Sie sind heute 80 und älter, und sie sind im Zweiten Weltkrieg aufgewachsen. Als Verfolgte, als Kinder aus Täterfamilien – und es gab ganz viel dazwischen. Was sie eint: Die Kindheit im Krieg hat diese Generation geprägt. Für Historikerinnen und Historiker sind sie die letzten Zeugen dieser dunklen Zeit.
Sind Kriege zu Ende, widmet sich die Geschichtsschreibung zunächst einmal der großen Erzählung: Warum hat er begonnen? Wer hat welche Schlachten und den Krieg insgesamt gewonnen und warum? Wer musste beim Friedensschluss welche Zugeständnisse machen? Dann: Wie viele Opfer gibt es? Später beginnt man nach den einzelnen Schicksalen und den verzweifelten Versuchen der Menschen, den Alltag zu bewältigen, zu fragen. Und womöglich noch später: Was heißt es, Kind zu sein im Krieg?
Die letzten Zeugen
Zwei Ausstellungen beschäftigen sich derzeit mit Kindern im Zweiten Weltkrieg. Im Wiener Neustädter Museum St. Peter in der Sperr macht noch bis 5. Juli die Wanderausstellung „Für das Kind“ halt, die jenen rund 10.000 verfolgten, hauptsächlich jüdischen Kindern gilt, die zwischen Dezember 1938 und September 1939 aus den von den Nazis beherrschten Ländern Österreich, Deutschland und der damaligen Tschechoslowakei nach Großbritannien gerettet werden konnten. Im Haus der Geschichte Niederösterreich in St. Pölten läuft die Schau „Kinder des Krieges. Aufwachsen zwischen 1938 und 1955“, die sich unterschiedlichen Bevölkerungs- bzw. Opfergruppen widmet.
Neben jüdischen Kindern geht es auch um Besatzungskinder, Kinder, die im einzigen österreichischen Lebensbornheim geboren wurden, oder eben um jene, die während der Kriegs- und Nachkriegsjahre aufwuchsen. Am 7. und 8. Mai finden hier Thementage statt, bei denen neben Historikerinnen und Historikern auch Zeitzeuginnen und -zeugen sprechen werden. Gestaltet wurde diese Ausstellung von Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung und Professorin für Zeitgeschichte an der Uni Graz, sowie dem Leiter des Hauses der Geschichte Niederösterreich, Christian Rapp.
„Jetzt hat man noch die Gelegenheit mit dieser Generation, die im Krieg geboren wurde oder da Kinder waren, zu reden und ihre Erinnerungen einzufangen“, sagt Stelzl-Marx, „für sie war das eine extrem prägende Zeit.“ Kinder hätten diese zum Teil anders erlebt als Erwachsene. Manche haben auch positive Erinnerungen an die Soldaten der Roten Armee, andere fanden die Flieger, die ihre Angriffe flogen, aus sicherer Entfernung interessant, berichten Zeitzeugen in den Interviews. Bei vielen heute alten Menschen kehrt hingegen oft die Furcht zurück, wenn samstags zu Mittag die Sirenen heulen, wie es in vielen Gemeinden Usus ist.
Grundsätzlich gilt: „Kinder sind eine besonders vulnerable Gruppe“, so Stelzl-Marx, „weil sie besonders auf ihre Bezugspersonen angewiesen sind.“ Doch die Väter waren im Krieg, kamen entweder nicht oder verletzt und traumatisiert zurück. Familien, die in deren Abwesenheit von den Müttern geführt wurden, kehrten nach der Heimkehr der Väter „oft wieder sehr rasch in ein sehr traditionelles Gefüge zurück“, so Stelzl-Marx. Der renommierte Historiker Gerhard Botz, selbst ein Kind des Kriegs, erzählt in der Ausstellung, die Nachricht vom Tod des Vaters habe ihn „nicht sonderlich berührt, weil ich ihn nicht gekannt habe. Ich habe es nicht verstanden“. Er sei dann mit Mutter und Großmutter „als Schwiegersohn- und Ehemannersatz aufgewachsen, was extrem schwierig ist“.
Späte Wahrheit
Geschwiegen wurde in vielen Familien darüber, welche Rolle die Väter im Krieg gespielt haben. Stelzl-Marx erzählt von Nikolaus Pichler, dem Leiter des Lagers Liebenau in Graz, in dem ungarische Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Er wurde 1947 von einem britischen Militärgericht zum Tod verurteilt. „Seine drei Kinder haben jahrzehntelang nicht gewusst, wieso der Vater nicht da war. Das war ein Tabuthema.“ Erst als ihnen eine Verwandte davon erzählte, begannen sie zu recherchieren und unterstützten später eine Ausstellung über das Lager mit Exponaten. „Eine Tochter hat dort mitgehört, was die Besucherinnen und Besucher sagen. Sie hat mir gesagt: ,Das muss ich jetzt aushalten, das bin ich den Opfern schuldig‘“, erinnert sich die Zeithistorikerin.
Vom Schweigen der Nachkriegszeit berichtet auch Christian Rapp, der Leiter des Hauses der Geschichte Niederösterreich. Anders als in Deutschland, wo Kinder und Jugendliche früh in dem Bewusstsein der Verantwortung aufgewachsen seien und bald erkannt hätten, „dass es einen Unterschied gibt, zwischen jenen, die in diesem Krieg waren oder aufgewachsen sind, und jenen, die wegen ihr Herkunft systematisch verfolgt und ermordet wurden“, galt in Österreich über Jahrzehnte der politisch bequeme Opfermythos. „Es hat bei dieser Generation länger, bis in die 1980er-Jahre, gedauert, bis man gesagt hat: ,Wir waren schon auch Täter‘.“
Viele haben gelernt, wegzuschauen, unangenehmen Dingen auszuweichen, man ist in einem Krisenmodus aufgewachsen und damit, zu funktionieren

Geschwiegen wurde aber auch, weil über Erlebtes nicht gesprochen werden konnte. Rapp berichtet von seiner Tante, der die Erinnerungen fehlen, während sich seine Mutter – die jüngere der beiden Schwestern – an alles erinnern konnte. Auch wenn Verallgemeinerung schwierig ist, sieht er eine Gemeinsamkeit dieser Generation: „Viele haben gelernt, wegzuschauen, unangenehmen Dingen auszuweichen, man ist in einem Krisenmodus aufgewachsen und damit, zu funktionieren.“
Eine angepasste Generation
Überrascht habe ihn, dass die Kinder und Jugendlichen des Kriegs in der Zeit danach „wenig aufbegehren. Die gehen nach 1945 ganz schnell wieder in Organisationen, wie Pfadfinder, katholische oder sozialistische Jugend, tragen Uniform, fahren auf Zeltlager mit Morgenappell und marschieren gemeinsam. Wenn man sich Fotos von damals anschaut, muss man ganz genau schauen, ob die Uniformen ein Hakenkreuz tragen.“ Die sogenannten Halbstarken kommen erst in den späten 50er-Jahren. Und: „Die renitenten Schlurfs dieser Zeit werden sowohl von der katholischen also auch von der kommunistischen Presse als unnütze Mitglieder der Gesellschaft stigmatisiert“, sagt Rapp.
Er verweist zudem auf den Unterschied zwischen Stadt und Land. Stadtkinder waren von den Auswirkungen und Zerstörungen des Kriegs stärker betroffen, da dort oft kriegswichtige Ziele lagen. Am Land war lange Zeit die Versorgung mit Lebensmitteln besser, weswegen Familien aus der Stadt auch dorthin flohen. Dafür hätten die Stadtkinder später schneller vom Aufschwung profitiert, während sich „für Kinder am Land bis in die 60er-Jahre oder noch länger wenig änderte“. Das gelte besonders für Gebiete, die unter russischer Besetzung bzw. später am Eisernen Vorhang lagen.
Viele Interviews mit den Kindern und Jugendlichen dieser Zeit wurden für die Ausstellung geführt. Manche Geschichten berühren die Gestalter besonders. Rapp erzählt von Herbert Binder, der später erster Verlagsleiter der NÖ Nachrichten und 32 Jahre lang Geschäftsführer des niederösterreichischen Pressehauses war. Er ist 1937 geboren. Mit sechs Jahren verlor er seinen Vater. Geblieben ist ihm dessen von einem Granatensplitter zerstörte Armbanduhr und ein Foto von ihm als kleines Kind, das der Vater bei sich hatte, und das ebenfalls durchlöchert ist.
In einem letzten Brief, einen Tag vor seinem Tod, schrieb der Vater, an der Front sei es gerade ruhig, zur Sicherheit schicke er aber die Nummer seines Postsparkassenkontos. „Als Binder 1955 maturiert hat, war ein Drittel der Klassenkollegen ohne Vater. Und er schildert, wie in der Wohnhausanlage, in der er lebte, die Kinder von Tätern und Opfern miteinander gespielt haben. Die einen Eltern waren Verfolgte, die anderen Eltern waren Nazis.“ Binder hätte bei allem, was er später tat, auf gute Kooperation mit jenen geachtet, die politisch woanders standen. „Wir müssen zusammenhalten, hat er gesagt. Heute fehlt das ein bisschen“, sagt Rapp.


Stadt und Land: In den Städten waren die Kinder zunächst stärker von den Folgen des Kriegs betroffen, am Land war die Versorgungslage besser. Allerdings profitierte man in der Stadt schneller vom Aufschwung der Nachkriegszeit
© APA-Images, ÖNB-Bildarchiv, Croy, OttoKinder der Befreiung
Barbara Stelzl-Marx liegen „ihre Besatzungskinder“ besonders am Herzen, mit denen sie seit früheren Forschungsprojekten in Kontakt ist. Rund 30.000 dieser Kinder wurden in Österreich geboren. Eine von ihnen, Eleonore Dupuis, wird auch bei den Thementagen im Museum sprechen. News durfte sie 2020 für einen Artikel über die „Kinder der Befreiung“ besuchen. Erst mit neun Jahren, erzählte sie damals, habe sie erfahren, dass ihr Vater russischer Besatzungssoldat war.
Es war eine kurze Liebesbeziehung, die Mutter wusste danach nur den Vornamen des jungen Manns, nicht aber den Nachnamen und woher er kam. „Ich habe einen Vater nie vermisst“, sagte sie, „sonst hätte ich wohl früher versucht, ihn zu finden.“ 1996 sah sie eine BBC-Dokumentation über Soldatenkinder, die ihre Väter gefunden haben, das weckte diesen Wunsch auch bei ihr. Sie lernte Russisch, ab 2002 fuhr sie regelmäßig nach Russland, trat in einer Fernsehsendung auf, die sich der Suche nach Vermissten widmet. Es ergaben sich Spuren, keine führte zum Ziel. Sie sucht noch heute. Von einem anderen Fall erzählt die Historikerin: Ingeborg Louzek, die sich ebenfalls in einen jungen Rotarmisten verliebte. Der desertierte, um bei ihr zu bleiben.
Die beiden bekamen einen Sohn, Hans, zogen in den amerikanischen Sektor und kamen in Kontakt mit dem US-Geheimdienst. Beide wurden verhaftet, nach Russland verschleppt und hingerichtet. Hans kam ins neu gegründete SOS-Kinderdorf und wurde erst Jahre später von seiner Großmutter gefunden. Nur durch Zufall kamen die Historikerin sowie Hans und seine Tochter zueinander. Die Familie bekam von ihr ein Foto aus dem russischen Strafakt und Gewissheit über die Eltern. „Ein schreckliches Schicksal“, sagte Stelzl-Marx damals zum Sohn. „Noch schrecklicher ist die Ungewissheit“, war die Antwort.
Es geht um Gewissheit
Um Gewissheit ging es auch Valentin Erben, eines der letzten Kinder, das im Lebensbornheim im niederösterreichischen Feichtenbach geboren wurde. Die Eltern waren damals überzeugte Nazis und verschwiegen ihm lange, wo er zur Welt kam. „Ich kreide es ihnen nicht an“, sagte er zu News, als wir über die Forschungen zum Lebensbornheim berichteten, „aber es wäre hilfreich für unsere ganze Generation gewesen, wenn unsere Eltern mit uns gesprochen hätten. Wir haben daraus gelernt, dass man so mit seinen Kindern nicht umgehen soll. Das ist wie ein Rucksack, der dem Kind umgehängt wird.“
Das Schicksal wirkt nach
Schauplatzwechsel. Regelmäßig lädt das Jewish Welcome Service jüdische Opfer der Nazis sowie deren Nachkommen nach Österreich ein. News trifft bei dieser Gelegenheit die Familie Harry Kesslers. Wenn er heute auf sein Leben blickt, schaut er auf eine Landkarte des Überlebens. 1930 wurde er in Wien geboren, seine Kindheit verbrachte Harry, der damals noch Heinz gerufen wurde, im dritten Bezirk. Als er sieben Jahre alt und der „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich erst ein paar Wochen alt war, flohen seine Eltern mit ihm ins tschechische Brünn.
Ein Jahr später waren sie auch dort nicht mehr sicher, durch einen Zufall entkamen sie dem Naziterror dann ins Vereinigte Königreich. Dort lebt Kessler seitdem, lernte eine neue Sprache und das alte Leben zu vergessen. Dennoch ist seine Familiengeschichte auch Jahrzehnte später nicht abgeschlossen, sondern sie hat sich vererbt: in Haltungen, Entscheidungen und seinen drei Kindern. Peter, Liz und Caroline sind lange nach 1945 geboren und trotzdem tragen sie das Schicksal ihres Vaters auf ihre Weise weiter: Liz verarbeitet die Familiengeschichte in „Als die Welt uns gehörte“ – ihrem Roman, der den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt.
Ich hoffe, dass wir in Zukunft Generationen großziehen, die sich nicht gegenseitig umbringen
Caroline und ihre Tochter nahmen die österreichische Staatsbürgerschaft an. Naziverbrechen und die Flucht ihres Vaters waren im Hause Kessler lange Zeit kein Thema. Was der Holocaust ist, erfuhr Sohn Peter durch eine Dokumentation im Fernsehen, als er elf Jahre alt war. Dass die Last seiner Großeltern und seines Vaters irgendwann zu seiner wurde, lässt sich Peter Kessler erst anmerken, als er mit den Tränen kämpft. Peter ist mittlerweile Mitte sechzig und im Rahmen des Jewish Welcome Service mit seinen Schwestern zu Besuch in Wien. Es ist nicht das erste Mal, dass sie die Heimatstadt ihres Vaters besuchen – „ein Zuhause, von dem er vergessen hat, dass es mal eines war“, wie Peter sagt.
Ähnlich wie bei Caroline und Liz prägt die Vergangenheit des Vaters auch seine Gegenwart. Als Produzent filmte er mehrere Dokumentationen über den Holocaust. Zuletzt gründete er eine jüdische Schule. Nachdem Harry lange Zeit kaum über seine Kindheit gesprochen hat, tut er nun das Gegenteil und es seinen Kindern gleich. Mittlerweile reist er durch das ganze Land, um seine Geschichte in Schulen zu erzählen. „Ich hoffe, dass wir in Zukunft Generationen großziehen, die sich nicht gegenseitig umbringen.“ Die Kesslers zeigen: Das Trauma der Vertreibung verschwindet nicht, es transformiert sich nur.
Die Suche nach den eigenen Wurzeln wird irgendwann zur Lebensfrage. Der Wunsch zu erfahren, woher man kommt, wird brennender

Stelzl-Marx spannt am Ende den Bogen von den Kindern des Zweiten Weltkriegs zu den Kindern des Ukrainekriegs, über die sie ebenfalls forscht. Auch dort werde es beispielsweise Besatzungskinder geben. Sie beschreibt eine Grundfrage der Kinder des Kriegs: „Die Suche nach den eigenen Wurzeln wird irgendwann zur Lebensfrage. Der Wunsch zu erfahren, woher man kommt, wird brennender. Wo komme ich her? Warum sehe ich so aus? Warum habe ich dieses Talent? Das ist heute nicht anders als vor 80 Jahren.“
Dieser Beitrag ist ursprünglich in der News-Printausgabe Nr. 17/2026 erschienen.







