Welch schönes Wochenende! Zehn Stunden lang habe ich als Mitglied einer Jury Gesangstalenten zugehört. Die Resultate waren berückend und doch bedrückend: Die jungen Leute kamen zwar aus den Wiener Kunst-Universitäten. Aber Österreicher traten unter ferner sangen an.
Jetzt habe ich mich wochenlang über unsere kunstfernen Politbarbaren ereifert. Darf ich es heute sentimental angehen? Ich stehe nämlich noch unter dem Eindruck eines Abschlusskonzerts, dem ich als Juror verpflichtet war. Den Vorsitz führte der namhafte Bariton Adrian Eröd, mit mir amtierten Sänger, Stimmpädagogen, Kulturmanager und der Alt-Operndirektor Dominique Meyer.
Der Gesangswettbewerb in den kleinen Sälen des Musikvereins ist mir ans Herz gegangen. Wurde er doch, dotiert durch die Mäzenin Hedda Urbani, vom Verein der Freunde der Wiener Staatsoper ausgerichtet, den ich vor 50 Jahren als besessener Stehplatzler mitbegründet habe.
Unsere Besetzung damals blieb in Folge nicht unbemerkt: Georg Stingl habilitierte sich als Dermatologe von Weltrang, Georg Springer saß den Bundestheatern vor, Traude Klöckl leitete das Staatsopernballett, Thomas Cubasch gründete den Verlag „der Apfel“. Und ich? Gab am Wochenende den Jury-Methusalem, indem ich zehn Stunden lang den 25 Verbliebenen aus 200 Einreichungen lauschte.
Ganz wenig Österreich
24 von ihnen kamen aus der Musik-Uni und dem Konservatorium in Wien, und die Statistik stimmt nachdenklich: Zehn der 25 entstammen dem asiatischen, sieben dem osteuropäischen Raum. Die beiden teilnehmenden Österreicher? Unauffällig. Gewonnen hat die einzige nicht in Wien Ausgebildete, die lettische Sopranistin Etina Saulite, die mit ihren nicht vorstellbaren 20 Jahren schon eine Kinderproduktion an Meyers Mailänder Scala bestritten hat.
Beim Konzert zauberte sie die Mimi aus „La Bohème“ und die Lisa aus „Pique Dame“ in den Stand technischer und gestalterischer Makellosigkeit. Alles unter Einsatz eines edlen, dunkel leuchtenden, in der Höhe explodierenden Materials, das beim ersten Ton auf seiner Unverwechselbarkeit besteht. Und das in Zeiten, da die Gesangslehrer den ihnen Anvertrauten aus Anpasslerfeigheit jede Eigenart austreiben. Wenn sie es mit Vernunft statt Selbstausbeutung angeht, reift sie auf schnellem Weg in die Weltklasse.
Den zweiten Platz belegte die Sopranistin Eunhye Kwon, eine 28-jährige Südkoreanerin im Besitz prachtvollen Materials, einer auch vor Mozart unerschrockenen Technik und der vielleicht höchsten Intensität des Abends: kein Pin-up, wie es von Direktoraldodeln für karriereerforderlich gehalten wird, dafür die überzeugendste Entkräftung des Vorurteils, Asiaten könnten europäische Musik bloß mechanisch reproduzieren.
Notabene: Unter den acht Finalisten hätte ich gern auch die japanische Mezzosopranistin Hazuki Hirano gesehen, die tags zuvor minutenschnell, mit größter Selbstverständlichkeit, von Rossinis „Barbier“ zum „Rosenkavalier“ umschalten konnte. Oder den südkoreanischen Bariton Jihun Kim, dem das nämliche Fulminanzstück mit Rossini und Wagner gelang. Auch den polnischen Mezzo Kornelia Szcypka konnte ich leider nicht durchbringen.
Westeuropäischer Dünkel
Lehrt uns das, was Rudolf Buchbinder den „westeuropäischen Dünkel“ nennt? „Bei mir“, sagte er, „sitzen in China 3.000 Menschen im Saal. Die Hälfte sind Junge und Mütter mit Kindern. Das Signieren dauert eine Stunde, Kinder wollen ein Foto mit mir. Das ist so schön, dass ich manchmal weine.“
Sie gestatten, dass ich formlos mitweine? In Asien und den Ländern des früheren Ostblocks eifert jedes Kaff um die Heranbildung künstlerischer Exzellenz. Bei uns? Musste sich die Rektorin der Linzer Kunst-Uni als Präsidentin der Universitätenkonferenz vor einer Woche mit Abfälligkeiten nach Hause schicken lassen, und das von einer offenbar unqualifizierten Fachministerin.
Die Musik spielt derweil in Peking, Seoul und Riga. Bis es in unserer Kulturnation still wird
Ein anderer als Minister programmierter Bot, der pinke Bildungsschreck Wiederkehr, dilettiert an der humanistischen Substanz, auf der unsere gesamte Kulturgeschichte beruht. Schon ich musste mich vor einem Jahrtausend zwischen Musik und Zeichnen entscheiden. Später wurde dann namens der Zentralmatura der Literaturunterricht weggeräumt. Die Musik spielt derweil in Peking, Seoul und Riga. Bis es bei uns still wird.
Da packt mich wieder der Zorn, dabei hatte ich Ihnen doch Sentimentalitäten versprochen. Bitte sehr: Stellen Sie sich vor, die News-Redaktion ist übersiedelt, nach 25 Jahren vom Schwedenplatz ins tiefere Erdberg! Was ich alles an Erinnerungen zurücklasse, darüber reden wir vielleicht ein anderes Mal. Aber die neue Destination, direkt an der stark befahrenen Erdberger Lände und doch inmitten des sommerduftenden Leonie-Rysanek-Parks!
Der Rysanek-Park
Leonie Rysanek, eine Gottähnliche meiner Stehplatzzeit: Sie kam nahe unserem heutigen Standort als Hausmeisterkind zur Welt und entwickelte einen Sopran von nicht gänzlich kontrollierbarer Urgewalt, die bisweilen schmerzendes Distonieren zur Folge hatte. Für unsere halbzärtlich so genannte „Poldi“ reichte es trotzdem zum Dreijahrzehnte-Idol an der New Yorker „Met“.
Nie vergesse ich, wie wir ihr 1971 in einem verschrottungsbedürftigen VW-Bus nach München nachfuhren, zu ihrer ersten Salome. Die Rolle ist das, was man einen Hund nennt, lang hatte sich die Poldi der Herausforderung verweigert und noch vor der Premiere beim Bühnentürl ernste Bedenken geäußert. Zwei Stunden später war sie unter den Schilden der judäischen Palastwache begraben. Der Vorhang fiel, und keine Hand wagte sich zu rühren. Totenstille, zehn, 20, 30 Sekunden lang. Dann brach das Haus unter einem Jubelsturm zusammen, die Poldi ging heulend in die Knie und war für das nächste Jahrzehnt der Maßstab aller Tetrachentöchter.
Verstehen Sie, dass ich nicht ungern im Leonie-Rysanek-Park Logis genommen habe?
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 23/2026 erschienen.







