Die abstrakten Ansichten von Helmut Swoboda sind höchst subjektive, multisensorische Naturerlebnisse, die er in einem vielschichtigen Malprozess auf den Bildträger bannt. Ein Auseinandersetzen mit Gegensätzen, die in Dialog treten und lebendige Bildräume eröffnen.
© VGN | Osama Rasheed
„Vermutlich fertig“, kündigt Helmut Swobodas Nachricht auf dem Smartphonedisplay eine Bilddatei an. Dahinter versteckt sich eine Leinwandarbeit von monumentaler Größe, die an einem hölzernen Querbalken auf der Giebelseite seines Amstettener Sommerateliers lehnt. „Arbeiten größeren Formats sind Ergebnisse der warmen Jahreshälfte“, markiert das Großformat den Auftakt der diesjährigen Saison in der einstigen Scheune des alten Vierkanthofs einer befreundeten Familie. Kleinere Formate entstehen im ausgebauten Dachboden des Stadthauses.
Dimensionsunabhängig müssen Swobodas Bilder ein- und dieselben Kriterien erfüllen, um ihm die vage Zuschreibung „vermutlich fertig“ zu entlocken: „Wenn das Gesamtgefüge stimmig ist, nichts mehr nervt oder irritiert und ich gut damit leben kann, ist der Idealzustand erreicht – zumindest für den Augenblick“, so der Künstler. „Nachträglich kann es immer Elemente geben, die man anders machen würde.“ Das entscheidende Kennzeichen einer vermutlich fertigen Arbeit ist jedoch das Zugeständnis einer gewissen Autonomie: „Das Werk muss den Zahn der Zeit überdauern können – das Bild muss für sich sprechen, ohne dass die malerische Handschrift, der Duktus des Schaffenden, sich zu sehr in den Vordergrund drängt.“


"Vermutlich fertig", kündigt eine Nachricht von Helmut Swoboda die monumentale Arbeit im Format 210x220 cm an.
© BeigestelltGegensätze auf einem Nenner
Eine Bemühung um Ausgewogenheit ist treibende Kraft in Swobodas gestisch-informeller Abstraktion und richtet letztlich über die Autonomie seiner Werke. „Unsere Welt beruht auf Gegensätzlichkeit“, setzt er zur Erklärung an. Und verdeutlicht: „Etwa die Stofflichkeit dieses Tischtuchs, die Glätte des Glases oder das Raue des Putzes“, deutet er vom Schanigarten aus auf die gelbe Fassade des Gasthauses Reinthaler im Herzen Wiens. „Oder besser noch: Die geschwungenen Stuhlbeine in Bezug zu den scheinbar geraden Teerlinien im Asphalt. Eine Bewegung braucht immer eine Gegenbewegung – erst aus diesen Kontrasten ergibt sich ein Dialog und letztlich eine Dynamik, die Dinge überhaupt erst spannend macht“, begründet er seine bildnerische Motivation. „Gelingt es, dass sich dieser Dialog zweier oder mehrerer Bezugspunkte auf dem Bildträger fortsetzt, entwickelt die Arbeit einen inneren Rhythmus und wird dadurch lebendig.“
Um autonom funktionieren zu können, ist es Swobodas künstlerisches Bestreben, ebendiese Gegensätzlichkeit in seiner Malerei auf einen Nenner zu bringen. „Nur durch dieses kompositorische Gleichgewicht zwischen Ruhe und Dynamik gelingt es, sich der bildnerischen Wahrheit ein Stück weit anzunähern.“ Wie er diese definiert? „Etwas Fesselndes, das sich in Worten nicht ausdrücken lässt – die finale Komposition muss für sich eine Selbstverständlichkeit vorweisen können. Selbst dann, wenn ein Bild monochrom ist, muss es trotz des maximalen Grades an Abstraktion schlüssig bleiben.“
„Sie müssen zum Hollegha“
Letztere – die Abstraktion – ist Swoboda, der bereits im frühen Kindesalter das Zeichnen für sich entdeckte, spätestens seit seinem Studium bei Wolfgang Hollegha ins Stammbuch geschrieben. Als „Nicht-Angepasster“ realisiert er im „Auffangbecken“ ebenjener, wie er die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt bezeichnet, dass die limitierende Erfüllung der Erwartungshaltung der Werbeindustrie seinem Drang nach Kreativität geradezu diametral gegenübersteht. „Bilder in Museen und Ausstellungen haben mich immer schon mehr interessiert als die Welt der Werbung – diese Schnelllebigkeit der Konsumgesellschaft war nichts für mich.“
Stattdessen möchte Swoboda seine eigenen malerischen Möglichkeiten ergründen. Die Sehnsucht nach kreativer Entfaltung führt ihn auf Anraten seines Lehrers Emil Toman an der Graphischen zur Akademie. Mit einer Mappe unterm Arm wird er am Schillerplatz – ohne Termin – bei Max Weilers Assistenten vorstellig, der ihm in Anbetracht der Reife seines Werks die Frage stellt, ob ein Malereistudium sinnvoll ist. Unmittelbar darauf folgt das heute Undenkbare: Swoboda besucht, von der Akademie kommend, eine Ausstellung in der Galerie Ulysses, wo der renommierte Galerist John Sailer von sich aus einen Blick auf die in der Galerie abgestellte Mappe des Akademieanwärters werfen will. „Sie müssen zum Hollegha“, erinnert sich Swoboda an die spontane Eingebung seines Gegenübers. Wenig später macht Sailer die beiden miteinander bekannt. In Swobodas damaligem Stilpluralismus erkennt Wolfgang Hollegha in den kleinen Skizzen seine Gabe, Gesehenes umzusetzen. Er bittet um Bleistiftzeichnungen ohne Schattenwurf und Schraffur – dabei könne man nicht tricksen. Sie überzeugten.


In einem vielschichtigen Malprozess eröffnet Swoboda in seiner Malerei abstrakte Naturansichten.
© BeigestelltMultisensorisches Naturerleben
„Hollegha war ein Reibebaum, der uns Studierende von Zeit zu Zeit durchaus auch an unsere Grenzen bringen konnte“, schwelgt Swoboda schmunzelnd in Erinnerungen an seine Studienzeit. Doch das Autoritäre soll sich bezahlt machen: Hollegha schärft jenes Talent, das ihn am Studenten auffiel – das genaue Sehen durch das Zeichnen.
Swoboda merkt früh, dass es für ihn nicht alleine die isolierte, visuelle Wahrnehmung sein soll, die ihm in seiner Arbeit als Grundlage dient. „In meiner Kunst baue ich mir meine eigene Welt“, so der Künstler. „Dazu male ich Dinge, die es mir erlauben, zu entdecken, was ich noch nicht kenne.“ Swobodas Malerei wird zur Reflexion allgemeiner Wahrnehmungsprozesse. Vom genauen, auf stetem Hinterfragen basierenden Sehen ausgehend, geht es ihm um das Zusammenwirken sämtlicher Sinneseindrücke. „Mit der Zeit entwickelt man eine bewusstere Wahrnehmung, die zu Erkenntnissen führt, die für andere im Verborgenen bleiben. Es setzt sich ein unterbewusstes Suchen in Gang, das kein Ende zu kennen scheint.“
Den Ausgangspunkt seiner Suche liefert die Natur: Swobodas Bilder sind somit höchst subjektive, multisensorische Naturerlebnisse – sie sind Mitbringsel zahlreicher Wanderungen. In deren Darstellung – einem Oszillieren zwischen Nahsicht und Fernblick – geht es dem Künstler keinesfalls um die Bildhaftigkeit des Erlebten, sondern um dessen Transformation. Das Motiv dient als Mittel zum Zweck und ist in den seltensten Fällen in leisen Spuren zu erahnen. „Es geht nicht um das Offensichtliche, um das gegenständliche Nachempfinden – eine objektive Wahrheit gibt es ohnedies nicht.“ Eine bildnerische hingegen schon. „Sie ist jedoch subjektiv und obliegt dem Schöpfer.“


Gegenständlichkeit im Abstrakten
Obwohl Swobodas Malerei eine abstrakte ist und er früh – mehr oder weniger – der Gegenständlichkeit entsagt, hält er doch ein Stück weit an ihr fest: „Wer seine Sinne schärft und über eine Sensibilisierung für seine Umwelt verfügt, denkt anders und ist imstande, selbst in der noch so fortgeschrittenen Abstraktion Zusammenhänge zu erkennen“, ist Swoboda überzeugt. Zum Beweis zückt er sein Smartphone: „Hier siehst du eine Waldlandschaft“, zeigt er rhetorisch fragend das Display. Sogleich entzieht er es meinem Blick, zoomt in die Fotografie hinein und zeigt mir erneut dasselbe Bild. „Jetzt erschließt sich der Wald, das Motiv, erst auf den zweiten Blick – Vertikales, Horizontales und Schräges eröffnen nämlich einen eigenen bildnerischen Raum, der zunächst abstrakt erscheint, aber im Grunde realistisch bleibt.“ Noch deutlicher wird es, als Swoboda zu Serviette und Stift greift. „Im Grunde haben wir nun gerade und geschwungene Linien, die eindeutige Blickachsen formieren“, begleitet seine Stimme den Zeichenprozess. „Wir haben also zwei Gegensätze, die uns als Bezugspunkte dienen. Außerdem haben wir hier im Bild hartes, raues Gestein und dort drüben weiches Moos – malerisch ließe sich auch das auf dem Bildträger, etwa durch Deckkraft oder Textur, in Bezug zueinander setzen“, schraffiert er mal sanfter, mal stärker. „In genau diesen kontrastierten, natürlichen Bezugspunkten entsteht letztlich die Bildgeschichte, die im Abstrakten einen naturalistischen Rückschluss zulässt“, beäugt er die Serviette kritisch.
Streben nach Freiheit
Die Fotografie ist nicht ohne Grund entstanden: „Wenn ein optischer Eindruck während eines Naturaufenthalts mein Interesse weckt und motivisches Potenzial bietet, wird fotografiert oder skizziert“, beschreibt er den Ausgangspunkt der künstlerischen Genese eines Bilds. Ein konzeptueller Ansatz, der im Atelier vorerst der Emotion und Intuition weicht. Sich an einem breiten Spektrum unterschiedlichster Medien – von Eitempera über Wachsemulsion bis hin zu Acryl – bedienend, wird zunächst Farbe auf den waagrecht liegenden Bildträger geschüttet oder gewischt. Mittels Pinsel oder Spachtel wird dann der grundlegende Bildaufbau bestimmt. Dieser entwickelt sich in einem langwierigen Prozess Schicht um Schicht. Dabei setzt sich ein Dialog – ein konsequentes Be- und Hinterfragen – in Gang. „Meine Malerei entsteht aus der Malerei – sie ist eine stete Reaktion auf das, was sich im Prozess auftut. Wie bei der Entwicklung eines analogen Fotos tritt die konkrete Schlüssigkeit erst in der Entwicklung hervor.“ Aus diesem Grund male er auch nicht „en plein air“: „Außerdem geht es mir nicht um eine impressionistische Momentaufnahme, sondern um die malerische Wiedergabe der Vielschichtigkeit der Sinneseindrücke eines erlebten Augenblicks, und die braucht nun mal Zeit.“


Alte Papierarbeiten erleben in seinen Collagen aktuell eine künstlerische Renaissance, ehe er sie malerisch auf Leinwand übersetzt.
© BeigestelltZeit, die man sich im Alter gerne nimmt: „Sich der Euphorie des Malakts zu ergeben, ist nur zu einem bestimmten Grad förderlich“, so der 68-Jährige. „Es braucht eine gewisse Distanz – das bewusste Beiseitestellen – zur Beurteilung, ob die Malerei funktioniert oder nicht.“ Gerade ist Swoboda am Ausmisten von Papierarbeiten. „Arbeiten, denen ich im Entstehen wohl nicht die nötige Distanz gewährt habe“, lacht er. Sein vielschichtiger Arbeitsprozess erlaubt zwar bei Nichtgefallen den Auftrag neuer Schichten, aber irgendwann sei der Punkt erreicht, an dem nichts mehr geht. Im Falle der Papierarbeiten ist er gerade versucht, diesen Punkt zu überschreiten. Er zerreißt und collagiert sie zu Neuem – eine bildnerische Renaissance. Brüche, wie sie im malerischen Œuvre Swobodas wiederkehrend auftreten. „Schließlich bin ich niemandem verpflichtet, außer mir selbst. Und das Letzte, das ich möchte, ist, dass mir bei der Arbeit langweilig wird.“ Deshalb folgt er in seinem explorativ-experimentellen, erfahrungsbasierten Prozess, in dem er sich dem Zufall nicht verschließt, auch keinen Regeln. „Man setzt sich Grenzen, um diese zur überwinden. Meine Kunst ist ein permanentes Streben nach Freiheit – der Name ist schließlich Programm“, lacht er mit Verweis auf seinen Nachnamen. „Aus dem Tschechischen übersetzt bedeutet Swoboda nämlich genau das: Freiheit.“


KUNSTTIPP
Eine Auswahl an Helmut Swobodas Arbeiten ist in der Galerie AMART (7., Halbgasse 17) zu sehen.
Anlässlich seines 70. Geburtstag plant das Museum Liaunig in Kärnten im Frühjahr 2028 eine große Ausstellung – gezeigt wird ein Querschnitt durch Swobodas Œuvre.






