Die Wissenschaft soll eine Milliarde verlieren. Die ahnungslose rote Ministerin, die von Babler und Marterbauer ins Verhängnis geschickt wurde, ist gründlich beschädigt. Wie man einen Standort nachhaltig ruiniert, kann hier studiert werden.
Ich fürchte, dass ich, der sprichwörtlich gepeinigte SPÖ-Stammwähler, Sie mit der folgenden Pointe schon öfter behelligt habe. Erst vor Wochenfrist habe ich sie wieder angebracht, und dem apostrophierten roten Politiker ist ein gequältes Lächeln entkommen. „Ich wähle“, so habe ich ihm versichert, „die SPÖ bis zum letzten Atemzug. Fragt sich nur, wessen letzter Atemzug.“
Das frage ich mich jetzt ernsthafter als noch vor einer Woche. Habe ich da nicht Andreas Babler gegen das ihm zugedachte, leicht zuordenbare Kampagnenbombardement verteidigt? Der Einzige unter den realistischerweise infrage kommenden SPÖ-Vorsitzenden sei er, der mit der FPÖ nicht koalieren könne, weil er sich sonst seines Existenzberechtigungsnachweises entledigen würde. Überdies, so fügte ich hinzu, habe er ein paar bescheidene sozialpolitische Benefizien durchgesetzt und eine herzeigbare Ministerbesetzung formiert.
Und jetzt? Verflüchtigt sich das komplette Überdies mit Riesenschritten. Die Babler’schen Besetzungscoups haben sich bisher weitgehend in der Lichtgestalt des Finanzministers materialisiert. Einige fanden auch die Frauenministerin Holzleitner erfrischend: verkörpere sie doch die fällige Emanzipation „junger, lauter Frauen“!
Wissenschaft am Abgrund
Aber wann konnten Sie zuletzt einem heimischen Politiker derart grausam beim Verstummen zusehen wie der Frauenministerin, kaum dass sie in ihrer offenbar bagatellisierten Zweitfunktion gefragt war? Das Wissenschaftsressort einer fachlich ahnungslosen Berufspolitikerin quasi als Hobbymaterie umzuschnallen, gleicht schon einer Verachtungsbekundung der Zukunft des Landes gegenüber. Aber wie man die Ministerin derart ungeschützt, mit dem Kopf voran, ins Unglück rennen lassen konnte: Das müssen mir die Herren Babler und Marterbauer erst erklären.
Auch, von wem sie nun noch gewählt zu werden gedenken: Die Jungen gegen die Alten auszuspielen, indem man den Universitäten eine Milliarde streicht, scheint zwar etwas schlicht gedacht, aber nachvollziehbar. Leider laufen aber die Alten scharenweise zu Kickl über, weil man ihnen die Pensionen kürzt, damit sich wohlhabende Erben weiterhin nicht beim Sozialmarkt versorgen müssen.
Die Politgeneration Andi hat der fatalen Entscheidergeneration Evi, Sigi, Karo, Chris nichts mehr entgegenzusetzen
Was dem Wissenschaftsstandort unter den sich anbahnenden Bedingungen droht, können Sie überall nachlesen. Auch die Eckdaten der Demonstrationen, auf denen wir uns gern weiter austauschen können, werden gewiss zeitgerecht publiziert. Wenn Sie möchten, können wir auch noch ein paar Gedanken auf die visionären Wissenschaftsminister Firnberg, Scholten, Busek, Töchterle oder Faßmann verwenden.
Aber erst großmäulig den Opfern der Trump’schen Analphabetisierungskampagne Asyl anzubieten und sie dann auf Grundversorgung zu stellen, das ist dreist. Nicht zu reden davon, wie jetzt die Dämme brechen: Schon werden neben Tausenden Stellen für Spitalsärzte auch die sogenannten „Orchideenfächer“ zur Diskussion gestellt – Ägyptologie, Tibetologie, Judaistik! Statt sich gemeinsam gegen die Politbarbaren zu stellen, wird der naturwissenschaftliche Nützlichkeitsdünkel gefüttert.
Zeilinger, Hengstschläger
Dabei können Sie etwa den Physiknobelpreisträger Zeilinger gar nicht nachhaltiger als mit dem Orchideengefasel verärgern. Er selbst, sagte er mir, habe Jahrzehnte ins Unmessbare, Unausdenkbare fantasiert und dabei viel Geld abschreiben müssen. Nur, dass er dann die Welt verändert hat. Den zugehörigen Begriff bringt der Humangenetiker Markus Hengstschläger ein: Serendipität ist die Fähigkeit, entlegenste Wissensgebiete zu durchstreifen, um aus heiterem Himmel vom Blitz der Erkenntnis getroffen zu werden.
Zeilinger wiederum verdanke ich die Conclusio: Statt in den Schulen Millionen künftiger Computerfachleute darauf vorzubereiten, sich binnen einer Viertelgeneration wegzuprogrammieren, möge man in jeder mittleren österreichischen Stadt ein humanistisches Gymnasium mit vier Jahren Altgriechisch etablieren. Gebildete würden dann dem neoliberalen Ausbildungsziel, funktionierende Idioten in den Wirtschaftskreislauf einzuspeisen, mit Glück widerstehen.
Elite gegen Dilettanten
Aber wie das einer Generation offen inkompetenter, ihre Unbildung stolz vor sich hertragender Berufspolitiker erklären? Als Holzleitners rosarotes Pendant, der Bildungsminister Wiederkehr, den Lateinunterricht niedersäbeln wollte, ist ihm die Elite in die Parade gefahren. Fassungslos war er, welchen Quell des Missbehagens er mit dem populistischen Unsinn im scheinbaren Orchideensegment angestochen hatte. Nun will er die Begabten sechs statt vier Jahre zu den Analphabeten in die weitgehend unbewohnbaren Volksschulen sperren.
Zustimmung findet und fand er bei der Wissenschaftsministerin, die ihm gleich Unterstützung bei der Marginalisierung des Latinums zusicherte. Und die grüne Wissenschaftssprecherin Maurer? Jubelte „supi“. In Salzburg hat derweil Landeshauptfrau Edtstadler als Rückstand des Schreckenskabinetts Kurz den höchstbefähigten Festspielintendanten Hinterhäuser abmontiert, weil er sich über sie lustig gemacht hat. Alles mit desinteressierter Duldung der SPÖ unter dem Ressortamateur Babler, womit ich schon wieder beim Anfang bin.
Evi, Sigi, Karo, Chris: Angst und bang wird einem bei der neuen Entscheidergeneration, der die Politgeneration Andi nichts mehr entgegenzusetzen hat.
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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 22/2026 erschienen.
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