Moderne Beziehungen verstehen sich als gleichberechtigt – bis ein Kind kommt. Dann tragen Frauen oft die Folgen einer gemeinsamen Entscheidung. Zusammen mit ihrem Partner entwickelte Magdalena Sporkmann daher ein Modell, das Verantwortung neu aufteilt und vertraglich regelt. Im Interview spricht sie darüber, warum Mutterschaft für Frauen zum wirtschaftlichen Risiko wird und warum wir Elternschaft neu verhandeln sollten.
Frau Sporkmann, die Entscheidung für ein Kind gilt oft als rein emotionale Angelegenheit. Sie verfolgen einen bewussteren, fast schon strategischen Ansatz. Warum?
Für uns ist die Entscheidung für ein Kind eine der größten unseres Lebens. Die Verantwortung dafür möchten mein Partner und ich bewusst gemeinsam tragen. Deshalb wollten wir sie nicht nur emotional treffen, sondern auch strukturell im Vorhinein durchdenken: Welche Verantwortung entsteht, welche Risiken gibt es, welche finanziellen Folgen? Und vor allem: Wie können wir das fair aufteilen, sodass wir als Familie sicher aufgestellt sind.
Wie teilen Sie die Verantwortung konkret auf?
Grundsätzlich wollen wir die Care-Arbeit 50:50 teilen. Gleichzeitig gibt es einen Teil davon, der nicht aufteilbar ist: die Schwangerschaft und Geburt. Dieser bringt für mich als Frau finanzielle Nachteile – Stichwort „Motherhood Lifetime Penalty“ – und gesundheitliche Risiken mit sich, die ich allein trage.
Deshalb haben wir einen finanziellen Ausgleich vereinbart. Dabei geht es nicht um eine Bezahlung für die Schwangerschaft an sich, sondern um den Ausgleich von Einkommensverlusten, Karriereeinbußen und potenziellen Kosten durch gesundheitliche Risiken. Wir haben diesen einmaligen Ausgleich in zwei Raten – nach Feststellung der Schwangerschaft und zur Geburt – in einem Ehevertrag festgeschrieben.
Wie sind Sie auf diese Lösung gekommen?
Durch viele Gespräche. Wir haben uns aktiv für ein Kind entschieden und uns früh gefragt, was ein Kind in unserem Leben verändert, welche Ängste und welche Erwartungen wir haben. Wir wollten nicht blind darauf vertrauen, dass sich schon alles fair regelt, sondern das im Vorfeld aktiv gestalten. Die Idee eines finanziellen Ausgleichs kannte ich aus einem Artikel über ein Paar in den USA. Daraus haben wir gemeinsam ein Modell entwickelt, das zu unserer Situation passt.
Es geht nicht um Bezahlung für eine Dienstleistung, sondern um einen Ausgleich für einseitige Nachteile
Ihre Vereinbarung gilt als ungewöhnlich. Wie hat Ihr Umfeld reagiert?
Sehr unterschiedlich. Manche waren interessiert, andere irritiert, einige haben es klar abgelehnt. Ein häufiger Vorwurf ist, ich würde mich fürs Kinderkriegen bezahlen lassen. Das ist ein Missverständnis: Es geht nicht um Bezahlung für eine Dienstleistung, sondern um einen Ausgleich für einseitige Nachteile. Wenn finanzielle Ungleichgewichte entstehen, verschiebt sich oft auch die Machtbalance in einer Beziehung. Unser Ziel war es, auf Augenhöhe zu bleiben – auch langfristig und für unser Kind.
Manche Paare fürchten sicher, solche Vereinbarungen würden etwas sehr Emotionales zu stark rationalisieren.
Ich erlebe das Gegenteil. Unklare Erwartungen führen oft zu Unsicherheit und Konflikten. Wenn Dinge vorab geklärt sind, entsteht Sicherheit. Ein Ehevertrag ist wie eine Reisekrankenversicherung: Man hofft, dass der Ernstfall nie eintritt, aber zu wissen, dass es eine Absicherung gibt, gibt uns ein gutes Gefühl. Das reduziert das Streitpotenzial, da wir uns auf Augenhöhe begegnen und wissen, dass beide Partner langfristig finanziell unabhängig bleiben.
Solange Frauen systematisch benachteiligt werden, müssen Paare die Dinge selbst regeln
Spielen finanzielle Überlegungen eine Rolle dabei, dass Frauen später oder gar keine Kinder bekommen?
Da bin ich mir sicher. So wie in unserer Gesellschaft Elternschaft gelebt wird, ist es für viele Frauen unattraktiv. Viele Frauen sehen, welche beruflichen und finanziellen Nachteile mit Mutterschaft verbunden sind. Sie fürchten Einkommensverluste, geringere Aufstiegschancen oder Abhängigkeit vom Partner.
Was müsste sich gesellschaftlich ändern, damit sich mehr Frauen für Kinder entscheiden?
Es braucht bessere strukturelle Rahmenbedingungen, wie verlässliche Kinderbetreuung, familienfreundliche Arbeitsmodelle oder Mutterschutz für Selbständige. Der private Ausgleich, den wir gewählt haben, ist letztlich eine Reaktion auf politische Lücken. Wenn diese geschlossen würden, bräuchte es solche individuellen Lösungen weniger.
Wenn mehr Paare solche Vereinbarungen treffen würden …
Dann hätten Frauen mehr Sicherheit und Handlungsspielraum. Solange Frauen jedoch systematisch benachteiligt werden, müssen Paare die Dinge selbst regeln. Wenn Frauen besser abgesichert wären, würden sich wieder mehr von ihnen für Kinder entscheiden. Paare profitieren immer davon, wenn beide Partner finanziell gestärkt und unabhängig bleiben. Es erweitert die Optionen – als Eltern und als Partner.
Steckbrief
Magdalena Sporkmann
Magdalena Sporkmann ist Autorin, Speakerin und Mentorin mit den Schwerpunkten Finanzen und Selbstbestimmung. Nach ihrem Studium der Literaturwissenschaft, Germanistik und französischen Philologie arbeitete sie im Journalismus, in Verlagen und in der Öffentlichkeitsarbeit, zuletzt als Pressesprecherin einer NGO. 2025 ist ihr Buch mit Anne Wolf „Wer heiratet, muss nicht zu allem Ja sagen“ im Penguin Verlag erschienen
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 22/2026 erschienen.






