„Grass Babies, Moon Babies“ von Ei Arakawa-Nash im japanischen Pavillon
©Getty ImagesEine nackte Performerin als menschlicher Glockenklöppel, mehr als 200 Babypuppen im japanischen Pavillon und riesige Luster aus Marshmallows in einem halb verfallenen Palazzo: Die Biennale in Venedig zeigt auch heuer wieder, wie seltsam, schön und verstörend Kunst sein kann. Sechs Ausstellungen und Orte, über die man in Venedig gerade besonders viel spricht.
Der meistdiskutierte Pavillon


Glocken, Körper, Grenzüberschreitungen
Lange Schlangen vor dem österreichischen Pavillon gehören heuer zum fixen Bild der Biennale. Das liegt auch daran, dass auf die kleine Plattform, von der aus man die Performance beobachten kann, nur wenige Besucher gleichzeitig passen. Florentina Holzinger zeigt dort mit „Seaworld Venice“ die wohl radikalste Arbeit dieser Biennale. Zu jeder vollen Stunde hängt eine nackte Performerin kopfüber als menschlicher Glockenklöppel an einer riesigen Glocke.
Gegenüber harrt in einem gläsernen Wasserbecken eine Taucherin mit Sauerstoffgerät aus und beobachtet das Publikum. Das Wasser im Tank wird – so die Erzählung – aus zwei daneben stehenden Dixi-Klos samt angeschlossener Kläranlage gespeist. Besucher werden aufgefordert, die Toiletten zu benutzen – und tun das erstaunlich bereitwillig. „Please sit down. No shitting. No paper in the toilet“, steht vorsichtshalber auf der Klotür.
Holzinger, die ursprünglich aus der Theater- und Performanceszene kommt, gilt als eine der kompromisslosesten Künstlerinnen Europas. Für entsprechend viel Furore sorgt ihr Beitrag auf der Biennale. Nackte Performerinnen ziehen sieben Stunden am Tag auf Jetskis ihre Kreise, turnen über einem Wasserbecken an einer Stange oder versuchen sich im Bogenschießen. Für die einen ist das die mutigste Arbeit der Biennale. Für andere reine Provokation. Ignorieren kann man die Ausstellung jedenfalls nicht.
Ein Interview mit Florentina Holzinger über Nacktheit und die Kunst der Provokation lesen Sie hier
Der stillste Ort


Kunst im Kirchenschiff
Mitten im Castello-Viertel liegt die entweihte Chiesa di San Lorenzo. Heuer ist hier die Ausstellung „Tide of Returns“ zu sehen – eine vielschichtige Schau über koloniale Geschichte und Erinnerungskultur. Im Zentrum der Kirche erstreckt sich eine künstliche Strandlandschaft, bevölkert von Tausenden winzigen Figuren.
Dahinter steht das „Repatriates Collective“, das sich mit Fragen von Rückforderung, Besitz und Restitution auseinandersetzt. Große schwarze Sitzsäcke laden dazu ein, in diesem stillen, fast meditativen Raum zu verweilen. Im hinteren Teil der Kirche breitet sich eine textile Landschaft aus Stoffbahnen in Aquamarin und Schwarz aus.
Dazu hallen Klanginstallationen durch das Kirchenschiff. Am stärksten wirkt allerdings der Ort selbst: die hohen, fast kahlen Wände, das Licht, das von oben einfällt. Die Kirche wurde im 9. Jahrhundert gegründet und verfiel danach über Jahrzehnte. Heute wird sie als Kulturort neu belebt. Der Legende nach soll hier auch Marco Polo begraben sein.
Der verborgenste Biennale-Ort


Ein Raum. Ein Bild
Eigentlich hätte Gottfried Helnweins monumentales Fastentuch „O Lamb of God“ im Wiener Stephansdom gezeigt werden sollen. Nach Protesten wurde die Präsentation abgesagt.
Nun hängt die raumgreifend beeindruckende und berührende Arbeit im Rahmen der Biennale in der St. George’s Anglican Church nahe Campo San Vio. Gezeigt wird nur dieses eine Werk, ergänzt um einen von Helnwein gestalteten Marmoraltar. Man läuft zufällig hinein, ist für sich allein – und bleibt am Ende deutlich länger als geplant.
Der schönste Palazzo


Logenplatz der Superlative
Der Palazzo Franchetti zählt zu den Orten, die man während der Biennale gesehen haben sollte – selbst dann, wenn man mit zeitgenössischer Kunst wenig anfangen kann. Direkt neben der Accademia-Brücke gelegen, mit Blick auf den Canal Grande, gehört er zu den spektakulärsten Palazzi der Stadt. Interessant ist auch seine österreichische Geschichte.
Mitte des 19. Jahrhunderts kaufte Erzherzog Friedrich Ferdinand von Österreich das Gebäude, als Venedig noch Teil des Habsburgerreichs war. Vieles, was Besucher heute sehen – die monumentale Treppe, die Holzarbeiten oder die großen Säle –, stammt aus dieser Zeit.
Man steht in den riesigen Räumen und blickt durch beeindruckend große Fenster direkt auf den Canal Grande, auf Vaporetti, Gondeln und die Accademia-Brücke. Bis 22. November 2026 werden hier zwei Einzelausstellungen gezeigt, die auch ohne Biennale-Ticket kostenlos besichtigt werden können.
Der bittersüßeste Beitrag


Süße Luster und harte Wirklichkeit
„Still Joy“ im Palazzo Contarini Polignac nahe der Accademia ist keine Ausstellung, die man einfach besichtigt. Man bewegt sich durch ehemalige Wohnräume, vorbei an schweren Samtvorhängen, abgedunkelten Salons und einer provisorisch verhängten Bibliothek.
Alles wirkt ein wenig staubig, leicht verblasst und trotzdem unglaublich schön. Man ahnt, wie hier einmal gelebt wurde. Mitten in diesen Räumen hängen die Arbeiten der niederländischen Künstlerin Simone Post: absurd schöne Luster aus Süßigkeiten und Marshmallows. Pastellfarben, verspielt, beinahe kitschig.
Mit der Zeit beginnen die Materialien langsam zu zerfallen – die venezianische Luftfeuchtigkeit arbeitet sichtbar mit. Genau daraus entsteht die Spannung der Ausstellung. „Still Joy“ beschäftigt sich mit Krieg, Verlust und Erinnerung in der Ukraine. Gezeigt werden Videos aus Mariupol, aus Schützengräben oder vom Nachtleben in Kiew.
Der ungewöhnlichste Pavillon
Willkommen im Kunst-Kindergarten
Im japanischen Pavillon bekommt man – wenn man will – ein Baby in die Hand gedrückt. Genauer gesagt: eine Babypuppe. Mehr als 200 davon gehören zur Arbeit „Grass Babies, Moon Babies“ von Ei Arakawa-Nash. Die Puppen werden von Besucherinnen und Besuchern getragen, gewickelt oder weitergereicht. Man wird automatisch Teil der Ausstellung.
Zeitweise wirkt der Pavillon wie eine Mischung aus Performance, Kindergarten und sozialem Experiment. Arakawa-Nash lebt in den USA und arbeitet oft mit Musik, kollektiven Aktionen und Performance. Ausgangspunkt der Arbeit war seine eigene Erfahrung als queerer Vater von Zwillingen. Dahinter steckt aber auch ein größerer Gedanke: Fürsorge und gegenseitige Abhängigkeit ins Zentrum eines Nationalpavillons zu stellen.
Der Pavillon wirkt leicht, verspielt und manchmal bewusst absurd. Gerade dadurch spricht er ziemlich direkt über Gemeinschaft, Verantwortung und Rollenbilder. Manche Kritiker feiern den Beitrag als einen der zugänglichsten und emotionalsten der Biennale. Andere finden die Idee stärker als ihre Umsetzung. Gesprächsstoff liefert der Pavillon trotzdem – schon allein wegen der vielen Babys mit ihren verspiegelten Sonnenbrillen, die vor Fernsehern sitzen, an Treppengeländern hängen oder sich hinter einem Feuerlöscher verstecken.
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 22/2026 erschienen.







