache mir weniger Sorgen um mich selber als um meine Leute. Wir spielen damit, dass vieles bei uns aussieht, als würden wir ein Risiko eingehen, aber das ist nicht so.

Das Fachpublikum stand in den ersten Tagen stundenlang Schlange vor dem österreichischen Pavillon. Aus Protest gegen die Teilnahme Russlands ist die Jury zurückgetreten. Schmerzt Sie die verlorene Chance auf einen Löwen?

Preise sind immer gut, denn sie machen die Arbeit leichter, man kann davon ausgehen, dass man mit einem Preis wieder eine Förderung bekommt, oder es ergeben sich dadurch neue Angebote. Aber als Künstlerin liegen mir dieses Wettbewerbsdenken und auch diese Nationalitätenschau fern. Insofern war ich erleichtert.

Es sind viele Künstler und Künstlerinnen hier, die ich sehr wertschätze. Man kann nicht gegeneinander antreten. Es geht auch wirklich am Sinn vorbei, eine Kunstausstellung wie Olympische Spiele zu behandeln. Wir haben uns auch von dem Besucher-Löwen* zurückgezogen, aus Solidaritätsbekundung der ehemaligen Jury gegenüber.

Wie wirkt sich die aktuelle globale Situation auf Ihre künstlerische Arbeit aus?

Das ist aus vielerlei Hinsicht ein großes Thema für uns geworden. In Deutschland, wo wir sehr oft arbeiten, hat sich das insofern extrem bemerkbar gemacht, als plötzlich die Kulturförderung gekürzt wird und dieses Geld ins Militär, in die Aufrüstung investiert wird. Dieses Pfingstfestspiel ist für uns ein starkes Antikriegsmanifest. Und für das nächste Jahr erarbeiten wir ein Kriegsrequiem.

Das von Benjamin Britten, vielleicht für die Festwochen?

Britten war schon von jemand anderem reserviert. Also komponieren wir unser eigenes. In Wien wird es auch zu sehen sein.

Haben Sie Bedenken, dass es bald Epigonen Ihrer Arbeit geben wird oder dass Sie in Prinzendorf selbst als Epigonin gesehen werden?

Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. In Prinzendorf arbeiten wir auch mit einer starken Referenz zu Nitsch-Bildern. Aber unsere Praxis ist eine ganz andere zu einer anderen Zeit mit anderen Menschen. Darüber muss man sich keine Sorgen machen, wenn man seiner Arbeit treu bleibt.

Was wünschen Sie sich für Ihre Vorstellungen? Wie soll sich das Publikum nachher fühlen?

Ich wünsche mir natürlich schon, dass es nicht nur für uns eine ermächtigende Erfahrung ist, sondern auch für unser Publikum, dass neue Räume, neue Perspektiven geöffnet sind. Die Leute sollen auch gut unterhalten worden sein und vor allem zum Denken angeregt.

Steckbrief

Florentina Holzinger

Florentina Holzinger, geboren am 8.Jänner 1986 in Wien, ist Choreografin, Regisseurin und Performancekünstlerin. Sie studierte an der School for New Dance Development (SNDO) in Amsterdam. Dem Wiener Publikum wurde sie durch ihre Performances beim Festival Impulstanz bekannt. Ihre Produktion „Sancta" nach Paul Hindemiths „Sancta Susanna" wurde von Theaterkritikern zur Aufführung des Jahres 2024 gekürt. In diesem Jahr vertritt sie Österreich bei der Kunst-Biennale in Venedig. Die Wiener Performance-Künstlerin lotet in allen ihren Arbeiten die Grenzen des Erträglichen bei sich selbst und ihrem Publikum aus. Ihre Auftritte provozieren

Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 22/2026 erschienen.

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